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Lätitia überhörte die letztere Nachricht in ihrer Freude ganz und umarmte Maria mit Feuer, was diese gleichgültig geschehen ließ. Ihr war so wunderbar dumpf zu Muthe.
Glücklicherweise lag es nicht in dem Wesen der alten Dame, weitere Reden an diese ihr so erwünschte Wendung der Dinge zu
knüpfen. f In der Dämmerung kam die Baronin Lautenberg zu einem Plauderstündchen. Kaum saß sie mit ihrer alten Freundin bequem vor dem Ofen, dessen Gluth durch eine große Gitterthür das ganze Zimmer mit spielendem Gelblicht erfüllte und dessen Ungemüthlich⸗ keit verhüllte, als sie leise begann:
„So ist also alles mit Totzenbach aus, liebe Lätitia, Sie glauben nicht, wie mir das leid thut.“
„Wieso?“ fragte die alte Jungfer, die mit unendlichem Ver⸗ gnügen sah, daß sie heute mal wieder Katze und Maus mit der „lieben“ Lautenberg spielen konnte. In dem langjährigen Freund- schaftsbündniß war die Rolle der Katze zu oft auf den Antheil der Letzteren gefallen, als daß Lätitia sich nicht bei jeder Gelegenheit mit Wonne gerächt hätte.
„Ich versichere Sie, Beste,“ entschuldigte die Lautenberg sich, „daß ich noch gestern mein Möglichstes in Ihrem und Maria's Interesse gethan habe.— Paula bat mich, Maria für den Abend mit in das Theater zu nehmen—“
„Damit sie für Elma freies Terrain hatte; kann es mir denken. Uebrigens standen Sie sich nicht schlecht dabei, meine Liebe, denn ich weiß, Sie sind nicht eifersüchtig auf jugendliche Schönheit, Maria ist wie der Magnet, der seine Kraft durch Berührung mit⸗ theilt.“
„Ganz richtig! Es ist keine schlechte Politik, sich im Verblühen mit reizenden Mädchen zu umgeben. Ich betrachtete also mein Loos auch durchaus nicht als ein Opfer; im Gegentheil, ich wollte gern allen Parteien dienen; Lornow nahm ich selbst in Anspruch, Totzenbach hatte so Maria für sich und obendrein machte ich ganz scherzend dem Mädchen Lornow's Stellung klar, kurz, ich denke alles ist in Ordnung, da begegnet mir Paula heute früh und flüstert mir aus ihrem Wagen in den meinigen: Lätitia hat eine Niete gezogen, unter dem Vorwand einer Erkrankung seiner Mutter ist der liebe Baron plötzlich abgereist— wie leid thut mir die arme Tante Lätitia!“
„Und ich versichere Sie, Liebe, Paula that es aufrichtig leid.“
„Paula? Sie würde mir den Genuß, den sie selbst an ihrer Elma schon mehrfach erlebte, sicherlich von Herzen gönnen, das wissen Sie so gut wie ich, mein Herzenskind“, sagte Fräulein von Goostädt,„sehr erfreut zu wissen, wie Gräfin Paula gesprochen und doch immer über denselben Klatsch geärgert, den sie liebte.“
„Paula ist wirklich sehr betrübt, sie hätte Maria gern so glänzend versorgt gewußt!“
„Nun, mein Herzchen, so erzählen Sie der lieben Paula, daß Maria und Totzenbach so gut wie verlobt sind!“ sagte mit unaus— sprechlichem Lächeln Lätitia.
Das prasselnde Feuer im Ofen warf einen röͤthlichen hellen Schein auf die beiden alten Gesichter, die sich Auge in Auge, die Sessel dicht neben einander gerückt, ansahen. f
Schön war das Bild nicht gerade, aber außerordentlich charak- teristisch, und da Läͤtitia die Siegerin war, so lachte sie triumphirend hell auf und rief:„Ich wollte, daß ich Sie so photographiren lassen könnte, liebste Lautenberg.“
1 1 80 ignorirte den Hohn vollständig, so sehr war sie ver⸗ üfft.—
„So gut wie verlobt?“— echote sie nur.
„Unter uns, ja! Der Baron hat sich mit seinem Antrage an mich gewendet, Maria ihn acceptirt und wenn sie sehen wollen, was Sie so schwer glauben, so gehen Sie in das Cabinet, dort steht sein Bouquet und— doch kommen Sie!“
Fräulein Lätitia klingelte nach der Lampe
und zeigte der Baronin Maria's Blumen.
Dann fragte sie den Diener, ob er
den Postschein für den eingeschriebenen Brief an Fräulein Mai-
peter abgeliefert habe.
Der Mensch besahte und Lätitia flüsterte:„Mein Brief mit Maria's Zusage an Totzenbach.“
Die alte Lautenberg war im Grunde zu interessirt für gute Parthieen, um sich noch länger zu ärgern uber ihre alberne Rolle von vorhin. Außerdem hielt sie es stets mit dem Sieger.
