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Er konnte nicht verhindern, daß er erröthete. Ihr entging dies nicht; es trat ein sichtbarer Schrecken in ihre kalten wasser⸗ hellen Augen.
„Ganz recht, Tante Lätitia, ich bin es!“ entgegnete er entschlossen. Das unruhige Forschen in ihren Augen blieb.
„Willst Du also selbst mit Maria sprechen?“
„Wenn Du es wünschest. Erwarte von mir aber keine Be⸗ einflussung.“
„Was willst Du ihr zum Beispiel sagen?“
Er nahm den Brief des Barons und zeigte darauf.
„Ich werde sie fragen, ob sie im Stande ist, dem freies Herz in freiwilligem Entschluß zu geben!“
„Nun, fange es immerhin an, wie Du willst; Du bist trotz Deiner Theorien doch eine zu praktische Natur, um nicht hier das Richtige zu sehen.“
„Ob ich es sehe, Tante, um Maria.“
„Natürlich, da sie Dich aber sehr hochstellt, so acceptire ich Deinen Rath, mit meiner Weisheit in der Reserve zu bleiben. Gehe immer hin und bringe mir gute Nachricht. Maria braucht nicht einmal eine Ausstattung, wenn sie Totzenbach nimmt,“ rief sie ihm noch nach.
Da fiel Onno das Gespräch mit dem alten Mentink ein. Er kam zurück und erzählte Lätitia den Inhalt desselben.
„Natürlich hat Dein Vater das Dokument irgendwie verzettelt, darüber ist Niemand in Zweifel gewesen; aber daß man es noch fände.— Pah!“
„Tante, es handelt sich um ein Rittergut— wenn ich mir das sage und die Ueberzeugtheit des alten Mannes bedenke—! Man müßte vom Papa ganz genau erfragen, wo er jene Tage in Berlin zugebracht? Ich denke auch schon an eine Reise dahin— man wird mir vielleicht nicht verweigern, daß ich die Akten im Archiv durchsuche.“
„Reise nach Berlin! Larifari! Der alte Mann spekulirt auf Deine Leichtgläubigkeit. Sage ihm nur, Du hättest kein Geld und er wird Dich weiter nicht behelligen.“
„Du irrst Dich, Tante, der alte Mann bot mir sogar sein Geld an, sein ganzes Vermögen“, sagte Onno, und wie immer kam ihm ein Frösteln an über ihre innerliche Verödung. Sie glaubte nur an das Schlimme in ihren Mitmenschen. Sie sah ihn erstaunt an, dann sagte sie achselzuckend:
Nun, so kannst Du ihm ja erlauben—1*
„Das denkst Du hoffentlich nicht von mir,“ rief er und er⸗ widerte das Achselzucken, indem er sie mit seinen großen strengen Augen fest anblickte.
Sie lachte.„Beunruhige Dich nicht, mein Söhnchen, ich weiß, was ich an Dir habe. Du brauchst Dich nicht mit solchen Dummheiten aufzuregen— denn Du wirst dereinst mein Erbe, Du weißt es!“
Er küßte ihre Hand, aber von Neuem schwer aufs Herz, Helo willigen würde.—„Aber sei es darum, nicht,“ sagte er sich im Fortgehen.
Nun konnte er Helo sehen. Alle seine Bedenken hielten vor der glücklichen Aussicht nicht Stand; er hatte sich nie so leicht und froh gefühlt und es war ihm daher eine bittere Enttäuschung, als der Portier ihm sagte, soeben sei die Frau Gräfin mit Comtesse Helo spazieren gefahren.
Warum mit Helo? Wo war denn Elma? Er stieg ver⸗ stimmt die Treppe hinan; die Kammerfungfer begegnete ihm und berichtete auf seine Frage, Comtesse Elma übe mit dem Ballet⸗ meister die Kostümquadrille für den Polterabend der jungen russischen Prinzeß.— Die arme junge Komteß hatte immer so viel zu thun! Die Frau Gräfin sorgten sich ordentlich, daß es Komtesse schaden konne. 0
Wo seine Schwester sei? fragte er.
Frau Wachsmann wußte es nicht, aber horch— da spielte sie ja wohl im Salon.
Es wurmte ihn immer von Neuem, Schwester hier galt.
Dann horchte er mit Erstaunen; es war etwas wie ein Choral, der vom Salon her ihm entgegenklang, oder ein Psalm oder der- gleichen, er wußte es nicht recht.
