Ausgabe 
11.12.1887
 
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sein Regiment verlassen und sich in eine ferne Grenzgarnison versetzen lassen.

Ich kann Onkel Bolko's Güte nicht annehmen als Kaufpreis für meine Charakterlosigkeit. Wenn Helo mich liebt und mir treu bleibt, so wird schon eine Zeit des Glückes kommen. Ich habe angefangen, mich literarisch zu beschäftigen, schrieb er.

Der Baron fragte gar nicht mehr nach seinem Sohne. Wenn er an ihn dachte, war es nur, um sich in der bittersten Weise über dieglänzende Karriere desselben auszusprechen.

Auch Maria bekam viel zu hören in dieser letzten Zeit. Sie litt umsomehr darunter, als sie ihren Vater nur allzu gleich- müthig kannte. Wohin war plötzlich seine gute Laune gekommen?

Wolfswart interessirt sich für Dich, Du kannst Deine excen⸗ trischen Thorheiten des letzten Winters noch redressiren, er ist eine gute Partie! sagte ihr Vater eines Morgens, da der junge Nachbar eben dagewesen, zu ihr.

Ach, sie ahnte es längst, er kam ihretwegen, schlug um ihn nicht einen Schlag schneller.

Sollte sie ihn heirathen? Eine reiche borgen sein?

Mama, soll ich? fragte sie, neben dem Bette der Mutter knieend, nachdem sie ihr Alles erzählt hatte. Die Mutter kannte jedes Fältchen in ihrem Herzen.

Du hast noch Ideale, arme Maria! Halte sie fest, ach, halte sie fest! Es ist das Beste im Leben! sagte die Mutter leise, und Maria merkte jetzt erst, daß ihr die Mutter nie einen Vorwurf gemacht, weil sie ihre Gesinnung respektirte.

Das war ihr eine beglückende Genugthuung.

Einige Tage später bekam sie einen sie sehr überraschenden Brief. Er war von dem alten Mentink und enthielt ein veraltetes Billet ihres Vaters, worin er seinem Kammerdiener Befehl gab, ihm zu dem bevorstehenden Ordensfeste seine Ordenstracht zu bringen, da er sich nun doch entschlossen habe, an demselben Theil zu nehmen.

Wenn gnädige Baronesse nur vermöchten, des Herrn Barons Gedächtniß mit dieser Erinnerung auf selbigen Tag zurückzuführen, der genau mit dem Datum des Tage zusammenfällt, an welchem er mit dem Hohenthal'schen Fideikommiß die Anleihe abschloß. Wenn man erfahren könnte, wo der Herr Baron an jenem Tage etwa sonst noch sich aufgehalten, so kämen wir vielleicht dem Doku⸗ ment auf die Spur, schrieb er.

Maria seufzte.

Der gute, thörichte, alte Mann! War er nicht wie versessen darauf, sie reich zu machen! Und wie war all' sein Hoffen doch nur Seifenblase.

Trotzdem begann sie, als sie dem Vater gegenüber das einsame Mittagsmahl einnahm und er ärger verstimmt und verdrießlicher als je in dieser Zeit ihr mürrisch und schweigsam gegenüber saß, ihn über Ordensangelegenheiten zu fragen, wobei sie vorgab, die An⸗ regung in einem Zeitungsartikel empfangen zu haben, denn an den alten Mentink und dessenNarrheiten mochte er nicht erinnert sein.

Ihr Bemühen schlug fehl. Jedes Wort mahnte ihn jetzt nur an das Gefängniß, in das er sich hatte einsperren lassen, und statt ihr mit seinen Gedanken zu folgen, fuhr er grimmig auf und rief: Ja das waren noch Zeiten! Wenn mich Bolko und Dein Onkel Hooglander nicht bis zum Wahnsinn treiben wollen, so schreibe ihnen, daß sie mir mein Wort zurückgeben! Hörst Du? Schreibe, daß ich verrückt werde, daß ich ehrlich bemüht war, mich in meine schmachvolle Lage zu finden, daß ich's aber nicht aushalte und mir eine Kugel durch den Kopf jage, wenn sie mich nicht hinaus lassen! Zum Teufel, ich habe Dutzende von Freunden, die mich bei sich willkommen heißen werden, wie ich Below und den Hauptmann Zolkowsky freudig empfangen habe! Bin ich ein mauvais sujet? Bin ich ein Lump, den man einsperrt? Wenn ich mein Geld verlor, so war's nicht meine Schuld, die Verhältnisse haben mich ruinirt!

In diesem Tone ging es fort; er trank hastig Glas um Glas und redete sich in die Heftigkeit immer mehr hinein.

Maria batte vergebens versucht, ihn abzulenken.