Die beiden alten Damen saßen nach lange zusammen, besprachen
ausführlich die Totzenbachschen glänzenden Verhältnisse, ihre Ver⸗ wandtschaften u. s. w. und aufrichtige Anerkennung wurde Lätitia von der Baronin für ihre mütterliche Fürsorge zu Theil.
Sie hatten sich vollständig des Weiteren über alles ausgesprochen, was für das Wohl des jungen Paares dienlich schien und Lätitia das Versprechen von ihrer„Jugendfreundin“ erhalten, tiefstes Ge heimniß zu bewahren, denn natürlich hatte sie vorhin nur im
Aerger die Worte:„Sagen Sie Gräfin Paula—“ hervorge-
stoßen.
Nein, nein, kein Laut— kein Hauch sollte das interessante Geheimniß verrathen! So schieden sie, nachdem sie sich geküßt und Lätitia sagte sich, sobald sie allein war: Wie diese Paula sich ärgern wird! Aber um so besser, Maria kann nicht wieder zurück, selbst wenn ihr die Lust dazu käme.
(Fortsetzung folgt.)
Noch nicht verloren. Novelle von Hermann Birkenfeld. (Fortsetzung.)
Eigentlich hatte Krohne nur den letzten Satz begriffen. Dieser jedoch ließ ihn vor Schreck, nein, vor Entsetzen still stehen.
„Waldemar ist—“
„Ausgekniffen,“ sagte Gerta. g
„O Gott! Und Adele—— die Landräthin—“
„Sollten froh sein, einen Lumpen weniger in ihrer Familie zu haben.“
„Sie sind—“
„Scharf bin ich, wie sich's in diesem Falle gehört— und wie man mich peu à peu geschliffen hat. Halten Sie denn für er⸗
forderlich, daß eine Schwester um den Bruder trauert, der— seine 8
Mutter einfach bestiehlt, um sie in ihrem Elend herzlos sitzen zu
sich förmlich.„Heute ist Saalfelds Wechsel protestirt worden. das heißt der, welchen Tante Mathilde einzulösen hatte, für die Deckung seiner eigenen scheint der saubere Herr gesorgt zu haben— morgen wird der alte Ringwitz die Wechselklage erheben und zugleich die niedliche Saalfeldsche Hypothek von zwanzigtausend Thalern, welche auf Schönholz haftet, kündigen.
lassen? Wenn ich einen solchen Bruder hätte—,“ Gerta w, 05
Vetter Bergfeld hat unter
solchen Umständen für gut befunden, alle seine schönen Pläne gegen
ein Eisenbahnbillet nach D. einzutauschen und abzudampfen; sein 1 Urlaub war ja auch fast zu Ende, und Adele——“ Sie stockte. Es schien, als“
„Adele weiß sich natürlich gar nicht zu fassen.“ habe Gerta etwas Anderes sagen wollen, wenigstens hätte ihr Be. gleiter, selbst im blassen Schein des Mondes, der eben zum ersten
Male die Nebel strahlend durchbrach, sehen können, wie ihre Wangen 1
sich lebhafter färbten. Er schaute jedoch nicht seitwärts.
„Bitte, kommen Sie schnell.“
Diesen Abend mußte Rahdebrok noch ziemlich lange mit seinem Herrn und dessen Begleiterin zusammensitzen und rechnen. Auch Balzer hatte man noch hercititt. Fünftausend Thaler waren zu beschaffen, aber von wem? Alfred wollte sie durchaus auf sich nehmen und hätte es ja wohl auch richtig gethan, wenn nicht Fräulein Gerta so energisch mit dem kleinen Fuß aufgestampft hätte.
„Wozu habe ich denn nur mein Geld? Glauben Sie etwa, es wäre ein so Leichtes für Tante Mathilde, mir nichts, Dir nichts von einem Fremden ihre Schulden bezahlen zu lassen?“
„Aber es sind ja nicht ihre Schulden!“ warf Rahdebrok ein.
„Sie stehen auf ihren Namen. Ob ihr Sohn sie gemacht hat oder nicht, ist doch wohl gleichgültig. Die Erste aber, die Tante Mathilde beizusteben verpflichtet ist, bin ich. Hätte ich nur zu rechter Zeit von der ganzen Sache gewußt. Aber darüber zu lamentiren ist nun zu spät. Und hier ist die Zusammenstellung von Allem, was ich habe, im Ganzen neuntausend Thaler, die in Obligationen bei der. schen Bank deponirt sind. Ich bin alt genug, um frei darüber verfügen zu können, und— hätte es mit dem Gelde nur ein bischen Zeit, ich brauchte Euch Alle miteinander nicht,“ rief die kleine Dame förmlich erbost, als Niemand Miene machte, ihr beizustimmen;„Sie nicht, Herr Balzer, und Sie,
Rahdebrok, erst recht nicht, und—“ sie sprach sich nicht weiter J
aus, nur ein Blick flog nach Alfred Krohne hinüber.


