Ausgabe 
13.11.1887
 
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SBeilage

zu den

Oberhessischen Uachrichten.

Nr. 46.

Gießen, den 13. November.

Eine gute Vartie.

Roman von L. Haidheim. (Fortsetzung.)

Nun, mein junger Herr, kann man gratuliren? empfing Tante Lätitia ihren Neffen, als er hernach bei ihr eintrat.

Sie war in bester Laune. Die Maipeter hatte gestern erfolg- los nach zweistündigem Warten ihren Wachtposten vor dem Ohlau⸗ schen Hause aufgegeben und beim Nachhausefahren Onno aus dem Isenreutschen Palais kommen sehn.

Keinenfalls hatte er sich mit Henriette verlobt das war eine Herzenserleichterung für das alte Fräulein, welches ihn jetzt um keinen Preis an eine jugendliche Braut verlieren wollte. Ihn ihre Sinnesänderung aber merken zu lassen, hätte sie sehr thöricht

gefunden. Onno Hooglander hatte diesen Empfang vorausgesehen. Ja, gnädige Tante, gratulire immerhin; es ist ein außer⸗

ordentlich befriedigendes Gefühl, eine Dummheit vermieden zu haben, sagte er lachend.

Und welcher Engel stellte sich zwischen Dich und diese soge⸗ nannte Dummheit? fragte sie höhnisch.

Helo!

Der naseweise Backfisch! warf Tante Lätitia ihrem Neffen über die Achsel hin.Die Maipeter hat Dich aus Bolko's Hause kommen sehn und ich dachte gleich, daß Du natürlich erst mit Maria Rath gepflogen habest. Die macht aus dem Mädchen auch Wunder was. Na, einerlei! Es handelt sich heute um Wichtigeres, mein Söhnchen, als um Paula's Töchter. Lies dies Billet, seit zehn Uhr sitze ich hier und erwarte Dich!

Sie gab mit sehr zufriedenen Mienen ihrem Neffen einen Briefbogen von dickstem englischem Papier mit eigenthümlich großer Schrift bedeckt.

Onno las es und Ueberraschung malte sich in seinen Mienen.

Eine eigenthümliche Manier, Tante Lätitia, bei Dir, statt bei Maria selbst zu werben; denn natürlich ist dies eine verdeckte Bitte um Deine Intervention und Vermittelung!

So eigenthümlich wie Dir scheint mir nun gerade diese Manier nicht! Wenn Maria nicht solch ein überspannter Kopf wäre, so könnte er freilich den geraden Weg gehen, aber er fühlt sehr richtig, daß man in diesem hübschen Kopfe erst all den romantischen Krimskram aufräumen muß.

Und die Zeit, sie durch seinen Werth zu überzeugen und zu gewinnen, nimmt sich der Herr Baron nicht? Mir scheint, Niemand hätte besser Zeit dazu wie er. a

Er ist gestern, wie Du siehst, mit ihr zusammengewesen, fing Fräulein Lätitia an, diesen interessanten Gegenstand von einer andern Seite zu beleuchten.

Ja wohl! Ob er Lornow fürchtet? erwiderte ihr Neffe. Lornow? fuhr sie aus ihrem Behagen auf,kommst Du mir

auch mit dieser Narrheit! Lornow kann nicht daran denken, sie zu heirathen.

Das ist möglich, aber sollte das Beide verhindern, sich zu lieben? N

Liebe! Liebe! Sei kein Narr! Ein Mann ohne Vermögen hat die Pflicht, sich vor einer solchen Thorheit zu hüten! Die Pflicht gegen sich selbst, wie gegen das Mädchen. Herr Gott, wenn ich nur denke! Ich könnte toll werden vor Aerger. Deine Schwester wurde hierher gebracht, um eine gute Parthie zu machen

Tante, hörst Du fühlst Du denn nicht selbst, daß eine Brutalität in diesem Gedanken liegt, wie Du ihn aussprichst?

Larifari! Haben wir diesen Gedanken nicht alle gehabt? Haben wir ihn nicht in anderer Form auch ausgesprochen? Nun, jetzt bietet sich eine ganz unerhörte, unerwartete Chance und damit war sie von ihrem Thron herab und lief in der Stube auf und nieder.

Chance! wiederholte in zornigem Vorwurf Onno von Hoog- lander.

Was fällt Dir eigentlich heute ein, mein Junge? höhnte sie, vor ihm stillstehend.Ich meine doch, Du warest es selbst, der nichts sehnlicher hoffte und wünschte als eine gute Versorgung für Maria! Ich verlange Deine Hülfe bei dem Mädchen kann also Deine heutige sentimentale Stimmung so wenig brauchen, wie ich sie begreife nach unserer gestrigen Unterredung.

Eben die ist es, welche mich zwang, eine derartige Heirath einmal fest ins Auge zu fassen und mir die Vorbedingungen wie die Folgen klar zu machen, sagte er energisch.

Thu was Du willst, das heißt, moralisire und philosophire nach Herzensgelüsten, aber stimme mir zu: diese Heirath ist ein großes Glück für Maria!

Wenn sie Totzenbach liebt! Ich würde mir in der That keine bessere Parthie für sie wünschen können.

Die alberne Person, diese Lautenberg, machte mir auch schon Redensarten über Lornow und das Mädchen. Ich leuchtete ihr tüchtig heim, jetzt fängst Du auch an? Geh' und hole mir Maria!

Damit Du ihr Deine Lebensphilosophie predigen kannst? Das geschieht nicht! Maria soll nicht wissen, daß Du mit einem Cynismus über das Beste und Höchste im Leben denkst, der sie Dir sofort und auf immer entfremden würde.

Das streitsüchtige alte Fräulein stand plötzlich vor dem jungen Offizier still und sah ihm finster und forschend ins Gesicht. Dann sagte sie langsam:Du bist ja heute sonderbar klug und klar über das Beste und Höchste im Leben, mein Jüngelchen?