Ausgabe 
13.2.1887
 
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es für Erichs Zukunft wichtig ist, daß die nur ihn selbst und diese armen Kinder treffende Unglücksgeschichte nicht in den Mund der Leute kommt. Ich bitte Sie das nicht zu vergessen.

Gewiß! Gewiß! mit größtem Vergnügen; d. h., ich wollte sagen selbstverständlich.

Nicht ein Schimmer von dem Bewußtsein seiner schweren Ver⸗ schuldung an dem jüngeren Schwager war in dem lächelnden, ge dankenlosen Blick zu lesen.

Wieder kochte der Zorn in dem General auf und stieg ihm in dunkler Blutwelle in die Stirn.

Aber wozu? Kyburg galt längst bei der ganzen Familie für unheilbar, und dennoch blieben sie Alle zweifelhaft, ob ihm wirklich das Verständniß für gewisse einfachste Rechtsgrundsätze abgehe, ob er nur ein Dickhäuter oder ein beschränkter Kopf sei, dem ein guter Fond von allgemeinen Kenntnissen und vor Allem ein gutes Theil Schlauheit beigegeben. Nach außen hin galt er eben nur für un⸗ bedeutend; seine harmlose Weise ließ ihn nirgend anstoßen, seine Bereitwilligkeit, der Meinung dessen zuzustimmen, mit dem er grade sprach, verschaffte ihm sogar den Ruf eines bequemen liebenswürdigen Gesellschafters. Das wußte er und in diesem Renommee sonnte er sich. Im Kreise der Seinigen sah man freilich tiefer, er schien es nicht zu ahnen und machte sich ausgiebig die Liebe zu Nutze, welche seiner reizenden Frau von allen Seiten gezollt wurde.

Der General und Erich hatten den Salon verlassen, und während sie, ohne auch nur mit einer Silbe die bitteren Gefühle zu berühren, welche sie Beide gegen Kyburg erfüllten, ernst und bis zur körper lichen und seelischen Ermüdung die Lage Erichs hin und her be leuchteten und seine Zukunftsmöglichkeiten erwogen, sagte Graf Kyburg zu den Damen mit der Miene eines Beschützers:

Was meint Ihr, wo ich gewesen bin? Die liebe Kleine hat am Ende gar gedacht, ich bekümmerte mich nicht um den armen Jungen? Er streichelte dabei zärtlich das Haar seiner jetzt sehr blassen Frau, in deren blauen, tiefen Augen nicht wie sonst ein stiller, ge duldiger Kummer lag, sondern Ungeduld und eine große Nervosität.

Nun? fragten die Generalin und Emmy. Sie hatten nicht eben Vertrauen zu der Hoffnung, die sein Ton in ihnen wecken sollte.

Auf Froysberg war ich und habe dem Vetter eine Andeutung gemacht, natürlich in der zartesten Weise, daß Erich ein zeitweiliger Landaufenthalt gut thun würde. Er nahm dienstliche Gründe an, ich ließ ihn dabei. Uebrigens schien ihm die Sache sehr erwünscht. Froysberg kommtzufällig heute herein und ladet Erich zu sich!

Die Frauen sahen sich betroffen an.

Das hätten Sie doch lieber nicht thun sollen, begann die Generalin, strich nervös über ihren grauen Scheitel und zupfte mit unsicherer Hand an den Bändern ihres Häubchens.

Die Mühe hätten Sie sich sparen sollen, Schwager, Sie wissen doch, wie Erich und Froysberg stehen! rief zu gleicher Zeit Theodora.

Ja, meine liebe Theo, ich weiß es, aber in der Noth frißt der Teufel Fliegen, verzeihen Sie das vulgäre Sprüchwort. Ich bin überhaupt der Meinung, daß es unrecht ist, den Vetter so vollständig links liegen zu lassen. Er ist ein guter Kerl, und wenn er nicht heirathet, ist Erich sein Erbe.

Ach, gehen Sie doch! Froysberg ist noch nicht Vierzig, wies seine Schwägerin ihn ärgerlich ab.

Nun und wenn er heirathen wollte, so ist er die brillanteste Partie, die ein Mädchen machen kann.

Und dabei glitt des Grafen lächelnder Blick über Emmy hin, die das blonde Köpfchen aufwarf und abweisend die Achseln zuckte.

Du meintest es gewiß sehr gut, lieber Albert, sagte sanft seine Frau,aber Du hättest doch lieber erst hören sollen, was der Onkel dazu sagt und ob Erich seine Abneigung gegen Froysberg überwunden hat. Du weißt, damals in der Erbschaftssache

Aber bestes Kind, das sind alte Geschichten! Laß sehen, sieben Jahr! Und daß Froysberg des alten Herrn Testament um stieß, wenn er konnte und sich in den Besitz des Vermögens setzte, zu welchem er genau dieselbe Verwandtschaftsberechtigung hatte, wie Erich das kann ihm kein Mensch übel nehmen.

