Ausgabe 
12.6.1887
 
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ohne Scheu oder Beklemmung zu verrathen.

zu den

Oberhessischen Uuchrichten.

Zeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Nr. 24.

Gießen, den 12. Juni.

1887.

Die Lindenblüthen.

Erzählung von Georg Hartwig. (Fortsetzung.)

Pie wollte aufstehen, aber er hielt sie zurück. Zweimal setzte er zum Sprechen an, indem er sie starren

Blickes unverwandt betrachtete, zweimal versagte ihm die Stimme.

Erna, brachte er endlich rauh vor innerer Bewegung hervor, Erna, ich habe im in der Zwischenzeit viel Muße gehabt zum Nachdenken Du könntest den letzten Abschied anders gestalten.

Dienst gegen Dienst! sagte sie, ruhig von ihm forttretend, Ich verschweige Dein entehrendes Geheimniß und Du verschweigst meine Schande, Deine Gattin gewesen zu sein. Genug!

Und sonst nichts? fragte er mit zusammengebissenen Zähnen, zwischen Scham und Zorn kämpfend.Wenn, wenn Du mir zum letzten Abschied die Hand freiwillig reichtest, versöhnt die Hand reichtest, ich würde morgen aus Germenau verschwunden sein überlege!

Sie stand, ein Raub der widerstrebendsten Gefühle, vor ihm. Wenn sie damit wirklich seiner schrecklichen Gegenwart ein schnelles Ende bereitete, wenn die kurze Ueberwindung sie von tagelanger Qual befreite er bereuete vielleicht aufrichtig. Schon wollte sie ihm ihre schmale weiße Rechte entgegenstrecken, da sagte er mit schwerem Nachdruck, gleichsam um sie zu ermuthigen:Ich schwöre Dir

Ein kalter Schauer durchrann ihre Adern. Sie stieß seine Hand mit Entsetzen zurück.Du schwörst? rief sie laut.Mein⸗ eidiger, Du schwörst abermals falsch!

Und wie von Geistern gejagt, eilte sie den Waldpfad entlang, die Stufen hinunter, mit keuchender Brust immer weiter, ohne an⸗ zuhalten, bis in das schützende Gewühl der Badegäste hinein.

Am Ausgang der Promenade begegnete ihr Gebhard von Valingen und war erfreut, die sonst so bleichen Wangen der jungen Frau mit lebhafter Röthe geschmückt zu sehen. Aufathmend, wie von einer schweren Last befreit, reichte sie ihm die Hand.

Sie haben viel versäumt, gnädige Frau. Henny hat uns mit selbsterfundenen Schnadahüpferln unterhalten, während Assessor Berger, der zufällig nach langer Pause das Lindenhaus betrat, lustig accompagnirte.

Oh, dachte Erna schmerzlich bei sich,weil er mich nicht daheim wußte, kam er, um wenigstens gegen die Andern nicht un⸗ höflich zu erscheinen!

Berger ist ein angenehmer und, soweit ich ihn beurtheilen gelernt habe, auch durchaus zuverlässiger Mensch, fuhr der Baron anscheinend absichtslos fort.Ich kenne übrigens seine Familie. Der Vater war ein hochgestellter Jurist

Ich bitte unterbrach ihn Erna mit nervöser Lebhaftig

1 keitwas wird aus unserer Parthie nach Farrendorf?

Sie wird morgen stattfinden, wenn der Himmel nicht ein Veto einlegt. Nach kurzer Pause sagte er, sich freundlich zu ihr niederbeugend:Wollen Sie mir eine Frage der Neugier verzeihen, gnädige Frau?

Gewiß! Nur darf sie nicht

Oh, ohne Besorgniß! Ich kann mich nämlich nicht der Ver⸗ muthung entschlagen, als hätte ich Sie im Leben bereits einmal gesehen. Aber wo?

Eine Aehnlichkeit täuscht Sie, Herr Baron, erwiderte sie mit anmuthigem Lächeln.

Doch nicht! rief er lebhaft, plötzlich stehen bleibend, so daß er beinahe mit einem dicht hinter ihnen schreitenden Paare zu⸗ sammengestoßen wäre.Und jetzt erinnere ich mich auch ganz deutlich. Waren Sie nicht vor Verzeihung, gnädige Frau, wenn ich jetzt ungalanter Weise die Altersfrage streifen muß! waren Sie nicht vor neun Jahren zu einem Erntefest bei der Familie von Hadersleben auf dem Gute Hohenfelde?

Ganz recht, wahrhaftig! rief Erna freudig überrascht, mit hellen Blicken zu ihm aufschauend, da sie durch diese Erinnerung in den Zauberkreis der ersten ungetrübten Jugend sich zurückversetzt sah.Dort habe ich mein Debüt als sechzehnjährige Balldame gefeiert. Aber Sie?

Ich war damals als Volontär auf einem Mustergut in der Nähe von Hohenfelde, um praktische Landwirthschaft zu studiren. Wir waren zu eben diesem Feste eingeladen und herübergefahren. Unter all' den reizenden Tanzfeen, welche den Ball verschönten, fiel mir eine ganz besonders durch ihre heitere Naivetät auf das waren Sie!

Ja wohl, ich! rief die junge Frau, von Rückerinnerungen hingerissen und reichte dem Baron fast dankbar die Hand.Oder besser gesagt, es war meine glückliche Jugend. Ich bin längst nicht mehr so heiter wie früher. b

Er zog ihre Hand mit warmem Druck an seine Lippen.Frei⸗ lich, wer Sie jetzt sieht, würde das sonnige, fröhliche Kind kaum wiedererkennen. Aber die heitere Zeit könnte doch zurückkehren!

Nie! flüsterte sie bebend.

Nie? wiederholte er eindringlich. sind erschöpft. Wollen Sie meinen Arm nehmen, so führe ich Sie nach Hause. Ein ander Mal darf ich wohl auf die Einzelheiten Ihres ersten Debüts genauer eingehen? fragte er mit liebens⸗ würdigem Scherz.

Sie nickte.Es ist, als zeigten Sie mir mit Ihren Worten ein verloren gegangenes Paradies, nach dem man sich trotz der verschlossenen Pforte immerdar zurücksehnt.

Aber Sie zittern, Sie

Als sie in den Garten traten, fanden sie die Gesellschaft um