395
Ist es das Dokument?“ 10 7 gewaltige Aufregung lag in ihrer Stimme, ihrem ganzen esen.
Der Baron hatte zuerst nur dunkel ahnend begriffen. Plötzlich verstand er sie.
Es war ein unbeschreibliches Bild, Vater und Tochter mit sassungsloser Hast über das alte, vergilbte Papier gebeugt zu sehen.— Beide konnten vor Aufregung weder lesen, noch das Ge— lesene verstehen.
„Lesen Sie! Lesen Sie es mir vor! Es flimmert mir vor den Augen!“ rief Maria Wolfswart zu und dieser, ohne alles Verständniß dieser Scene, mußte lesen, was auf dem Papier stand.
Maria hörte schon das Ende nicht mehr. Sie wußte bereits gewiß, das verlorene Dokument war gefunden.
Wie ein Pfeil flog sie davon, hinauf nach dem Zimmer der Mutter.
Erst vor der Thür besann sie sich auf die unerläßliche Ruhe. Sie hätte es nicht nöthig gehabt. Baronin Valerie hörte sie mit nur geringer Theilnahme an.
„Ich glaube nicht mehr an Glück, ich glaube es nicht,“ das war Alles, was sie sagte, und müde sank sie wieder in ihre Kissen.
„Das gnädige Fräulein werden ersucht, in den Salon zu kommen,“ meldete die Kammerfrau leise eine Viertelstunde später, „Herr von Wolfswart möchte sich empfehlen, der Herr Baron bittet um Eile.“
„Mama, denke doch nur, wir bekommen Ehrstein wieder! Es ist jetzt fraglos! Es ist gewiß!“ flüsterte sie noch einmal aufgeregt der Mutter zu.
„Ich glaube nicht mehr daran!“ murmelte Baronin Valerie wieder.
Mania mußte gehen.
„Gnädiges Fräulein sehen ganz echauffirt aus,— ich will schnell—“
Und schon hatte die Kammerfrau ihr den Frisirmantel umgelegt, einen Stuhl vor die Toilette geschoben und Maria überließ sich ihr. Sie sah selbst, daß sie sich erst beruhigen mußte.
Zehn Minuten später war sie, frisch und elegant selbst in der Einfachheit ihrer jetzigen Gewohnheiten und überzeugt, daß für heute keine verhängnißvolle Frage Wolfswart's mehr zu fürchten sei, im Begriff, sich wieder zu den Herren zu begeben, als sie schon auf der Treppe die Haushälterin ein kostbares Reisenecessair ihres Vaters in dessen Zimmer tragen sah.
Auf dem Hofe wurde der Wagen angeschirrt.— Der Diener lief mit einem Mantel seines Herrn und schrie einer der Mägde zu, der gnädige Herr wolle den Sommerüberzieher.
Was hieß denn das? f
„Der Herr Baron wollen verreisen!“ rief die jetzt wiedererscheinende Haushälterin ihr entgegen. ü
Eben trat auch Welfswart aus dessen Zimmer— in Hut und Ueberzieher, bereit heim zu fahren.
Als er sie sah, leuchteten seine Augen flüchtig auf. i
„Gestatten Sie mir, daß ich mich für heute empfehle— Baronesse, — die so äußerst wichtige Entdeckung—!
„Ihr Herr Vater will sofort in die Residenz,— er ist indeß sehr aufgeregt;— Sie sollten ihn vielleicht begleiten,— es kam ihm ein kleiner Schwindel an, ist zwar schon besser— aber—“
„Der Papa? Verreisen?“ Maria hörte nur dies.
Das war ja unmöglich!
Wolfswart sprach indeß schon weiter..
„Ich bescheide mich mit meinen persönlichen Wünschen heute, Baronesse,— jedoch,— ich flehe Sie an, geben Sie mir den leisesten Hoffnungsschimmer!“ g
„Maria! Maria! was zögerst Du denn? Bedenkst Du nicht, daß ich Eile habe, wenn ich den Kourierzug noch erreichen will?“ rief der Baron, in der Stubenthür erscheinend, seiner Tochter gereizt zu. f
„Adieu! adieu!“ Der arme Herr von Wolfswart schritt sehr enttäuscht nach seinem Wagen. g f
In des Barons Stube lag Alles wild durcheinander. Ein kleiner Handkoffer, das Necessaire waren schon gepackt und fertig.
„Du willst fort, Papa? Aber—“
Wie dunkelroth er aussah, schien blutunterlaufen.