Baron ein
ist nicht von Belang, es handelt sich
fast mit Widerstreben und ihm fiel daß sie nie in seine Verlobung mit ich verkaufe mich ihr
wie wenig seine verwöhnte
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Als er die Thür leise öffnete, sah er Maria müde und in sich zusammengesunken am Flügel sitzen; sie spielte gedankenvoll die ernste Melodie und war wieder so blaß, wie in den ersten Wochen ihres Hierseins. 0
Verstimmt, wie er über Helo's Abwesenheit war, nahm er mit unbewußtem Egoismus nicht viel Notiz von all diesen Wahr- nehmungen. Sie fielen ihm erst später wieder ein. 0 0
„Hänge Deinen Mantel um, Maria, Du mußt hinaus, ein Spaziergang wird Dir wohl thun. Warum hast Du Tante Paula und Helo nicht begleitet?“ sagte er, während sie hastig und wie erleichtert aufstand.
„Ich habe keine Aufforderung erhalten; sind sie ausgegangen?“ war ihre Antwort. Er ärgerte sich von Neuem.
„Nun, bei dieser allgemeinen Vernachlässigung konnte es ihr nicht schwer werden, das Anerbieten eines eignen Heims anzunehmen,“ dachte er.
Maria erzählte ihm, Helo sei mit der Tante wahrscheinlich in den Konfektionsläden, wo sie für die Wintergesellschaften ausgestattet werden solle, denn Gräfin Paula habe sich plötzlich entschlossen, ihre Jüngste diesen Winter nun doch schon auftreten zu lassen. 8
„Damit Maria um so weniger Gelegenheit hat, Elma Konkurrenz zu machen.— Mit drei jungen Mädchen wird Gräfin Paula nicht ausgehen, folglich ist es an Maria, zu Haus zu bleiben,“ sagte Onno sich und zugleich, daß jetzt Helo in derselben Weise ihr Leben mit nichts vertrödeln sollte wie Elma. Er war wüthend, doch durfte er etwas sagen, außer gegen Maria?
Und diese seufzte nur leise und in ihren Augen lag ein Ernst, der ganz anders blickte als das Heimweh und die Melancholie der ersten Wochen.
Als sie draußen auf einsamen Wegen gingen— das Wetter war milder geworden— nahm er ihren Arm, erzählte ihr von Totzenbachs Briefe und wie es ihn erstaune, daß der sonst so selbst⸗ gewisse Mann die Tante Lätitia gebeten habe, Maria zu sondiren und für ihn zu sprechen.
Maria zeigte sich dagegen nicht im Mindesten überrascht oder erschreckt, sie rief nur mit einem tiefen Erröthen und hoͤrbarem Bangen:
„Jetzt schon? Er ist sehr schnell.“
„So erwartetest Du seinen Antrag über kurz oder lang?“ fragte ihr Bruder. 5
„Noch nicht,“ sagte sie leise.
„Aber von seiner Liebe wußtest Du?“
„Seit gestern Abend. Ich konnte darüber nicht im Zweifel bleiben.“
„und was sagt Dein Herz, Maria?“
Sie fuhr ein wenig zusammen und sah verstört vor sich hin.
„Sprich, Maria— oder besser, prüfe Dich, was Du für den b Baron empfindest.“ „Laß uns nicht viel darüber sprechen, Onno, ich kann es nicht
Ich glaube, er ist ein guter, ehrenwerther Mann.“ „Sehr heftig. Die Totzenbachs haben nach der Richtung hin einen schlimmen Ruf, Maria; ich muß Dir das sagen.“
„So? Nun, Heftigkeit ist der schlimmste Fehler nicht, mir floͤßt er keine Furcht ein. Papa ist nie zornig, nie in Leidenschaft; ich habe oft ungeduldig gewünscht, ihn einmal sich aufregen zu sehn.“
„Nun, Du mußt wissen, Kleine, was Du willst. Ich glaube, Du bist gar schon entschlossen, den Antrag anzunehmen?“
„Das bin ich, Onno. Ich habe die Nacht über nicht eine Sekunde geschlafen und mir Alles bedacht. Der Baron will Ehr⸗ stein kaufen; er thut es nur mir zu Liebe, glaube ich; wenigstens klang es so aus seinen Reden. Später, als wir bei Frau von Lauten⸗ berg Thee tranken, sagte er auch allerlei, woraus ich entnehmen konnte, daß er unsere Verhältnisse kennt und gut gegen Mama und Papa sein will.— Dann brauchen wir Tante Paula's Gnaden nicht mehr.“
„So ist es dieser Grund, der Dich bestimmt?“ fragte er, er⸗ schrocken von der Erregung, in welcher sie das Letzte sagte.
„Nur zum Theil, Onno.“ f
„Aber ich darf Deine andern Gründe wissen? Du liebst also den Baron? Glaubst wenigstens, ihn lieben zu können?“ f
„Frage nicht weiter, Onno. Ich bin entschlossen, und— Du weißt— ich werde stets meine Pflicht thun.“
gut.
„Die treue Pflichterfüllung ohne die Liebe ist eine traurige Gegengabe für ein ganzes Herz, Maria.“ 1
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