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Er lachte.„Ich bitte— ich danke! Sie sind ein kleiner Trotz.
kopf! Freilich, wen die Natur so überreich bedacht hat, der hat
das Recht, sich als ein Kleinod zu betrachten, welches—“
Jetzt war Ilda's Selbstbeherrschung zu Ende. Ihre Hände be— gannen zu zittern und ihre Lippen leise zu beben. Ohne Zaudern wandte sie sich ab und floh wie ein gehetztes Reh denselben Weg zurück, welchen sie gekommen war.
Der Fremde sah ihr lange nach. Er glaubte nie etwas Graziöseres, Lieblicheres gesehen zu haben, als diese schnell ent⸗ schwebende Mädchengestalt. Wie stolz bei aller Verlegenheit war ihre Haltung gewesen. Wenn das eitle Selbstbewunderung sein konnte, so wäre sie bei ihren jungen Jahren ein Ausbund von Gefall⸗ sucht gewesen. Wenn es aber bescheidene Würde war? Mädchen⸗ hafte Scham? Er lächelte mißächtlich und ungläubig. Pah, ein solches abhängiges und nachlässig erzogenes Wesen! Das kennt seinen Vortheil schon vom ersten Tage der Selbstständigkeit an. Zuerst spröde, dann unverschämt. Auch sie wird keine Ausnahme machen, obwohl sie das reizendste Geschöpf ist, welches mir bis jetzt vor Augen kam. Ewig schade, ewig schade, daß das Schicksal sich hier so vergriff!“
Hierbei fiel sein Blick auf den Boden und er gewahrte zwischen den Tannennadeln einen schmalen goldenen Armreifen, an welchem Ilda in ihrer Verlegenheit gedreht und dabei das Schloß desselben aufgedrückt hatte. Der junge Mann bückte sich hastig und hob das
Schmuckstück auf. Sekundenlang schaute er darauf nieder, wie auf
etwas außergewöhnlich Wundersames und ertappte sich dann plötzlich dabei, wie er den zierlichen Gegenstand schnell an die Lippen führte.
„Lächerliche Verirrung!“ rief er alsdann spöttisch.„Ich werde das Ding drunten in der Bade⸗Inspektion abgeben. Die Kleine wird Mühe haben, sich ein zweites Armband zu verdienen, wenn nicht—“ Er brach ab und schritt den Fluß entlang Germenau zu.
Inzwischen war Ilda von Satrup nicht minder erregt als damals Erna Steinbach auf der Kurptomenade angelangt, woselbst sie ihren Vater mit dem Baron im eifrigen Gespräch auf und nieder schreitend fand. Der Geheimrath behandelte sein Lieblingsthema, die Heraldik, welchen Betrachtungen er zumeist den Schlußsatz beifügte, daß sein Adel bis zurück in die Kreuzzüge reiche und einen Stammbaum von makelloser Reinheit aufzuweisen habe.
Ilda empfand diese ihr schon bekannten letzten Worte wie einen Messerstich in ihrer augenblicklichen Stimmung. Großer Gott, wenn ihr Vater, der seinen alten Namen in den Gestalten seiner beiden Kinder so hoch verehrte, wenn der auf äußere Förmlichkeiten so streng haltende Baron es mit angesehen hätte, wie ein wild⸗ freinder Mann sie keck anzureden und ihr den Dampf seiner Zigarre nahezu in's Gesicht zu blasen gewagt hatte! Was konnte sie zu ihrer Entschuldigung anführen? Jetzt zum ersten Mal kam dem jungen Mädchen das Gefährliche ihres unbedachten Streiches lebhaft zum Bewußtsein, jetzt, wo die Folgen klar zu werden begannen, und sie grollte zum ersten Mal Henny, welche sie dazu verleitet.
Noch völlig mit sich zerfallen, suchte sie ihre kleine Freundin daheim auf und that ihr den Entschluß kund, die Thorheit nun⸗ mehr freiwillig eingestehen zu wollen. Aber Henny fiel ihr sogleich mit Bitten, Thränen und Beschwörungen um den Hals und flehte sie himmelhoch an, dieses jüngste Gericht von ihrem Haupte fern zu halten, um so mehr, als Gebhard in den letzten Tagen eine so viel sanftere Freundlichkeit gegen sie zur Schau getragen als bisher.
„Thue, was Du willst mit mir,“ rief sie, Ilda mit Küssen fast erstickend,„nur laß von der Geschichte nichts verlauten. Ich überlebte es nicht, denn ich müßte unwiderruflich zu einem längeren Gastspiel in die Penston reisen.“
„Aber Henny, meine liebste Henny,“ wandte die verständigere Ilda schon wieder halb bezwungen ein,„Du siehst ja, die Sache hat Folgen, sehr unangenehme Folgen, die wir nicht allein abwenden können. Wäre es da nicht besser, wir geständen den dummen Streich den Unsern freiwillig ein, bevor sie durch den vielleicht allerfatalsten Zufall davon Kenntniß erhalten? Der junge Mann—“
„Er ist nur ein Durchreisender gewesen, verlaß Dich darauf. Wir werden von nun an so wenig wie möglich allein ausgehen, gewiß, er soll nie wieder Gelegenheit haben, Dich anzusprechen. Und ist er beseitigt, wer sollte uns dann noch in die Quere kommen? Niemand!“
„Möchte es so sein,“ erwiderte Ilda seufzend.„Im Uebrigen glaube ich, wäre es jetzt die beste Zeit, dem Baron Mittheilung zu
machen; seine Stimmung wird weicher sein und sein Interesse etwas mehr von Dir abgewandt.“
„Weshalb?“ fragte Henny schnell und bereits völlig beruhigt.
