2399..
Trunk über den Durst gethan haben, denn eine ansehnliche Reihe geleerter Flaschen stand bereits auf dem Tische vor den Herren, und eben brachte der Wirth einen neuen Vorrath.
Meiner ursprünglichen Absicht zuwider, nahm ich in der Nähe der Laube Platz und bestellte mir eine Tasse Kaffee. Aber bald
wuwiderte mich der wüste Lärm an, der von dort zu mir heraus-
schallte, und bitterer Groll beschlich mein Herz bei dem Gedanken, wie lange Tage der Preis nur einer Flasche Weins, den jeder der Herren im Ueberfluß herunterschlemmte, den armen begabten Schau⸗ spieler oben vor Nahrungssorgen bewahren würde. Der Gedanke
ließ mir keine Ruhe mehr, und mit plötzlichem Entschluß erhob ich
mich und trat in die Laube.
Mein artiger Gruß wurde etwas herablassend von dem ge⸗ feierten Tenoristen und seinen Genossen erwidert; aber ich ließ mich in meinem Vorhaben dadurch nicht irre machen.
„Meine Herren,“ redete ich die Halbtrunkenen an,„in dem Mansardenstübchen dieses Hauses wohnt ein begabter, durch Unglücks⸗ fälle in tiefste Noth gerathener Kollege, ein armer Schauspieler. Wollte nun jeder von Ihnen sich heute nur eine Flasche des kost⸗ baren Getränkes versagen und den ersparten Preis mir für den darbenden Kollegen einhändigen, so würden Sie das auferlegte Opfer kaum empfinden, dem Unglücklichen aber über eine Woche der Noth und Sorge hinweghelfen.“
Die vier Herren sahen mich ob meiner ausgesprochenen Bitte ziemlich erzürnt an, und Keiner schien Miene machen zu wollen, derselben zu willfahren. Da erhob sich der Tenorist, öffnete das Portemonaie und warf mir eine Zehnguldennote zu.
„Die Herren hier sind meine Gäste und dürfen nicht angebettelt werden. Ich löse sie aus.“ a
Ich dankte für die nicht gerade sehr liebenswürdig gereichte Gabe und ging, um sie Herrn Große unter einem Vorwand zu übergeben. Nie sollte er erfahren, in welch demüthigender Art mir dieselbe für ihn eingehändigt worden war. Auch der Durst des Tenoristen und seiner Zechbrüder schien gestillt, denn, mich noch einmal umschauend, gewahrte ich, daß die Herren gleichfalls aufbrachen.
Als ich langsam die Treppe zu Große's Wohnung erstiegen hatte, wurde mir, auch auf wiederholtes Klopfen, keine Antwort. Ich klinkte deshalb leise auf und schaute vorsichtig ins Zimmer. Da stand Große am Fenster und sah hinab auf die Straße. Aber nicht der gewöhnliche milde Ausdruck lag auf seinen Zügen. Sein Antlitz schien von Haß entstellt, zornig blitzten seine Augen, und in ohnmächtiger Wuth waren seine Hände geballt.„Der Schurke!“ stieß er zwischen den halbgeschlossenen Lippen hervor.
Ich trat neben ihn an's Fenster, um den Grund seiner Auf⸗ regung zu erspähen, und siehe— da hielt noch der Wagen unseres gefeierten Tenoristen, er selbst mit seinen Freunden, von dem red⸗ seligen Wirth geleitet, war im Begriff einzusteigen.
„Kennen Sie den Herrn?“ fragte ich, um Große, der noch immer voll Grimmes auf die Einsteigenden hinunterstarrte, wenigstens zum Sprechen zu bringen.
„Er war der Verführer meines Weibes!“
Ich zerknitterte die Zehnguldennote in meinen Händen und fühlte, daß ich sie unter diesen Verhältnissen unmöglich an Große ausliefern könne.
„und was wurde aus Eurem Weib?“
„Krank und elend pochte vor ungefähr einem halben Jahre ein zerlumptes Bettelweib an die Thüren des Siechenhauses z N. Man nahm sie auf und pflegte sie, allein bereits nach zwei Wochen erfolgte der Tod— das war— mein Weib!“
Er deckte die Hand über die Augen, und ein tiefer Seufzer, fast wie halbunterdrücktes Schluchzen, entrang sich der Brust des gequälten Mannes. 5
Unterdessen hatten die Herren unten in dem Gefährt Platz ge⸗ nommen; ein herablassendes Kopfnicken gegen den Wirth, ein Knallen mit der Peitsche, und im Nu waren sie unseren Blicken ent⸗ schwunden. f 2
Seltsamer Gegensatz! Da unten der gewissenlose Schurke, reich, gefeiert, dem die Glücksgüter nur so in den Schooß fielen, dem die Menge in rauschendem Beifall allabendlich zujauchzte, ob⸗ gleich ich schon oft genug empfunden hatte, daß das parteiische Publikum gegen seinen schönen Liebling, der es oft gar leicht mit der wahren Kunst nahm, allzu nachsichtig sei.— Und hier oben
der ehrenhafte Mann, der das wahre Ideal der Kunst in seiner
wunden Brust trug, arm, krank und mißachtet, mühsam ankämpfend gegen das Elend, gegen die Unbill des Lebens, und doch in edlem Enthusiasmus stets bemüht, dem Ideal in seiner Brust würdige Gestalt zu verleihen. Wahrhaftig, es ist zu entschuldigen, wenn bittere Gedanken über die Wege des Schicksals in der Seele des kurzsichtigen Menschen emporsteigen.
