Ausgabe 
11.12.1887
 
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neuen Werke, zu denen auch Wagner's Trilogie zählte, hatten unsere Kräfte überanstrengt, und müde und abgespannt saßen wir die letzten Tage vor den Ferien im Opernhause und nur maschinenmäßig spielten wir noch die Noten vom Blatte herunter. Den Sängern und Sängerinnen erging es ähnlich wie uns, und so hatte denn die Aufführung der letzten Oper eine höchst abfällige Kritik erfahren. Das behagte natürlich unserem ehrgeizigen Kapellmeister durchaus nicht, und daher seine nicht unbegründete Mißlaune.

Nun, jetzt kümmerte ich mich weder um Gunst noch Ungunst. Ein reizendes, in einem schattigen Thale gelegenes Dörfchen hatte ich mir als Landaufenthalt ausersehen, und schon hatten die Ruhe und der Frieden um mich her begonnen, günstig auf mein abgespanntes Nervensystem einzuwirken.

Das kleine Forsthaus, in dem ich Wohnung gefunden, lag an⸗ muthig im Waldesschatten, und die freundlichen Wirths leute ver⸗ sorgten mich mit ftischer Milch und derjenigen bescheidenen Kost, die ein jüngeres, nicht allzu reichlich besoldetes Mitglied der Kapelle bestreiten kann.

Zu einer wirklichen Idylle wurde mir das Forsthaus mit den biederen alten Leuten, dem munteren Jägerburschen und der lieb⸗ lichen Försterstochter. Die Letztere hieß Lorchen, und ihr Hangen und Bangen schien allein auf den Jägerburschen gerichtet zu sein, der Max hieß. Aus dem jungen Stadtherrn, dem Musikanten, machte sie sich bei aller Aufmerksamkeit, die sie als zuvorkommende Wirths⸗ tochter für ihn hatte, blutwenig.

Indessen war es für mich gut so. Meine Gemüthsruhe wurde in keiner Weise gestört, und ich überließ mich entzückt einem dolce far niente, wie ich es bisher noch nie gekannt. Wonnig war es, wenn ich an schönen Sommerabenden am Wehre unweit des Forst⸗ hauses im Grase ruhte. Dort murmelten so sinnberückend die Wellen, der Abendwind rauschte so lind durch die Zweige und die Vögel sangen leise und leiser das Abendlied. Ich aber lag und lauschte. Sehnsucht nach einem ungekannten Etwas stieg in meinem Herzen auf und Melodieen glaubte ich zu vernehmen, die, festgehalten, mir gewiß Ruhm eingetragen hätten. Aber ich war ja nicht zur Arbeit hier. Streng hatte mir der Arzt jegliche Berufsbeschäftigung untersagt, und so ließ ich in meinem Innern ausklingen, was mich so seltsam bewegte.

Drei Wochen hatte ich schon im Forsthause so hingeträumt, war nur selten einmal hinein in's Dorf gekommen und schauderte bei dem Gedanken an die bevorstehende Rückkehr in die Stadt. Da kam eines Tages der Jägerbursche aufgeregt nach Hause.

Heute Abend, Herr Förster, bat er,möchten Sie Lorchen und mir schon einmal Urlaub geben. Im Dorfe drin bei Günthers sind Schauspieler angekommen. Sie sollen recht gut spielen, habe ich mir sagen lassen. Nicht wahr, Sie erlauben, daß wir hingehen? Vielleicht kommt der Herr Musikus auch mit?

Ich willigte ein und nach einigem Zureden auch der Förster und die gute Frau Försterin.

Der Abend war gekommen, wir drei wanderten zusammen in's Dorf. Der zartfühlende Musikus meine eigene ehrenwerthe Person etwas voraus, dem langsamer nachfolgenden Paͤrchen die Gelegenheit zu einem zärtlichen Liebesgeflüster gewährend.

Ein leerstehender Schuppen, aus dem in der Eile die Spuren ehemaliger Benutzung nicht genugsam hatten vertilgt werden können, diente den anspruchslosen Künstlern als Musentempel, und gemein- schaftlich nahmen wir unsere drei Sitze in den vordersten Reihen der dichtbesetzten Zuschauerplätze ein. Kaum vermochte ich ein mitleidiges Lächeln zu unterdrücken, als ichHamlet, oder das Schauspiel im Schauspiel auf dem Zettel angekündigt las. Max versicherte mir indessen, das Stück solle sehr schön und berühmt sein und vorzüglich gut gegeben werden.

Und wirklich das Werk Shakespeare's verfehlt fast nie die Wirkung, am wenigsten aber da, wo es, wenn auch mit vielen Mängeln, doch mit redlichem Willen und ehrlicher Begeisterung wiedergegeben wird. Die Truppe war nicht so schlecht, als man der bescheidenen Stätte nach hatte vermuthen sollen, aber der Hamlet überragte seine Umgebung weit. Den edlen Dänenprinzen habe ich selbst auf unserer Hofbühne nicht edler und wahrer darstellen sehen, und die angegriffene Stimme des Schauspielers, welche im Affekt leicht heiser wurde, erhöhte an einzelnen Stellen sogar die Wirkung.

