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Am Fenster, den Rücken nach der Thür gewendet, stand dieser
Herr— er hörte dieselbe gehen, wandte sich rasch der Eintreten⸗ den zu, die, erstarrt, die Augen weit öffnend, unbeweglich blieb, während in ihren Mienen ein unbeschreiblicher Ausdruck von Glück, Zweifel und Bangen trat und die jetzt einen Ruf ausstieß, aus welchem alles Mögliche, nur kein Erschrecken, an Totzenbach's Ohr drang.
Er war es,— hagerer als früher, die Züge schärfer, in den Augen einen unbeschreiblich unruhig fragenden Blick.
Einen Moment blieben Beide reglos, dann öffnete er seine Arme und jubelnd, lachend und weinend zugleich lag! sie an seiner Brust. 8
„Maria! Maria! So empfängst Du mich? So hatte Onno also doch Recht? Großer Gott. welches Glück!“ stammelte der Verschmähte.
„Vergebung! Vergebung!“ Dae, war, Alles, was sie sagen
„O, Du Guter, Bester! Wie soll ich Dich entschädigen für das, was meine Thorheit über Dich gebracht hat— über uns!“ gab sie ihm zurück.
Sie vergaßen Alles in dem Glück, sich wieder zu haben. Hundert Mal begann Maria zu erzählen, wie sie gelitten, wie sie zur Einsicht gekommen, immer wieder unterbrach er sie, um sie zu küssen und ihr zu schildern, wie zerrissen sein Herz gewesen, als er sich von ihr getrennt.
Sie ließ ihn in ihr Herz sehen ohne Rückhalt, verhehlte ihm keinen Gedanken und keinen Wunsch, weder ihre flüchtige Neigung für Lornow, noch ihre spätere Einsicht in dessen Charakter, und er sagte ihr, wie er gelitten, mit welchen Qualen er damals von ihr gegangen, wie er immer nur an sie habe denken können und wie er gehofft— trotz Allem!
Und über all' diesem. Austausch vergaßen sie ganz und gar, daß es zu dämmern begann und daß stestundenlang gekos't, ohne auf die Zeit zu achten.
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Farbenstudien. Nach dem Original-Gemälde von Karl Reichert.
konnte; wußte sie doch selbst nicht, wie dies Alles so plotzlich und so unwiderstehlich über sie kam.
„Maria, so liebst Du mich doch ein wenig?“ fragte er sie tief erschüttert.
„Ich liebe Dich von Herzen, von ganzem Herzen! Ach, ich wußt es nur selbst nicht, habe zu spät gefühlt, was Du mir werth warest!“ sagte sie fest, das Gesicht von tiefer Gluth übergossen.
„Der brave Onno! Er hat es mir gesagt!“
„Onno, Dir?“ fragte sie erschreckt zurück.
„Ja, Herzenskind! Ich traf ihn zufällig, da ich seine Ver⸗ setzung an die Grenze nicht erfahren hatte. Wir wurden in wenig Stunden bessere Freunde, wie wir je gewesen, denn wir Beide trugen schwer an unserer Liebe und unserem Leid. So öffneten wir einander unsere Herzen,— Onno tröstete mich, machte mir neue Hoffnung, gab mir, als ich nicht zu glauben wagte, was ich doch so sehr wünschte, Deinen letzten Brief, der gerade denselben Tag ihm zugekommen war, und freilich— da— Du hast es selbst vielleicht kaum gewußt— aber da klang aus Deinen Zeilen deutliche Musik in mein verdüstertes Gemüth!“
Er küßte sie zärtlich und flüsterte:„Die Qual dieser Monate war so groß, daß ich fast zu matt bin, um zu jubeln, und doch ist in mir nichts als Glückseligkeit und Wonne.“
O, wie so ganz anders war dies Zusammensein als jenes erste ihres Brautstandes.
Erst als der Diener Licht brachte, fand sich jetzt Maria aus diesem Paradiese zurück. Die Erinnerung an den Vater, an Ehr⸗ stein kam ihr wieder.
Totzenbach horchte boch auf.„Ist es moglich?“ Sie holte ihm das Dokument, ihr Vater schlief noch, es lag in seiner Brieftasche.
In Wahrheit,— es war das Vermißte!— Der Fiskus mußte das Gut herausgeben— es stand kaum zu erwarten, daß er es auf einen neuen Prozeß ankommen lassen werde, wo die Sache so klar lag.
Und nun gingen sie zu Baronin Valerie.
„Mama! liebe Mama! Totzenbach ist hier, er liebt mich noch, er will mich zur Frau haben, wir werden Ehrstein wiederbekommen und Du und der Papa werden dort wohnen— ich ganz nahe bei Euch, und wir werden Alle sehr glücklich sein!“ sagte Maria über die Mutter gebeugt.
„Ich glau—“
Baronin Valerie wollte mit der alten trostlosen Antwort sich abwenden, aber da fielen ihre müden Blicke auf den fremden Mann neben Maria, und die Hand desselben ergriff ihre durchsichtigen
Finger und zog sie an seine bärtigen Lippen.


