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einen wandernden Italiener gedrängt, welcher mit großer Redefertig⸗ keit in gebrochenem Deutsch seine Schmucksachen ausbreitete und anpries. Erna und Valingen standen plötzlich unbemerkt mitten unter der Gruppe und belustigten sich an Henny's stürmischen Be⸗ wunderungsrufen..
„Mama, sieh, das sind Tigeraugen! Und hier Katzenaugen! Oh, wie reizend!“
Der Baron beugte sich zu ihr nieder und hob ihr rosiges Ge⸗ sichtchen zu sich empor.„Nimm Dir doch, was Dir gefällt. Oder soll ich etwas für Dich aussuchen?“
„In, jal“ klef sie davonspringend, um sich von seiner Gabe völlig überraschen zu lassen, wobei sie sich noch zum Ueberfluß die Augen zuhielt.
Der Baron wählte ein kostbares Armband, vielleicht das schönste Stück der ganzen Sammlung, und ging dann auf die Harrende zu, indem er ihre Rechte vom Antlitz nahm und das Geschmeide sanft auf ihren weichen Arm gleiten ließ. Dann hob er auch die andere Hand herunter und hielt beide in den seinen fest.
„Was sagst Du nun, Henny?“
Sie sagte gar nichts. Ihr ganzes Gesicht strahlte vor Glück seligkeit.„Oh, Du— D
„Welchen Dank bekomme ich?“ fragte er neckend.
Ohne sich zu besinnen, drückte sie ihren Mund dreimal hinter- einander heftig auf seinen Rockärmel, da seine Hand ihr unerreich⸗ bar blieb.
Er lachte.„Zuviel Ehre für dieses graue Tuch. Der beste Dank ist, wenn Du das Armband recht oft trägst.“
„Auch beim Schlafen, immer!“ rief sie stürmisch.
Er betrachtete ihr süßes Gesichtchen sekundenlang, dann wandte er sich scherzend zu seiner Mutter.„Mama, gieb Acht darauf, ob Henny mit diesem Armreifen stets zu Bett geht; sie hat es soeben feierlich geschworen.“
Und wirklich, Henny hielt ihr Wort. Am Abend, als sie allein in ihrem Zimmer war, stand sie lange vor der flackernden Kerze und schaute auf das Schmuckstück nieder, bis die blauen Augen von seinem hellen Glanze zu schmerzen begannen, dann küßte sie es, nicht langsam und innig, sondern mit enthusiastischer Ueberschwenglichkeit..
Der Sonntag Morgen brachte den Kurgästen Germenaus eine häßliche Ueberraschung. Der Himmel, welcher am Sonnabend Abend noch die letzte Sonnengluth in malerischer Pracht zurückgestrahlt hatte, so flammend schön, wie man es selten zuvor gesehen, zeigte sich vor Tagesanbruch bereits von dicken Regenwolken umzogen und ohne einen lichten Punkt, welcher Aufklärung versprochen hätte.
Die Enttäuschung war allgemein. Am meisten grämte sich in⸗ dessen die blonde Henny. Ihre Augen wären sicherlich von heißen Thränen übergeflossen, hätte sie sich nicht merkwürdigerweise vor den lächelnden Blicken des Barons ganz gegen ihre sonstige Gewohn⸗ heit Zwang' angethan. So aber verschluckte sie dieselben tapfer genug mit dem Kaffee und wußte garnicht einmal, wie überaus reizend dieser stille Seelenkampf ihr Antlitz verschönte.
Endlich erhob sich der Baron, nahm sie bei der Hand und führte sie auf die Veranda hinaus.„Zum Lohn für Deine Selbst⸗ überwindung will ich Dir den Augenblick verrathen, wo Du auf besseres Wetter rechnen darfst.“
Sie sah ihn ungläubig an.
„Nun ja, paß auf! Sobald Du über jenem Berge dort ein Stückchen blauen Himmel durchschimmern siehst, soviel und so groß, daß Du Dir, nun, ein Mieder daraus schneiden könntest, so wird binnen einer Stunde der Regen aufhören.“
„Und dann?“ fragte sie hoffnungsvoll.
„Dann,“ er drückte lächelnd ihre erhobene Hand,„dann ist es für heute zu naß zu einer Landparthie, aber wir werden draußen Reifen spielen können.“
In Folge dieser Anweisung hielt Henny ihren Beobachtungs— posten standhaft inne. Aber der Vormittag war fast vergangen, bevor das ersehnte Stückchen blauer Himmel in Sicht kam. Als⸗ dann alarmirte sie binnen Kurzem das ganze Haus und tänzelte an Ilda's Arm lustig wie eine Bachstelze der Gesellschaft voran in den Garten.
Am nächsten Tage fühlte sich die Baronin unwohl und behielt ihren Liebling zumeist bei sich im Zimmer. So kam es, daß Ilda von Satrup diesmal allein einen Spaziergang am Ufer des Flusses, welcher Germenau durchströmt, unternahm.
Gestein, vom Morgenthau reich mit Brillanttropfen übersäet.
