Ausgabe 
13.2.1887
 
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51.

Aber dann verschwand das Bild und der Gedanke wieder in dem düsteren Gewölk, in welchem er sich wie verirrt vorkam.

Es wäre Zeit gewesen zum Essen zu gehen. Aber jetzt die Kameraden sehen? Unter ihnen sitzen, lachen, plaudern wie sonst, denn er durfte ja keinen erfahren lassen, wie es um ihn stand, und das Alles mit der Gewißheit, daß er bald die geliebte Uniform für immer ausziehen mußte?

Ich fahre zum Prinzen. Er hat Dich gern, er ist der Einzige, der Dich vielleicht irgendwie placiren kann und der es auch thun wird. Ohne viel Worte, ohne Zögern, hatte sein Onkel ihn vorhin verabschiedet.

Jetzt sollte er sich reisefertig machen.

Mit dem Eifer eines Menschen, der so schnell wie möglich die Beschwerden, die er ertragen muß, schnell abwälzen will, gab er sich an das Ordnen seines Schreibtisches.

Dazwischen fuhr ihm immer wieder der Gedanke durch den Kopf, dies Alles sei ja nur ein furchtbarer Traum und dann kehrte er stöhnend, mit doppelter Hast, zu seiner Arbeit zurück.

Viel Werthvolles gab es nicht auszuscheiden aus dem Haufen von Billets, kameradschaftlichen Briefen, Einladungskarten ꝛc. Ihm fiel diese Werthlosigkeit seiner Bestrebungen heute zum ersten Mal selbst auf, bitter genug, denn er war mit seinem Onkel das ganze Reich der Möglichkeit durchgegangen, einen andern Lebenslauf für sich zu finden und Beide hatten nirgend ein Fundament entdeckt, auf dem er sein Haus der Zukunft bauen konnte. Er war ein guter, schneidiger Kavallerieoffizier das war Alles. Genug bis jetzt, ihm die besten Chancen zu eröffnen nichts, nachdem er sich diese Laufbahn verschlossen.

Endlich war Alles geordnet, was nun?

Da stand und lag eine Menge hübscher Plunder, den man verkaufen konnte. Pah! Eine Bagatelle gab der Althändler dafür.

Erich Willwarth dachte nicht an sich zunächst bei diesem Lösen aller gewohnten Bande. Emmy! Er kannte ihr warmes, zärtliches Wesen und ihre Haltlosigkeit nur zu gut. Theo hatte kein Wort zu viel gesagt von ihr. Aber Diringer! Diringer und sie! Also Liebe war es gewesen, was Theo so weich und sanft gegen seinen schroffen, scharfkantigen Freund machte? O, und sie waren nun durch ihn wirklich hoffnungslos? Konnte er denn je gutmachen, was er gethan?. a

Es überwältigte ihn von Neuem, wie so oft schon heute. Er schlug die Hände vor das Gesicht und jetzt allein mit sich brach ein krampfhaftes Schluchzen aus seiner Brust.

Das erleichterte ihn nach einer Weile, aber nun kam auch die vollständige Zerschlagenheit ihm zum Bewußtsein.

Da rasche Schritte.

Es war Diringer; er klopfte und als Erich nicht gleich öffnete, sondern sich still verhielt, in der Hoffnung, der Freund werde wieder gehen, rief dieser:Erich, Erich!

Jener öffnete. Diringer sagte nichtGott sei Dank, er lebt, aber es stand deutlich auf seinem Gesicht.Armer Kerl, wie siehst Du aus! rief er und ohne weitere Worte hin und her hielten die Freunde sich umarmt. ö

Diringer war ein mittelgroßer, breitschultriger Mensch,viereckig hatten sie ihn im Kadettenhause genannt und dieKubikwurzel auch in Bezug auf sein Wurzeln am Arbeitstisch und seine mathe matische Größe. Der fest geformte eckige Kopf war ganz das Bild eines halsstarrigen Fleißes und Denkens und das einzig schöne an dem jungen Manne die leuchtenden Augen und seine starken weißen Zähne.

Thu mir nur den einzigen Gefallen, den Kopf nicht zu ver⸗ lieren! rief er und führte den Freund zum Sopha, wo Erich auch todtmüde niedersank.

Ich gebe mir die größte Mühe! Mein Gott, Ewald, ich hatte keine Ahnung, daß Kyburg und Bläümeler mich einfach belogen!

Die Er hielt das böse Wort zurück, um Erichs willen, Kyburg und Blümeler mit einem und demselben Ausdruck zu cha⸗ rakterisiren, konnte er Erich nicht anthun.

Du weißt Alles? Von Theo? An mich denke ich nicht an Euch, Ewald, an Euch! Das bringt mich auch noch von Sinnen!

Ich sagte mir wohl, daß es so stehen würde mit Dir, Theo bereut es so sehr daß sie gerade jetzt Dir von unserer Liebe sprach, das arme Mädchen ist trostlos, so heftig gewesen zu sein, rechne es ihr nicht an. Der Schlag kam zu unerwartet und sie ist zu leidenschaftlich

Ihr entschuldigt Euch noch wohl gar bei mir? Aber sage mir, weißt Du Rath? Hast Du eine Idee, wie ich bis an mein natürliches Ende mich hinschleppen soll unter der Wucht der Selbst⸗ vorwürfe?

