zu den
Oberhessischen Machrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 13. Februar.
Theos hatte einen Ring aus ihrem Mieder gezogen, der an einer Schnur um ihren Hals hing. Ein Schreckensruf antwortete ihr. Alle waren sichtlich überrascht;
. Erich taumelte förmlich zurück und lehnte dann, schwer athmend, 5 14 an der Thür. 0 Hauptmann Diringer, eines Pastors Sohn, der aus leidenschaft—
licher Neigung Soldat geworden, war gänzlich vermögenslos. Wer hätte aber gedacht, daß die schöne, anspruchsvolle Theodora von Willwarth, die gefeiertste Dame ihres Kreises, den schlichten, stets 5 in gelehrte Forschungen vertieften Offizier liebte?
Theodora hatte sich abgewendet.
N Jetzt war es heraus, der flammende Zorn sank plötzlich in sich f zusammen, die vollständige Hoffnungslosigkeit ihrer Lage stand grell . vor ihr.
f Aber auf den Bruder hatten ihre Worte den tiefsten Eindruck . gemacht. Diringer war ihm ein lieber Freund. Er saß wie ver⸗
r nichtet. Konnte er noch leben nach diesem Auftritte? War es nicht anständiger, nicht der einzig mögliche Weg, sich aus dem Leben
f zu flüchten. Achtundzwanzig Jahre alt und sein Leichtsinn ließ ihn 0 das anvertraute Erbe hingeben für nichts, zu keinem auch nur halb⸗ t wegs vernünftigen Zwecke! Theo hatte in Allem Recht. Ihm brach 5 das Herz fast vor Qual.
ü„Komme mit, Erich, laß uns in meiner Stube überlegen,“ . forderte der Onkel ihn auf.
u„Der Herr Graf Kyburg!“ meldete der Diener.
0 Alle fuhren auf, wie ein Schrecken kam es über sie.
5„Albert! Albert!“ f
6 Da stand er schon in der Thür, eine aristokratische Erscheinung, 0 ein auf den ersten Blick schöner Mann.
6 Aber genauer betrachtend entdeckte man in den etwas vorstehenden 0 grell blauen Augen und den feinen Zügen ein stetes, geistloses 0 Lächeln, eine fahrige Unruhe des Blickes und ganz zuletzt hinter 7 einer scheinbaren Gutmüthigkeit etwas Anderes, Widersprechendes, . über das sich nur seine Nächsten klar wurden.
0 Lächelnd, lebhaft, mit der größten Herzlichkeit trat er ein; die 0 ehrlichste Gutmüthigkeit in Ton und Mienen.
l Da ist der arme Junge! Gott, Erich, wie mir das leid thut!
3 Hättest Du mich doch zum Teufel geschickt, als ich Dich um die Bürgschaft anging! Du weißt ja doch, wie wenig ich von Geschäften verstehe und daß ich's Dir gar nicht übel genommen hätte!“— Und damit schüttelte er seinem Schwager die Hand und war ganz Mitleid.— Erich versagte ihm dieselbe nicht einmal. Sie kannten ihn schon Alle; keiner war überrascht, aber achsel— zuckend schien man ihn zu ertragen. „Du hättest mir wenigstens volle Wahrheit geben sollen, stieß
Erna.
Novelle von L. Haidheim. Eortsetzung.)
Erich Willwarth heraus und entfernte sich aufspringend mit einem Blick voll Zorn und Verachtung von ihm.
„Na, laß gut sein, lieber Junge, die Geschichte ist rettunglos verpufft, das ist klar und wenn ich dies Ende geahnt hätte, so—“
„So würdest Du genau das gethan haben, was Du thatest, Schwager Albert, bitte, versuche doch ein einziges Mal wahr gegen Dich selbst zu sein!“ fuhr Theodora mit einem Hohn und einer Schärfe gegen ihn los, daß er eine Sekunde erröthete und ein giftiger Blick aus seinen Augen schoß. Aber schon hatte er sich gefaßt.
„Arme Kinder! Ich dachte mir gleich, Ihr Frauenzimmer würdet ein hübsches Geschrei machen,“ sagte er gutmüthig.
„Albert, Albert! Sie hat sich mit Diringer verlobt, und nun können sie sich nicht heirathen!“ rief seine Frau vorwurfsvoll— außer sich.
Er schaute überrascht auf. Dann zuckte er die Achseln.„Das ist ja ein wahrer Segen. Wie kann Theo an solchen Unsinn denken, Diringer zu heirathen. Das würde für sie passen. Hauptmanns⸗ frau— Kommiß, Pah. Diese Geschichte ist ja in Bezug auf ein so tolles Heirathsprojekt wie ein direkter Eingriff der Vorsehung zu betrachten.“ f
„Albert! Albert!“ rief seine Frau beschwörend. höhnisch auf.—
„Bitte, Kyburg, lassen Sie gefälligst die Vorsehung aus dem Spiel!“ sagte scharf der General.
„Ja, was soll denn nun mit diesem armen Jungen werden?“ fragte der Graf und liebkoste mit seiner feinen, weißen Hand seinen in zwei langen Enden auf die Brust fallenden Bart.
„Das wünschte ich eben mit meinem Neffen zu berathen. Sie entschuldigen uns wohl!“ versetzte kalt und finster der alte Herr.
Mit einer tadellosen Verbeugung trat Graf Kyburg zurück. Nicht eine Miene verrieth, daß er diese Behandlung empfand. Lächelnd schaute er umher, küßte zart die Hand seiner Frau, in deren Wangen ein tiefes Erröthen der Beschämung über seine Fühllosigkeit trat, nahm das Taschentuch der Generalin vom Teppich und überreichte es ihr mit bestem Anstand und flüsterte Emmy zu:„Tröste Dich nur, Kleine, Du machst eine brillante Partie, das ist unfehlbar!“
Auch die Generalin und die blonde Schwägerin setzten ihm nur die kälteste Höflichkeit entgegen. Keine wollte mit ihm zu thun haben.
Noch nie war er ihnen so verhaßt gewesen wie jetzt, obwohl sie ihn längst nicht leiden konnten.
Früher, da er um Hedwig warb, hatten der General und seine Gemahlin sich täuschen lassen und ihm die Nichte gegeben. Nun mußten sie ihn hoch halten vor der Welt.
Die Rücksicht auf die Welt fiel auch dem General wieder ein.
„Sie werden es ebenso für wünschenswerth halten, Kyburg, wie
Theodora lachte
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