Ausgabe 
13.2.1887
 
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Ihnen dies auszusprechen. Es thut mir nur sehr leid, daß ich mich vor von daß ich mich damals hinreißen ließ ich habe seitdem mancherlei einsehen gelernt und wir waren Beide jung, man hinterbrachte mir Aeußerungen von Ihnen kurz ich ging in einer Weise vor, die ich sehr bedauere.

Bitte, bitte, nicht weiter. Uebergenug, Vetter! rief Erich, diesem die Hand bietend. In seiner augenblicklichen Lage war er mehr als je bereit, Unrecht zu verzeihen, bedurfte er doch selbst der Milde und Nachsicht der Seinigen in so hohem Grade.

Froysberg schüttelte lebhaft und befriedigt die Hand Erichs. Ihm hätte keine bessere Gelegenheit kommen können, Frieden zu machen, denn nur durch diesen Frieden vermochte er zu erreichen, was sein Herz mit aller Gluth ersehnte. Da er Erich Willwarth's Lage kannte, sprach er mit Leichtigkeit und Vorsicht von allem Möglichen. Erich brauchte nur zu antworten und wenn er auch über sein ge⸗ heimes Verwundern nicht hinaus kam, so sagte er sich doch ehrlich, er habe sich Froysberg nicht so angenehm gedacht. Die sieben Jahre der gegenseitigen Entfremdung hatten einen ganznetten Kerl aus

ihm gemacht.

Natürlich spielte sich die Unterhaltung auf die Familie.

Froysberg fragte nach Allen und wußte doch ziemlich genau Bescheid.

Ich sah die Kousinen im vorigen Jahre in Häringsdorf, wir machten dann eine Fahrt nach Stettin auf demselben Dampfschiffe erzählte er. Daß er sich nicht vorgestellt, war begreiflich.

Erich hatte Wein bringen lassen sie rauchten.

Froysberg schien sich behaglich zu fühlen, er dachte nicht an den Aufbruch. Erich verspürte plötzlich starken Hunger, denn seit vier undzwanzig Stunden hatte er keinen Bissen genossen.

Ich würde mich sehr glücklich schätzen, wenn Sie Ihren Frieden mit mir durch meine Einführung bei Sr. Excellenz bekräftigen wollten, sagte endlich Froysberg.

Gott sei Dank. Ein Vorwand, ihn los zu werden. Tante gab es eine stets wohlversorgte Speisekammer.

Hunger, in solchen Gemüthsbewegungen. Erich schämte sich beinah, daß er hungrig war aber die Thatsache wurde ihm trotzdem immer klarer.

Er vergaß unter diesen Umständen, gleichgültig was Tante und Schwestern denken müßten, wenn er ihnen diesen Gast so sans fagon zuführte, er mußte essen. Gottlob, daß der Onkel noch nicht vom Prinzen zurück sein konnte.

Nachdem er schnell Toilette gemacht, gingen sie.

Wie merkwürdig. Er fühlte sogar in diesem Moment eine gewisse Gleichgültigkeit gegen seine Lage.

Unterwegs sagte Froysberg, der in sehr glückseliger Stimmung schien:Wissen Sie, Vetter, Sie sollten ein paar Tage zu mir kommen, fahren Sie mit. Die Pfingsttage über giebt man Ihnen ohne Weiteres Urlaub und ich will Ihr Kommen ansehn als die Gewähr, daß zwischen uns Alles ausgeglichen ist.

Erich fuhr zusammen, trotz seiner momentanen Stumpfheit. Da war ja, was er brauchte. Fort aus der Stadt! Urlaub!

Froysberg hatte dazu eine so unverkennbare Freude an dem guten Einvernehmen.

A la bonne heure! Sie machen mir das Nein unmöglich, aber wenn ich nun ja sagte? rief er zweifelnd.

Froysberg strahlte. Sein Plan glückte. Er schüttelte Erich's Hand und sah wirklich ganz roth aus vor Freude.

Unterdeß war Hauptmann Diringer eiligst zu den Damen zurück gekehrt, um zunächst ihnen Beruhigung über Erich zu geben und dann von dem Besuche Froysbergs zu erzählen.

Das Erstaunen der Schwestern und der Generalin war gleich groß.Schon jetzt? Was bewog ihn?

Froysberg Entgegenkommen, so schnell, so energisch und freund schaftlich nach allem, was zwischen Erich und ihm lag, war jedenfalls sehr überraschend und befremdlich.

Diringer konnte nichts weiter berichten als den guten Eindruck, den er von dem Vetter gehabt, er betonte, daß Froysberg's Be nehmen nichts zu wünschen übrig gelassen.

Wie kann man es nur ertragen, mit diesen Gefühlen im Herzen zu lächeln, zu plaudern. Mich dünkt es beinah unmöglich, daß das Leben so ruhig weiter treibt! klagte Emmy.

Und doch ist der Zwang zur Selbstbeherrschung das beste Mittel, sich wirkliche Ruhe zu gewinnen, entgegnete Diringer etwas lebhaft.