Ich wollte, Du hättest ein Bruchtheilchen von Deines Schwagers Philosophie. Als ich eben von Theo kam, saß er im Kasino am Fenster und las die Zeitung mit einem wahrhaft beneidenswerthen Gleichmuth. Lasse uns übrigens die Sache vernünftig ansehen. Alle Aufregung nutzt nichts, schadet nur, um meinetwegen sorge Dich vor Allem nicht. Ich kann Alles mögliche werden, z. B. Lehrer, Gouverneur eines Prinzen oder an einem Kadettenhause und Theo liebt mich glücklichen Kerl merkwürdiger Weise mit vollkommener Blindheit, will mir folgen, wohin uns das Glück schickt, zur Ein⸗ richtung reicht mein kleines Kapital, kurz, wir Beide sind ganz schön heraus. Was Emmy anbetrifft, so bleibt sie beim Onkel, das ist ja selbstverständlich und wenn Grumbachs auch kein Ver⸗ mögen haben, so viel ist schon nachher übrig, um Emmy's Aus⸗ steuer zu besorgen oder falls sie wider Erwarten nicht heirathen sollte, sie sicher zu stellen durch Leibrente ꝛc., so sagt mir Deine Tante, ein Engel von Frau. Hättest Du gesehen, wie gütig sie auch mit mir war. Würdest also schließlich Du noch zu versorgen sein. Fortuna ist ein Frauenzimmer, welches nicht ungerührt bleiben wird, wenn ein so hübscher Junge traurig blickt. Uebrigens ist Onkel Excellenz beim Prinzen und Du weißt, dieser liebt den Alten nicht nur, sondern protegirt auch mit Passion die Getreuen, wenn man ihn in schicklicher Weise in's Vertrauen zieht.

Sie wurden gestört.

August von Froysberg stand auf der Karte, welche der Bursche herein trug.

Erich Willwarth fuhr wüthend auf.Das sehlte noch! Was will der hier? Jetzt! Hast Du gesagt?

Zu Befehl, Herr Baron, da Sie den HerrnHauptmann!

Zum Tollwerden! Geh', ich bedauere!

Diringer hatte von Theo benachrichtigt Erich von dem Komplott sagen wollen, er haßte alle derartige Manöver. Jetzt war dazu keine Zeit mehr. Er machte nur eine lebhaft überredende Geste. Der Bursche stand und wußte nicht was thun. Erich fuhr sich mit der Bürste über das wirre Haar und zupfte und zog an seinem Rock.

Geh! Sage, der gnädige Herr sei willkommen.

Der Bursche schlüpfte hinaus, Diringer rückte schnell allerlei zurecht.

Der Gemeldete trat schon ein.

Eine gewisse Verlegenheit malte sich in dem nicht eben angenehmen Gesicht. Die Züge waren klein, zusammengedrückt. Eine über⸗ triebene Eleganz der Kleidung paßte nicht zu der knabenhaften un⸗ bedeutenden Figur. Bei alledem sprach das unverkennbare Verlangen nach einem Ausgleich aus den Mienen des Ankömmlings und nahm für ihn ein.

Erich Willwarth fühlte großes Erstaunen über diesen Besuch seines Vetters und doch wieder nicht, denn ihm war schon mehrfach von beiderseitigen Bekannten zu verstehen gegeben, daß Froysberg von Herzen wünsche, begangene Fehler wieder gut zu machen. Deshalb hatte Erich sich auch gescheut, eine Abweisung zu geben, obwohl er im nächsten Augenblicke schon wieder bereute, gutmüthig gewesen zu sein, denn mit dieser Stimmung diesen Gast zu unter⸗ halten, war unmöglich.

Herr August von Froysberg war näher getreten. Die Ver⸗ wirrung Willwarths entging ihm nicht. Erich ging ihm entgegen.

Verzeihen Sie, Vetter, Sie treffen mich gerade in einem Moment ungewöhnlicher Ordnungsliebe. Erich zeigte auf die vor dem Schreibtisch theilweise noch liegenden zerrissenen Papiere.

Im Gegentheil, ich muß um Entschuldigung bitten.

Erich stellte Diringer vor, dieser empfahl sich. Wie die Sache jetzt lag, war ein Aussprechen den beiden Vettern wenn nicht erwünscht für den Einen, so doch Beiden nothwendig.

Fatum! sagte Diringer vor sich hin, als er den Gang hinab schritt.

Froysberg schien wirklich sichtlich erleichtert. Erich wußte nicht recht, was denken und sagen. Gerade jetzt dieser Besuch und dazu seine innerliche Verstörung.

Ich weiß, Vetter Willwarth, Sie sind böse auf mich, und ich gestehe, Sie haben gewissermaßen ein Recht dazu. Ich bin gekommen,