Die Zehnguldennote siegelte ich noch am gleichen Tage an unseren Tenoristen ein, mit kurzen Worten bedauernd, die Situation vorher nicht genügend gekannt zu haben, da Herr Große von ih m
keine Unterstützung annehme.
Als nach wenigen Tagen meine Urlaubszeit, leider nur allzu⸗ rasch, abgelaufen war und auch ich die Heimkehr antreten mußte, wurde mir der Abschied von Große wirklich schwer. Manches hatte ich von ihm gelernt, manchen Gewinn, auch für meine Kunst, aus seinen Gesprächen davongetragen, und die Sorge um seine Zukunft drückte mir schwer aufs Herz. Ich war indeß froh, daß mein zurückgezogenes, einfaches Leben mir nun gestattet, ihm den Ueber⸗ schuß meiner für den Sommeraufenthalt bestimmten Baarschaft, der den Verlust der Zehnguldennote im reichen Maaße ersetzte, für die Kinder zuzustellen.
Im ersten Augenblick schien es ihn peinlich zu berühren, und er erröthete verlegen, als ich ihm die Summe einhändigte; indessen verweigerte er die Annahme nicht.
„Von Ihnen nehme ich es gern. Ich weiß, Sie meinen es von Herzen gut mit mir und meinen Kindern.“
Und er drückte mir feuchten Auges dankend die Hand, als er das Geld den kleinen Ersparnissen beifügte, die er für die Erziehung seiner Kinder zurückgelegt.
Am nächsten Morgen aber holte mich Große im Forthause bei meinen freundlichen Wirthsleuten ab und gab mir bis weit hinaus über's Dorf das Geleite. Da, wo der Waldweg in die Chaussee einmündet, trennten wir uns; ich, um den anstrengenden und mir doch so lieb gewordenen Beruf mit frisch gestärkten Kräften wieder aufzunehmen; Große, um den schweren Kampf um's Dasein allein weiter fortzukämpfen. Gott stehe ihm und seinen Kindern bei!
E F.
Lose Blätter.
Gesetze der alten Egypter. Einige der bemerkenswerthesten Gesetze der Egypter mögen hier einen Platz finden: Der Meineid wurde mit dem Tode bestraft, weil er die Ehrfurcht gegen die Götter und die sicherste Bürgschaft unter den Menschen vernichtete.— Vorsätzlicher Mord zog den Tod nach sich. Dem vorsätzlichen Morde gleich geachtet wurde es, wenn Jemand einen Menschen auf der Landstraße anfallen oder ermorden sah und ihm trotz der Fähigkeit, ihm beizuspringen, nicht half.— Eltern⸗ mörder wurden mit grausamer Todesstrafe belegt.— Kindermörder dagegen wurden mit dem Tode verschont; ihre Strafe bestand darin, daß sie den Leichnam ihres ermordeten Kindes drei Tage und drei Nächte lang im Arm halten mußten. Als Grund für dies Gesetz wird der schöne Satz auf⸗ gestellt, daß es nicht gerecht sei, diejenigen des Lebens zu berauben, die es den Kindern gegeben, sondern daß man sie durch Schmerz und Reue von solchen Thaten abhalten müsse.— Wer Jemand falsch anklagte, hatte die⸗ selbe Strafe zu erdulden, die den Angeklagten betroffen hätte, wenn er für schuldig befunden worden wäre.— Für Schulden konnten nur die Güter des Schuldners verhaftet werden, die Person nie. Ein schönes Gesetz, denn die persönliche Freiheit ist ein zu edles Gut als daß sie wegen Geld in Anspruch genommen werden dürfte.— Eigenthümlich war die Bestimmung, nach 98 5 man die Leiche eines Vaters verpfänden konnte. Bei den religibsen Sitten der Egypter war solche Leiche ein sehr sicheres Pfand, denn wenn sie nicht eingelöst wurde, so erhielt auch der Schuldner selbst kein feierliches Begräbniß.— Das Gerichtsverfahren war öffentlich, aber schriftlich. Die Verhandlung begann, wenn der Präsident des Gerichts das Zeichen seines Amts angelegt hatte. Dies Amtszeichen bestand aus einer goldenen Kette, an welcher ein aus kostbaren Steinen bestehendes Kleinod hing, welches man die„Wahrheit“ nannte. Neben den Richtern lag das aus acht Büchern bestehende Gesetz. Kläger und Beklagter erschienen, schrieben Klage und Vertheidigung auf und reichten ihre Schriften den Richtern ein. Diese prüften sie genau, sprachen das Urtheil und verkün⸗ deten es dadurch, daß der Präsident der siegenden Partei die„Wahrheit“ zukehrte. M.
Petéry, der frühere Kommandant von Spandau, war ein Original in seinen Reden, die sich noch heute erhalten haben. So pflegte er zu Königs⸗ geburtstag die Besatzung anzureden:„Leute, Ihr habt einen 1 50 König, denn er versteht den großen Krieg. Er ist aber auch ein kleiner König, denn er versteht auch den kleinen Krieg. Leute, laßt ihn leben, oder der Deibel soll Euch fricassiren.“ In seinem letzten Jahre ließ er eine Aende⸗ rung eintreten, indem er einen anderen Anfang sich erlaubte:„Soldaten, Ihr seid ein glückliches Volk, denn Ihr habt—,“ worauf er wieder auf den großen König kam. 1
28
D —
FF ˙
—.


