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„Mich bitte ich aber von diesem Vergnügen ernstlich auszu⸗ schließen,“ sagte Erna Steinbach, sich hastig erhebend,„es übersteigt meine Kräfte.“
Kaum war die Gesellschaft fort, so zog die junge Frau mit unwilliger Hast und ausgesprochener Scheu einen Brief aus der Tasche, welcher ihr heute durch die Post zugestellt worden war. Der Inhalt lautete:„Du hast es verstanden, Dich unsichtbar zu machen, und ein gewisses Etwas sträubte sich bisher in mir, Dich in Deiner Wohnung aufzusuchen. Morgen verlassen wir diesen Ort, aber bevor ich gehe, muß ich Dich noch einmal ungestört sprechen. Gieb mir umgehend Ort und Stunde an, wo dies geschehen kann, andernfalls würde ich mir den Zugang erzwingen müssen.“
Erna zerdrückte das Blatt und zerriß es dann in kleine Stücke, die sie mit zitternder Hand weit von sich in die vier Winde schleu— derte.„Was thun?“ flüsterte sie, erregt auf- und niederschreitend. „Wenn ich sofort Germenau verließe? Oh, er läßt mich beobachten! Hier oder da würde er mich finden.“ Sie schauderte zusammen. „Ich hätte seinen Wunsch erfüllen, hätte meinen Abscheu bezwingen sollen, es wäre besser gewesen!“
In Gedanken versunken, starrte sie vor sich nieder. Endlich raffte sie sich zu einem Entschluß auf. An den Tisch zurücktretend, auf welchem noch Feder und Papier bereit lagen, schrieb sie folgende Worte:
„Finde Dich mit Deiner Zeit so ab, daß Du mich zwischen acht und neun Uhr in meiner Wohnung sprechen kannst. Meine Gesinnungen und Gefühle kennst Du.“
Erna überlas nochmals die Zeilen.„Es ist gut so. Ich breche seiner gewissenlosen Selbstsucht die Spitze ab. Eine Summe Geldes mag er als Andenken mit sich nehmen. O, wäre der Augenblick erst überstanden!“ Sie rief einen Knaben von der Straße herbei und übergab ihm den Brief mit dem Auftrag, ihn im Theater⸗ büreau abzugeben. Dann eilte sie in's Haus zurück, um ihr krank⸗ haft gereiztes Ehrgefühl für die Qual der kommenden Stunde vor⸗ zubereiten.
Unterdessen schritten die Familien Satrup und Valingen, denen sich Assessor Berger und etliche andere Bekannte angeschlossen hatten, die ansteigende Straße hinauf, welche zum Kurhause führte. Ilda hatte ihrem Vater bergauf den Arm gereicht, und so kam es, daß die blonde Henny, deren Herz zum Ueberfließen voll von verschluckten Thränen war, allein hinter den einzelnen Paaren herschlenderte.
Eben war man in die überdachte, sehr breite Veranda ein— getreten, als plötzlich Ilda's feines, liebliches Gesicht, mit brennender Röthe übergossen, sich so hartnäckig und tief zur Seite neigte, daß es schwer gewesen wäre, einen Zug desselben zu unterscheiden. Henny hingegen, auf Außendinge momentan wenig Acht gebend, schritt arglos an einem Tisch vorüber, dessen Inhaber bei ihrem Anblick schleunigst sein Bierglas niederstellte und Miene machte, aufzuspringen.
Henny glaubte, als sie ihn jetzt erblickte, vor Bestürzung zu ver⸗ steinern. Sie erkannte den alten Brinkmann aus dem nahen Städtchen, in dessen Vermiethungsbüreau sie und Ilda als Kammerjungfern geglänzt hatten.
In diesem kritischen Moment wandte sich just die Baronin um und rief Henny zu, in's Lindenhaus zurückzuspringen und ihr ein wärmeres Tuch herbeizuholen, ein Auftrag, dem das erschrockene junge Mädchen begreiflicherweise mit Windeseile nachkam.
Der alte Brinkmann, durch diesen kleinen Zwischenfall völlig davon überzeugt, wirklich nur die Kammerjungfer der Baronin vor sich zu sehen, schritt nunmehr energisch auf Herr und Frau von Valingen zu, indem er höflich seinen Hut vom Kopfe zog und um die Erlaubniß bat, eine Frage an die Herrschaften richten zu dürfen.
Ilda, welche die nunmehr unvermeidlich gewordene Enthüllung wenigstens vor überflüssigen Zeugen schützen wollte, wußte sehr schnell und gewandt die Aufmerksamkeit der übrigen Gesellschaft auf einen andern Gegenstand zu lenken, so daß der Baron und seine Mutter schließlich allein vor dem biederen Dienstbotenvermiether standen.
„Was wünschen Sie?“ fragte der Baron in der etwas kurz angebundenen Manier, welche ihm Fremden gegenüber eigen zu sein pflegte.