Tief ergriffen kehrte ich schweigsam in Gesellschaft des gleich-

falls tief erregten Paares in das Forsthaus zurück, und zum ersten

Male vermochte selbst das Mondlicht, das unseren Heimweg magisch beleuchtete, nicht seinen ganzen Zauber auf mich auszuüben. Meine Gedanken weilten noch immer bei der Vorstellung und dem hoch. begabten Hamletdarsteller. 5

Am anderen Morgen ging ich, Herrn Große, den Schauspieler, der vor Allen mein Interesse erregt hatte, aufzusuchen. Auf Be⸗ fragen wurde ich nach den Dachräumen des Günther' schen Gasthofes gewiesen, und nachdem ich die schmale, hoͤlzerne Stiege erklommen, fand ich denselben am Waschfaß, wie er seine und seiner Kinder Hemden wusch. Erröthend führte er mich in ein äußerst dürftiges, aber sauber gehaltenes Gemach und entschuldigte seine Beschäftigung mit der Verordnung des Arztes, der ihm derlei Hantirung an: befohlen habe. So gläubige Miene ich auch aufzustecken versuchte, das hektische Aussehen, die abgegrenzte Röthe auf den eingefallenen Wangen und die krankhafte Erscheinung des Schauspielers überhaupt sprachen deutlich gegen eine solche vernunftwidrige ärztliche Ver. ordnung. Meine Anerkennung seiner Leistung als Hamlet nahm er bescheiden auf und im Gespräche drängte sich mir die Ueber⸗ zeugung auf, daß ich einen Mann von tiefer geistiger Bildung vor mir habe, der jedenfalls besseren Verhältnissen entstamme.

Ich suchte Große häufiger auf. Als wir bekannter geworden, wurde mir sein Umgang eine Quelle wahren Genusses.

Drei muntere pausbäckige Knaben, denen die schmale Kost wenig anzuhaben schien, und die er trotz aller Dürftigkeit stets sauber und anständig zu halten sich bemühte, waren sein ganzer Stolz, aber auch seine ganze Sorge.

Diese Sorge mochte ihn denn auch eines Tages so überwältigen, daß er mir gegenüber wirklich sein Herz öffnete und mir, wie einem bewährten Freunde, von all' dem Glück seiner Jugend und all' dem Leid seiner späteren Lebensjahre sprach. Es war die alte Geschichte, die sich so oft im Leben wiederholt. Vornehme Eltern, die den verwöhnten Sohn hinausstoßen in keit, weil er sich ihrem Wunsche nicht gefügt, weil er selbstständig einen Beruf gewählt, der in ihren Augen ein verpönter war. Dann ein Weib, leichtsinnig und treulos, das ihn und die Kinder verlassen um eines Tenoristen willen. Große, durch Krankheit längere Zeit an der Ausübung seines Berufes gehindert, verlor sein Engagement und gerieth immer tiefer in Noth. Durch Hunger und Kummer wurde er gezwungen, zu immer kleineren Bühnen seine Zuflucht zu nehmen, bis er endlich mit seinen Kindern hierher zu dieser wandernden Schauspielertruppe gerieth. In wenigen Tagen gehe die Wanderung weiter, und er wolle Gott danken, wenn er ihn in seinem Leiden nur so lange erhielte, bis er seine Jungen zu ehrlichen Handwerkern in die Lehre gebracht habe.

Denn, sagte er zu mir,sind sie auch nicht unbegabt, die drei prächtigen Jungen, so habe ich doch nicht die Mittel, sie etwas Besseres lernen zu lassen, und danke Gott, wenn die Lehrer sie an

unserem jeweiligen Aufenthaltsorte umsonst den Schulunterricht mit-

Ich thue auch mein Möglichstes, ihnen einige und wenn sie dann ein tüchtites sie zu nützlichen, brauchbaren wie

genießen lassen. weitere Kenntnisse beizubringen, Handwerk erlernen, so hoffe ich doch, Menschen heranzubilden und vor solchem Elend zu bewahren, ich es durchzukämpfen habe.

Je häufiger ich mit Große zusammentraf, um so mehr Achtung mußte ich seinem Charakter zollen und der Art und Weise, wie er, der verwöhnte Sohn des Reichthums, sich in der dürftigen Lage zurecht zu finden wußte. Er verstand noch zu sparen, um einen kleinen Fond zu sammeln als einstiges Lehrgeld für seine Knaben; er war selbst bemüht, in peinlichem Ordnungsgefühl, die schadhaften Kleider der Kinder auszubessern, und benutzte die freien Stunden, dem mangelhaften Unterricht der Knaben selbst nachzuhelfen.

Voll aufrichtiger Hochachtung für ihn kam ich eines Tages die schmale Stiege herab, welche von Große's Wohnung in die Restaurationelokalitäten führte. Ohne die Absicht, mich erst im Restaurant aufzuhalten, trat ich in den Garten, welcher das Haus von der Straße trennte. Da bemerkte ich zu meinem Erstaunen ein elegantes Fuhrwerk vor der Gartenpforte halten. Die präch⸗ tigen Schimmel mit dem neuen Geschirr, den Kutscher mit der auf fallenden Livrke, sollte ich die nicht kennen? Ich hielt nähere Umschau im Garten, und richtig dort in der schattigen Laube saß er, unser neuengagirter Tenorist, bei ihm drei seiner intimsten Freunde. Unter Scherzen und Lachen mochten sie

Armuth und Dürftig⸗

scen manchen

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