Nein, gewiß nicht, mischte die Generalin sich in das Gespräch, und Erich wäre der letzte gewesen sich zu beklagen. Aber die Art und Weise

Die Tante hat ganz Recht, die Art und Weise ist es, welche Erich und wir Alle unschön fanden. Es läßt sich eine Sache oft rechtlich nicht verurtheilen, und ein anständiger Mensch fühlt sich

dennoch davon verletzt, sagte Theo mit einem finsteren Blicke und

abweisenden Ton.

Nun, am Ende hat Erich die Entscheidung! Albert handelte jedenfalls in bester Absicht! wandte seine Frau mildernd ein.

Mein armes, liebes Herzchen! Wollen sie Deinem Albert weh thun?

Graf Kyburg streichelte dabei wieder die Hand seiner Frau, und sein Ton klang belustigt und dankbar für diesen neuen Beweis ihrer Zärtlichkeit.

Sie liebte ihn abgöttisch; es gefiel ihm wenigstens so zu glauben, und vor Allem, es Andere nach besten Kräften glauben zu machen.

Gräfin Hedwig seufzte. Sie war die schönste der drei Schwestern Willwarth, und wenn auch auf ihren Zügen nicht mehr die Frische der Jugend lag, so trugen sie dafür einen Ausdruck von innerem Leben, der außerordentlich anziehend wirkte. Man sprach noch eine Weile hin und her. Die Damen mußten zugestehen, daß es das Beste sei, Erich glauben zu lassen, Froysberg komme zufällig. Ein schroffes Ablehnen des verwandtschaftlichen Besuches, der immer⸗ hin nach der jahrelangen Entfremdung ein Entgegenkommen bedeutete, wäre auch zu jeder andern Zeit nicht thunlich gewesen, wenn man nicht von Neuem den Leuten zu reden geben wollte.

Als sich vor sieben Jahren die Erbschaftsgeschichte abspielte und in den Zeitungen sogar besprochen wurde, hatten sie Alle dieses Herein⸗ ziehen ihres Namens in die Oeffentlichkeit sehr peinlich empfunden, wiewohl es Froysberg war, der getadelt wurde. Dann, als man darüber einig geworden, vor Allem auch dem General zunächst nichts zu sagen, nahm Graf Kyburg den Arm seiner Gemahlin und ging mit ihr nach Haus. Sein ganzes Aussehn war das eines Mannes, welcher sich mit Befriedigung bewußt ist, ein vortrefflicher Mensch und angenehmer Kerl zu sein.

Er hat gut lächeln! Sein Majorat kann ihm kein Mensch antasten, und hat er wohl mit einer Silbe davon geredet, daß er uns eine Entschädigung geben wolle? klagte Emmy hinter ihm her.

Als wenn er nicht schon so viel Abzüge für seine Gläubiger machen lassen müßte, daß man überhaupt nicht begreift, wovon sie existiren! seufzte die Generalin.

Und deshalb spielt er an der Börse und spekulirt! Der arme, arme Erich! schluchzte händeringend jetzt Theodora auf.Der arme, unglückliche Erich! Er muß den Dienst quittiren! Kein Ge danke daran, Soldat zu bleiben!

Sie weinten jetzt alle drei aus vollem Herzen.

Theo wußte nicht, wen sie mehr beklagen sollte, sich selbst und Diringer, oder Erich.

Als der Letztere später nach Haus ging, jetzt vollkommen mit sich darüber im Klaren, daß er sein Lebensschiff unrettbar selbst zum Stranden gebracht, fuhr eine elegante Equipage an ihm vorüber.

Er würde dieselbe ebenso wenig bemerkt haben wie alle andern Wagen und Menschen, die ihm begegneten, hätte nicht eine der beiden darin sitzenden Damen sich mit einer besonderen Hast nach ihm umgesehen.

Er grüßte mechanisch. Sicher eine Dame seiner Bekanntschaft, erkannt hatte er sie nicht und in der nächsten Minute war er auch schon völlig wieder in seine peinlichen Gedanken versunken.

Sein Bursche überreichte ihm, als er zu Haus anlangte, ein für ihn angekommenes Briefchen mit Geld beschwert.

Wer brachte es? fragte er mechanisch.

Ein Diener! Ich kannte die Livre nicht, erwiderte der Bursche.

Das Kouvert war von einer Männerhand geschrieben. Er öffnete es. Richtig, das Geld von dem kleinen Mädchen. Und der Herr Papa schickte es.

Erich sah nach der Unterschrift:Robert Calander, ein gänzlich unbekannter Name.

Der Mann schrieb aber durchaus angemessen. Mit mäͤglichster Kürze dankte er verbindlichst in seinem und seiner Tochter Namen für den der Letzteren geleisteten Dienst und schickte den Betrag zurück.

Wieder stand das junge Mädchen vor seiner Phantasie, deutlich, bis auf den kleinsten Zug ihm erinnerlich.

Wer sie wohl sein mochte? Ein Diener brachte den Brief? War er der ihres Vaters ihrer Herrin? g