Ausgabe 
11.12.1887
 
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zu den

Ouerhessischen Uuchrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verrolgt werden.

Gießen, den II. Dezember.

Eine gute Vartie.

Roman von L. Haidheim. (Schluß.)

Der Ertrag aus der Versteigerung mußte kein geringer ge⸗ wesen sein, das sah Maria aus dem ganzen Wesen ihres Vaters.

Er fühlte sich in sehr gehobener Stimmung, seine beiden Gäste mußten überall in der Nachbarschaft noch einmal Besuche machen und sich vergewissern, ob man auch kommen werde.

Mit einer fast kindlichen Freudigkeit ließ er rüsten und über⸗ wachte jedes Ding selbst, als gelte es, einen Fürsten zu empfangen.

Als der bestimmte Tag erschienen war, zeigte sich Gißra, seit Jahren zuerst, einmal wieder in seinem vollen Glanze.

Das alte, reiche Silber, das Service von Sévres und all' der übrige Reichthum eines vornehmen Hauses war aus den Schränken hervorgeholt.

Es gehörte Alles, Alles den Gläubigern, zunächst den Ver⸗ wandten aber daran dachte Niemand außer Maria, die wohl oder übel eine heitere Miene zeigen und neben dem Vater die Honneurs des Hauses machen mußte; Baronin Valerie blieb in ihren Zimmern, für sie schien all' diese Unruhe ebenso gleichgültig, wie das ganze übrige Leben.

Ach, in die Seele der armen Mutter sah nur Maria, und wenn auch nie eine Silbe des Vorwurfs von den Lippen derselben ge⸗ kommen, so wußte die Tochter doch nur zu gut, daß sie selbst es war, welche mit der letzten Enttäuschung die letzte moralische Kraft derselben gebrochen hatte.

Die Frühlingssonne lachte den ganzen Tag mit warmem Blick auf Gißra herab; sie strahlte kaum mehr als der Baron, und Jeder war entzückt und befriedigt von den Wirthen und der Be wirthung..

Maria sah in dem elfenbeinfarbigen Seidenstoff, der ein Muster von farbigen Blumen hatte, außerordentlich schön aus. Dies Kleid trug sie zuletzt in einer Gesellschaft, wo Totzenbach sie keinen Augenblick verlassen hatte und wo ihre Blicke und ihr Herz immer Lornow nachgegangen waren.

Heute machte sich ein Baron Wolfswart, ein junger, eleganter Mann, der in der Nähe ein größeres Gut besaß und in letzter

Zeit die Bewirthschaftung desselben übernommen hatte, zu ihrem

Schatten. Er war ein schüchterner Mensch, der seine zarte Figur und seine

. sonstigen Vorzüge wenig zu benutzen wußte. Maria sah mit heim⸗

lichem Lächeln, wie er floh vor der Liebenswürdigkeit der Mütter und der Koquetterie ihrer Töchter, um bei ihrer Ruhe und ihrem Ernst Schutz und Behagen zu suchen.

Es fand sich, daß er im letzten Winter auch in der Residenz gewesen, daß sie viele gemeinsame Bekannte hatten; das gab ihrer Unterhaltung etwas Reiz für Maria.

Die kleinen Lustspiele wurden sehr flott und hübsch von den jungen Dilettanten gespielt.

DieIdee des Barons, auf die er sehr stolz war, fand begeisterten Anklang, man hatte lange nichts Aehnliches unter⸗ nommen, kurz, man beschloß sofort ähnliche Aufführungen und wollte sich mit einer Weigerung des Barons, sich auch bei seinen Freunden daran zu betheiligen, durchaus nicht zufrieden geben.

Maria sah mit unbeschreiblichem Schmerz, wie blaß ihres Vaters Antlitz wurde, während er diese Ablehnungen aussprach. Seine Stimmung war dahin; er trank und trank, um dieselbe wieder zu heben, aber es half ihm nicht.

Schon vor dem Abschiede der Gäste hatte Below ihn glücklicher⸗ weise entfernt; das Fest endete dadurch mit einem Mißklang.

Unbeschreiblich öde und herabgestimmt war es Maria um's Herz, als sie dann mit dem Hauptmann und Below in den leeren Sälen blieb, worin die durch Dorfleute vermehrte Dienerschaft jetzt Gläser und Flaschen wegräumte und Ordnung herzustellen suchte.

Nach dieser außerordentlichen Zerstreuung schien dem Baron Gißra trübseliger als je. Er war sich seiner Gefangenschaft allzu peinlich bewußt geworden und hatte große Mühe, sich von Neuem in seine Lage zurechtzufinden. Herr Below, der dem Baron sehr viel Geld abgewonnen, meinte, er könne jetzt seinem Alten schreiben, er vertrage das Klima von Kamerun nicht und werde deshalb in die liebenden Vaterarme als reuiger, verlorener Sohn zurückkehren.

Auch dem Hauptmann kam die Reiselust; er meinte, es sei jetzt desOpfers für seinen lieben Freund Hooglander genug.

Und als dann schon eine Woche später beide Herren wirklich abgereist waren, da fühlte Maria die Lücke fast ebenso schwer, wie ihr Vater, denn mißlaunig, wie sie ihn nie gesehen, nörgelnd und zanksüchtig ging er den ganzen Tag ruhelos umher und fing mit Jedem, der ihm begegnete, Streit an.

Eine Wohlthat war's, daß Herr von Wolfswart vorsprach und sich leicht bereden ließ, zu bleiben.

Aber das war ein einziger Tag; eine ganze Reihe sehr ein⸗ samer folgten, fried. und ruhelos lief der Baron umher und nur beim Glase fand er momentane Beruhigung.

Maria selbst suchte ihn für eine neue Lustspiel⸗Aufführung an⸗ zuregen, aber er wies ihre Vorschläge ab; seit Below und der Hauptmann fort waren, fehlte ihm die liebgewordene Gesellschaft.

Dann kam Wolfswart wieder einmal vor, auch hier und da einer der Nachbarn; aber diese Alle brachten nur vorübergehende Zerstreuung; die Stimmung des Barons war völlig verändert und Maria zu unerfahren, um sich zu sagen, daß der Genuß allzu vieler Spirituosen sein Nervensystem zerrüttete.

So nahte der Sommer. Nichts änderte sich; nur Onno hatte