„Vater! Vater! Sind dies— dies die verlorenen Akten?—
selbst das Weiße in seinen Augen
„Natürlich! Hast Du noch etwas Geld? Gieb es mir, ich habe nur dies wenige!“ rief er aufgeregt.
„Papa, liebster Papa, Du— vergißt—!“
„Was vergessen? Was? Hier habe ich mein Ehrstein wieder! Ich bin nicht mehr der Sklave Bolko's. Ich fahre direkt in die Residenz,— brauche nur das Dokument im Ministerium vor⸗ zuweisen—!“
„Du kommst nicht mehr zeitig genug zum Zuge, lieber Papa! Sprich doch erst mit der Mutter! Sie wollt' es mir nicht glauben. Du mußt es ihr selbst sagen,“ schmeichelte Maria, denn sie wußte, Widerspruch verdarb Alles.
„Hol' mir das Geld, ich laufe zur Mama hinauf! Sieh, das hat sie nun davon, daß sie gegen mich Partei nahm!— Nun überzeuge ich sie, daß sie mir Unrecht that. O, ich wußte wohl, wir würden es wiederfinden. Ich wußte—.“
Er konnte nicht ausreden, Schwankend und taumelnd griff er umher, sich zu halten.
Der Schwindel kam von Neuem.
„Papa, ich lasse den Doktor holen, die Aufregung schadet Dir!“ rief sie erschreckt.
Und wieder schwankte er und strich mit der zitternden Hand über die Stirn, auf welcher sich Todesblässe und tiefe Röthe scharf begrenzten. i
„Hole mir, was Du an Geld hast! Ich muß fort, ich halt' es nicht aus! Es ist die Gefangenschaft— sie erstickt mich— sie bringt mich um.“
Und mit Gewalt ermannte er sich, er wollte fort, er wollte! Sie sah es mit Todesangst.
Die Dienstleute standen und liefen um sie her,— der Eine brachte das Gepäck zum Wagen— die Haushälterin trug noch eine schnell bereitete Tasse Kaffee herbei.
„Nein,— Wein gebt her! Wein! Es ist nur die Auf⸗ regung!“ befahl er.
„Um Gotteswillen, Papa! Nicht den schweren Wein!“ bat Mania, aber er hörte gar nicht auf ste.
Was sollte sie thun? Was sollte sie anfangen?
Er brach sein Wort, wenn er ging— und das durfte sie nicht gestatten.
„Papa, ein Wort— ein Wort noch!“ Sie schickte die Leute hinaus.
Er sah ganz verwildert aus— blaß und roth gefleckt im ganzen Gesicht— zitternd und wankend.
„Und was hast Du noch! Zum Kuckuk mit Euch Weibern! Was willst Du?“ schrie er zornig auf.
„Du reisest nicht, Papa, nicht heute! Vergißt Du Dein Ehren⸗ wort?“ bat sie, denn sie bekam Furcht vor seinem Blick.
Er stieß einen wüthenden Fluch aus und schleuderte sie zurück. Aber als er zur Thür eilte, stolperte er und fiel.
Ihm war nichts geschehen, sie sah es, aber jetzt kam ihr ein rettender Gedanke. 5
Blitzschnell riß sie das Fenster auf und rief dem wartenden Kutscher zu:„Zum Doktor, zum Arzt, schnell, schnell,— holen Sie den Arzt!“
Und ehe der Baron sich erheben konnte, rasselte der Wagen in höchster Eile vom Hofe.
Maria aber kniete bei dem Vater.
„Vergebung, Papa! Du darfst nicht fort, Du kannst jetzt nicht! Und nun telegraphire ich an Onkel Bolko.“
Die furchtbare Aufregung des Barons entlud sich in einem krampfhaften Weinen.
Seine Tochter weinte mit ihm, brachte ihn zu Bett, und dort versank er in einen Zustand, von dem sie nicht wußte, ob es Schlaf oder Bewußtlosigkeit war.
Dann erst konnte sie die Telegramme an Isenreut, den Groß⸗ onkel Hooglander und an Onno ausfertigen.
Während sie dieselben dem jungen Verwalter übergab, der sich erboten hatte, für sie zur Station zu reiten, wurde ihr gemeldet, es sei ein Herr gekommen, welcher Grüße von Baron Onno zu bringen habe.
Ein Kamerad von Onno. Sie mochte denselben nicht fort⸗ schicken, so wenig ihr danach zu Muthe war, jetzt mit einem Frem⸗ den zu sprechen.
So ging sie also nach dem Salon hinüber.