„O, ich bitte, bitte sehr, gnädiger Herr,“ stotterte Brinkmann, das sanftere Antlitz der Baronin in's Auge fassend.„Ich wollte die gnädige Frau nur ergebenst fragen, seit wann Sie das junge Mädchen, die Jungfer, in Ihre Dienste genommen haben? Ich bin Miethsmann—“
„Was kümmert Sie das?“ unterbrach ihn Herr von Valingen
abweisend.„Soviel ich weiß, nichts!“
„Doch, gnädiger Herr!“ erwiderte der Alte hartnäckig.„Das Mädchen war bei mir und gab mir einen Thaler, um ihr eine gute Stellung zu besorgen. Ich habe eine solche gefunden und möchte nun doch wissen, woran ich bin. Wird Martha Flotow bei Ihnen im Dienst bleiben, gnädige Frau?“
„Wer?“ fragte die Baronin sehr überrascht.
„Wer?“ fragte auch der Baron ungläubig.
„Martha Flotow, das hübsche, junge Mädchen mit dem blonden Haar, welches die gnädige Frau soeben fortschickten. Dort kommt sie schon mit dem Tuch zurück.“
„Wer?“ fragte der Baron zum zweiten Male. Dame?“
„Ja, ja, diese! Martha Flotow!“
„Mama!“ rief der Baron, von dessen Augen der Schleier plotzlich sank. Dann sich schnell fassend, nahm er den alten Brinkmann bei Seite und sagte sehr eindringlich mit einem wenn auch schwer er⸗ zwungenen Lächeln:„Das Ganze war ein Spaß, eine Wette, ver stehen Sie! Diese Dame ist keine Dienerin. Hier,“ er drückte ihm ein Goldstück in die Hand,„hier nehmen Sie und schweigen Sie darüber, Sie wissen ja, die Jugend—“
„Ja wohl, die Jugend! Du lieber Gott, die Jugend!“ wisperte der biedere Alte sehr befriedigt von dem glänzenden Ausgang dieses Geschäfts.„Dachte es mir ja gleich! Na, nichts für ungut, gnädiger Herr— ein ander Mal!“
„Diese junge
Der Baron, auf's Tiefste empört über das Vernommene, bot
seiner Mutter abermals den Arm, bevor Henny sich näherte, und führte sie schnell in den Kreis der Andern.
„Ich bitte, daß Du den Austrag dieser unerhörten Leichtfertigkeit mir überlässest. Deine Milde würde hier zum Vergehen.“
„Wenn ich nur erst begriffen hätte, um was es sich handelt!“ erwiderte die Baronin, außerordentlich beängstigt von der Zornes⸗ blässe ihres sonst so gelassenen Sohnes.
„Davon später, Mama! Für jetzt nichts davon, ich bitte Dich, und vor allem kein Wort zu Henny! Es soll durchaus unter uns Dreien bleiben. Du versprichst mir das?“
„Gewiß, mein Sohn, ganz gewiß! Ich füge mich Dir wie immer sehr gern. Nur sage mir, was Henny mit Martha Flotow, oder wie die Person sonst hieß, zu schaffen hat?“
„Zu Hause, Mama, jetzt nicht! erwiderte Herr von Valingen sehr bestimmt, da das junge Mädchen mit dem Tuch und dem tröstlichen Bewußtsein, daß Alles noch einmal glücklich abgelaufen sei, hinzutrat.
Scheu und hastig blinzelten ihre blauen Augen nach allen Seiten
— gottlob, das Furchtgespenst mit der häßlichen Brille auf der
Nase war verschwunden.
Der Baron wandte sich ihr für einen Moment zu in der Ab- sicht, die Sünderin zum Strafgericht zu isoliren.„Mama wünscht, daß Du Dich fortdauernd an ihrer Seite aufhältst, falls ihre Schwäche sich wiederholen sollte. Denke daran!“
Ach, der kleinen Henny war alles recht. Sie gab nicht einmal auf Ildas verstohlene Winke und Zeichen Acht, welche sie warnen und vorbereiten sollten. Stumm saß sie vor ihrem Abendessen, ohne es zu berühren, stumm folgte sie der Baronin in den Theater- saal, ganz unempfänglich für die sonst stets laut belachten Neckereien des nachfolgenden Assessors.
Dieser Letztere glaubte seit den letzten Tagen für die unbegreif⸗ liche Sinnesänderung der Geliebten ein erläuterndes Motiv gefunden zu haben, indem seine Eifersucht ihm vorspiegelte, daß Erna, ander weitig gefesselt, wie eine herzlose Kokette ihm Empfindungen vor⸗ geheuchelt habe, welche nur so lange Geltung hatten als der Reiz der Neuheit selbst. Nur über einen Punkt vermochte sein tief belei⸗ digter Stolz sich keine Aufklärung zu verschaffen, ob die Bande,
welche Erna von einer ehrenhaften und dauernden Verbindung mit
ihm fernhielten, älteren Datums seien oder neuesten Ursprungs. Auch der Gedanke an Valingen schoß dem Assessor dabei durch den Kopf, aber er gab ihn auf, seitdem er ein gewisses überraschendes Etwas zu entdecken Gelegenheit gehabt hatte.
„Wenn es möglich wäre,“ murmelte er vor sich hin, den Gang noch einmal hinabschreitend, um einen zweiten Theaterzettel für die
Baronin zu besorgen,„wenn es möglich wäre, daß ihr zartes, leidendes Antlitz mich so schnöde betrog, diese zum Herzen sprechenden Augen