Deine Mutter, die mir treu war, so lange wir im Glück und Glanz lebten, hat mir ihr Herz und ihre Liebe entzogen! ging er dann zu Klagen über.Sie respektirt mich nicht mehr, weil ich so schwach war, mich durch Deinen Onkel einsperren zu lassen. O, widersprich mir nicht, sage nicht, die Mama sei krank! Ihr Organismus ist ganz in Ordnung, sie verachtet mich,

aber ihr Herz

Frau werden? Ge⸗

weil ich Bolko's Hülfe mit meiner Freiheit erkaufte! Ich bin ein unglücklicher Mann! Mein einzig geliebtes Weib zürnt mir, mein Sohn ist stolz und hochfahrend mit seinem armen Vater und läßt sich enterben, weil er ein großer Thor ist, meine Tochter weist die glänzendste Partie des Landes zurück, um ihren Prinzipien zu Liebe eine alte Jungfer zu werden 5

Am anderen Tage war Wolfswart wieder bei ihnen und blieb zu Tisch. f Maria fühlte, er sei entschlossen, heute die entscheidende Frage zu stellen; das machte sie beklommen und unruhig, ihren Vater aber sehr vergnügt.

Du wirst es thun, Maria? Du kannst nichtNein sagen, wenn Du bedenkst, daß Du Deine Karten aus der Hand gegeben! bat er sie, ehe sie in das Speisezimmer gingen, sie bei Seite neh mend, und in seinen jetzt oft so stieren Augen lag heute eine flehende Bitte, eine Angst, als gelte es sein Leben.

Zeit zur Antwort ließ er ihr nicht, er wollte auch keine Ab⸗ lehnung hören; aber immer wieder bat er sie während des Essens mit den Augen.

Herr von Wolfswart mußte dies sehen, ihre Pein und Verlegen⸗ heit war schier unerträglich.

Als das Dessert gebracht wurde, meldete man einen Boten von einem ziemlich weit entfernten Gute, dessen Besitzer neulich auf der Auktion allerlei gekauft hatte.

Der Bote brachte einen Brief und ein Packet von ziemlichem Umfange, dessen Empfang der Baron bescheinigen sollte.

Der Baron bat um die Erlaubniß den Brief zu lesen, dann lachte er.

Der Brief enthielt nur wenige Worte:

Lieber Baron! Ich kaufte neulich auf Ihrer Versteigerung den alten, schön eingelegten Schrank; meine Frau hat eine Passion für dergleichen, belohnte mich aber mit schnödem Undank, denn ich vergaß, mir bei Ihnen die Schlüssel geben zu lassen. Heute erst kam der Kunstschlosser aus der Stadt, um das Schloß zu öffnen, und da fanden sich in dem einen Schubfach vergessen die beifolgenden Kleider, die Sie eines Tages ärgerlich vermissen könnten.

Freundlich grüßend Lobenskü.

Ohne Neugier hatte Maria einen Blick in das Packet geworfen.

Papa! Deine Johannitertracht! sagte sie überrascht.

Wohl möglich! Wer weiß, wie die darin vergessen wurde; es ist ange her, daß ich sie nicht trug, gab er gleichgültig zur Antwort.

Man plauderte weiter, nachdem der Baron einige dankende Worte geschrieben. Maria fühlte, der entscheidende Augenblick war kaum noch zu verzögern, denn Wolfswart, auf alle Weise durch ihren Vater ermuthigt, schien ihr Ausweichen nicht verstehen zu wollen.

Vergebens wurde sie immer lebhafter in ihrem Geplauder über Alles und Nichts, vergebens suchte sie Vorwände zu entschlüpfen, das Interesse des Bewerbers abzulenken. In ihrer Noth der Baron sprach schon davon, daß man ihn entschuldigen müsse, wenn er sein Schläfchen halte griff sie, um ihren Vater zurückzuhalten, nach dem Packet, öffnete es schnell und nahm das reiche alterthümliche Ordenskleid, den Mantel ec. heraus. Die List schien zu gelingen; ihr Vater hatte Vergnügen daran, seinem jungen Gast anzudeuten, welche Rolle er am Hofe gespielt.

Mit keinem Gedanken erinnerte sich Maria in dieser Stunde an Mentink's Brief, sie war nur froh, den Vater über seine Siesta weg zu plaudern und mit vor Aufregung hochrothen Wangen ihn durch eifriges Zuhören und Fragen in Stimmung zu halten.

Aber Alles hat seine Zeit! Der Baron erinnerte sich, daß er seinem Gast Gelegenheit geben mußte, Maria's Entscheidung zu fordern. 1 Er warf die Kleider bei Seite und machte Miene zu gehen.

Sieh nur, Papa, da steckt eine Brieftasche, rief Maria ihn zurückund Papiere!

Wie das letzte Wort eigenthümlich klang.

Herr von Wolfswart blickte erstaunt auf sie, dann auf ihren Vater; denn ohne noch eine Silbe zu sagen, hatte plötzlich Maria in wilder Hast die Papiere entfaltet, die glühenden Augen suchten überhastig die Schrift zu durchfliegen. K

Mentink! Der alte Mentink! Sind es die gesuchten Papiere? Das war Alles, was sie zu denken vermochte und da stand es da standEhrstein da