Bei der

Theo lächelte trotz ihres Kummers.Da Sckulmeister! Wer weiß nun führt Dich das Schicksal doch am Ende in Deinen wahren Beruf.

Fatum! erwiderte er lachend und küßte sie.

Nach kurzer Zeit mußte er gehen, der Dienst rief.

Das Unglück ist einmal unwiderruflich thut mir nur den Gefallen und zieht nicht durch larmoyante Mienen das allgemeine Mitleid auf uns und den bitteren Tadel aller Vernünftigen auf Erich. Wozu brauchen wir den Leuten auf die Nase zu binden, was außer Euch kein Mensch zu büßen hat? war noch einmal vor seiner Fahrt nach Schloß Riedbach des General's Mahnung gewesen.

Seine Frau und Emmy nahmen in den Nachkmittagsstunden deshalb verschiedene Besuche an, plauderten und lächelten, um hernach tief aufzuseufzen unter dem Druck dieser gesellschaftlichen Heuchelei.

Theodora hatte sich in ihr Zimmer eingeschlossen. Sie blickte zu klar, um auch nur für Momente das furchtbare Gewicht von Sorge und Entbehrung zu übersehen, welches für ihre Schultern als lebenslange Last bereit lag, und ebenso vermochte sie nicht, sich selbst über ihre Kraft zu täuschen.

Diringer aufzugeben, kam ihr dennoch keine Sekunde in den Sinn, denn sie liebte ihn mit ihrem starkempfindenden ganzen Herzen aber der Verblendung zu glauben, sie Beide würden die Lebens⸗ sorgen darum weniger fühlen, war sie nicht fähig. Sie litt schwer.

Gegen Abend erzählte ihr die Jungfer ihrer Tante, daß im Salon abermals ein Herr zum Besuch sei ein Verwandter, und im Eßzimmer sitze Baron Erich hinter einem Fischsalat und einem Braten, die er sich selbst aus der Speisekammer geholt, und welche ihm die Köchin dann hereingetragen habe. Theodora schlich sich zu dem Bruder. Welche Todesangst hatte sie um ihn ausgestanden, ehe Diringer von ihm zurückkam.

Sie setzte sich zu ihm und war sehr glücklich, daß er ihr die herben Worte nicht nachtrug, während er ihr in seinem Herzen lebhaft dankte für die sanfte, liebevolle Theilnahme, mit welcher sie ihn umgab.

Richtig, es war Froysberg, der im Salon saß. Erich sprach sich über den Eindruck aus, den er von ihm hatte und erzählte, der Vetter habe ihn eingeladen. Erstaunt hörte auch Theo ihm zu.

Er kennt Euch nicht, sonst würde ich glauben, eine meiner Schwestern habe es ihm angethan, setzte er hinzu. 5

Theo zuckte mit den Achseln.

Pah! der Froysberger! Der und eine Liebesheirath Erich's Lebensgeister hatten sich in Folge der genossenen Stärkung gehoben.

Er besprach mit seiner Schwester, daß er schon begonnen, sich loszulösen aus den alten lieben Verhältnissen und bat sie, demnächst wenn er ganz fortgehe, einzelne, besonders werthvolle Gegenstände von dem Verkauf seiner Sachen zu behalten.

Darüber kam Beiden ihre Lage wieder zum Bewußtsein, sie hielt seine Hand in der ihrigen, ohne daß sie ein Wort darüber sprachen, fühlte er, sie beklagte ihn mehr noch als sich selbst und wünschte ihm dies zu verstehen zu geben mit der ganzen Zartheit einer hochsinnigen Frau. So war sie immer: Aufbrausend und herb, wahr und klar, und die liebreichste Seele von der Welt.

Als Erich mit ihr dann in den Salon trat, brach Froysberg eben auf.

Er hatte bis dahin auf sein Wiedererscheinen gewartet. Erich erklärte sein Verschwinden mit dem versäumten Diner. Froysberg verrieth auch jetzt mit keiner Miene, daß er mehr zu wissen meinte.

Sie verabredeten, daß sie morgen Abend nach dem Gute hinaus⸗ fahren wollten, Froysberg hatte bis dahin zu thun, Erich war diese Verzögerung aus vielen Gründen erwünscht so konnte er zunächst noch mancherlei ordnen und besorgen; des Urlaubs war er ziemlich sicher, da er sehr lange einen solchen nicht erbeten.

Froysberg mußte die Einladung der Generalin, welche diese nur der Höflichkeit halber aussprach, ablehnen, er hatte schon eine andere angenommen. Offenbar schied er mit den angenehmsten Gefühlen und sichtlich erleichtert.

Auch Erich trieb es hinaus, er wollte einen ordentlichen Ritt machen, das würde ihm gut thun, denn wenn er äußerlich auch Ruhe zeigte, in ihm wogte und tobte von Neuem die furchtbarste Aufregung.

Noch spät Abends, als er nach stundenlangem Reiten schwer er⸗ müdet zu Haus anlangte, schrieb ihm sein Onkel ein Billet.

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