„Du darfst aber keine vorschnellen und unzarten Anspielungen fallen lassen, noch Dir irgend welche Kenntniß anmerken lassen,“ flüsterte Ilda vorsichtig,„das versprich mir zuerst.“
„Mit Hand und Mund und Herz und womit Du sonst noch willst, einzige Ilda!“ rief Henny, auf's Aeußerste erregt.
„Nun wohl, ich habe davon sprechen hören, daß der Baron im Begriff steht, sich mit Frau Steinbach zu verloben.“
Hier stieß Henny einen lauten Schrei aus, während ihre Wangen erbleichten.
„Nun, was denn?“ fragte Ilda verwundert.„Ist sie nicht wie geschaffen für ihn? Du liebst sie ja jetzt auch schon!“
„Nein, das thue ich nicht!“ rief die Kleine athemlos.„Das — das war nur Schein! Oh, wer sagt das?“
„Viele! Auf der Promenade neulich Morgen sollen sie sich im Stillen verlobt haben. Einige Damen, die dicht hinter ihnen gingen, haben das Gespräch belauschen können, so hörte ich. Der Baron soll die schöne Wittwe schon als ganz junges Mädchen ge— kannt haben.“
„Nicht möglich!“ Henny stand wie versteinert.
„Zuletzt soll er ihr öffentlich die Hand geküßt haben, und sie sind Arm in Arm zurückgegangen. Der Baron wird mit unserer weißen Rose glücklich sein, wie ich es so sehr für ihn erwünsche! Du nicht, Henny?“
„Ich? Ja wohl, ja wohl!“ rief sie und rannte davon.
Ilda kannte Henny's stürmische Art, ihre Gefühle auszudrücken, und wunderte sich nicht weiter darüber, um so weniger, als die äußerst anziehende Erscheinung des Fremden sich unter Schmerzen und bangen Wonneschauern immer tiefer in ihr Mädchenherz ein⸗ zudrängen begann.
Inzwischen war der Geheimrath mit seinem Begleiter wieder in das Lindenhaus zurückgekehrt und Valingen's erster Gang war an das Ruhelager seiner Mutter, wo er Henny vorzufinden glaubte.
„Ich habe sie vor einer Stunde in die frische Luft geschickt,“ sagte die Baronin sichtlich gekräftigt,„und ihr versprochen, Nach— mittags mit Euch spazieren zu gehen.“
„Wo aber steckt sie nun?“ Der Baron schritt zur Thür und rief in's Nebenzimmer hinein:„Henny!“ Er öffnete die Flurthür und rief auf den Gang hinaus:„Henny!“
Umsonst. Erst zum Mittagsmahl fand sie sich langsamen Schrittes ein und schlug während der ganzen Mahlzeit nicht einmal ihre etwas umschleierten Augen zu dem forschenden Antlitz Gebhard von Va⸗ lingen's auf.
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Die verregnete Landparthie nach Schloß Farrendorf wurde für den nächsten Sonntag mit doppelter Energie in's Werk gesetzt. Nur Erna Steinbach, theils aus Rücksicht für sich, theils aus Rücksicht für Assessor Berger, welchem ihr Erscheinen zweifellos das Ver⸗ gnügen gestört haben würde, wünschte dringend, daheim bleiben zu können. Aufmerksamen Beobachtern hätte es auffallen müssen, daß die sonst allezeit enthusiasmirte Henny nicht allein bei der all⸗ gemeinen Stimmabgabe sich ganz passiv verhielt, sondern auch den leberredungskampf mit der„schönen, weißen Rose“ ausschließlich ihrer Umgebung überließ. Sie stand mit blitzenden Augen an einen Lindenbaum gelehnt, als zuletzt der Baron in liebenswürdigem Scherz auf die junge Frau zuschritt und sich ihr als Ritter für den ganzen Nachmittag anbot. Erna erröthete heftig und sichtlich verwirrt. Mehr sah Henny nicht, denn sie mußte im Gefühl eines aufsteigenden brennenden Schmerzes die langen dunklen Wimpern
ließen.
1„Wollen wir nicht heute Abend die Schlußvorstellung im Theater besuchen?“ fragte der Geheimrath, seine hagere Hand nach dem Theaterzettel ausstreckend, welcher auf dem Tisch lag.„Ich dächte, Fra Diavolo wäre so übel nicht!“
„Gewiß, gehen wir!“ nickte die Baronin freundlich beistimmend.
„Ich erlaube mir den Vorschlag zu machen, daß die Herrschaften mich sämmtlich bis zum Kurhause begleiten, wo der Billetverkauf ist,“ sagte Herr von Valingen, seinen Hut ergreifend.„Es wäre der Anfang unserer Nachmittagspromenade. Wie ist's, Henny?“
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