Dieser Fluß, ein wildes Gebirgskind mit starkem Gefälle, war ehedem an den Felsenwänden oft dicht vorübergerauscht. Jetzt hatte man die letzteren so weit fortgesprengt, daß ein zwar kunstloser, aber desto romantischerer Weg längs des Flußufers entstanden war, für welchen Ilda von jeher eine Vorliebe besessen hatte.
Auch heute schlug sie ohne Besinnen diesen Pfad ein. Die Sonne glitzerte freundlich auf den hüpfenden Wellchen, deren Lauf kleine Felsenriffe jeweilen aufhielten, über welche sie, wie zürnend ö über das Hinderniß, mit lautem Rauschen hinwegströmten. Aus den Fluthen, so schien es, stieg eine doppelt klare, frische Luft empor und ein nixenhaftes Plaudern und Kichern. Zur Rechten Ilda's erhoben sich die zersprengten Felsblöcke, anscheinend so lose auf— einandergethürmt, als müßten sie jeden Augenblick in den Fluß hinabstürzen. Zwischen ihren Spalten wuchsen blaue Glockenblumen hervor und rothe Federnelken, deren Kelche in dem goldenen Tages- licht träumerisch hin und wieder schwankten. Von den Felswänden herab kletterte grünes Moos wie dünne Schleier über das nackte
Das Auge des jungen Mädchens konnte sich nicht sattsam genug an diesen stillen Reizen der Natur weiden. Schmetterlinge huschten über ihr vom Hut befreites Haupt, und ihnen sinnend nachblickend, ertappte sie sich plötzlich bei einer Vorstellung, welche mit der romantischen Umgebung durchaus garnichts zu schaffen hatte: Ilda fragte sich, wer jener Fremde damals in dem Städtchen wohl ge. wesen sei. Weshalb war er wohl wie versteinert stehen geblieben? Ja, weshalb? Und wie kam er dazu, sie als Unbekannte zu grüßen? Freilich, dieser Gruß war überaus höflich gewesen, mehr als höflich, aber warum hatte er sie überhaupt bemerkt und gegrüßt?
Das junge Mädchen verließ jetzt den gebahnten Weg, welcher in das offene Land zwischen Felder und Wiesen hinausführte und schlug einen Seitenpfad ein, der in das dunkle Waldreich mündete. Der Steig war so schmal, daß Vorübergehende sich kaum auszu— weichen vermochten.
Von der Höhe herab kam ein junger Mann ihr entgegen. Den Strohhut hielt er gleich Ilda in der Hand und ließ die kühle Waldesluft frei seine Stirn umwehen, im Knopfloch trug er eine frisch gepflückte Kornblume.
Der Weg, auf welchem Beide sich entgegenschritten, machte an dieser Stelle gerade eine kleine Krümmung, um einen herabgestürzten Felsblock zu umgehen, und so kam es, daß Ilda sich plötzlich dem jungen Mann unvermuthet gegenüber befand.
Sie wollte mit geschickter Wendung an ihm vorübereilen, aber ein eigenthümlicher Laut der Ueberraschung, den der Fremde nicht ganz unterdrücken konnte, machte sie unwillkürlich aufsehen. Und da flammte es auch schon heiß über ihr liebliches Antlitz. Das war ja jener Unbekannte, dem sie soeben ihre Gedanken nachgesandt hatte!
Auch er war einen Moment sichtlich betroffen. Dann lächelte er und seine Cigarette nicht gerade allzu schnell aus dem Munde nehmend, sagte er grüßend:„So allein diesmal, mein schönes Kind?“
Sie zuckte zusammen vor Unwillen und Scham.
Er achtete nicht darauf, sondern fuhr in einem Tone fort, welcher das seltsamste Gemisch von Bewunderung, Herablassung, Freundlichkeit und Mißvergnügen war.„Haben Sie Ihren Zweck erreicht und hier in Germenau eine gute Stelle als Kammerjungfer gefunden?“
Ilda hatte das Gefühl, als müsse sie in den Erdboden versinken vor Schreck und Entsetzen. Was sollte sie thun? Konnte sie diesem fremden Mann ihren unbesonnenen Streich bekennen? Nein, nimmer ⸗ mehr! So mußte sie nun also auch die Folgen geduldig auf sich nehmen.
„Nun, sind Sie stumm, mein schönes Kind?“ fragte der Fremde, sich etwas näher zu ihrem gesenkten liebreizenden Gesicht nieder⸗ beugend.„Ein Kammerkätzchen pflegt doch sonst stets den Mund auf dem richtigen Fleck zu haben. Wollen Sie eine Ausnahme von der Regel machen?“
„Ich bitte, mein Herr—“ sagte sie, ihre Kräfte zusammen—⸗ nehmend.
„Verzeihen Sie mein Interesse,“ erwiderte er, ungenirt einen Zug aus der erlöschenden Cigarette thuend und sich nur wenig zur Seite wendend, um den Rauch in die Luft zu blasen.„Ich glaube, Ihnen mit einem sehr guten Engagement dienen zu können. Meine Kousine—“
„Ich danke, mein Herr!“ fiel sie bebend vor Verdruß ein.
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