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Aber Jule Paulsen mochte einer
glättete es und durchlas es noch einmal. Was für zwei Briefe waren das, von denen er schrieb, und welche sie nie erhalten hatte? Seemannsbriefe gehen wohl einmal verloren, aber zweimal kurz nach einander? Wie konnte das sein? Und dann wurde ihr bleiches Gesicht plötzlich roth; die feinen Lippen preßten sich fest auf einander, der Zusammenhang war ihr klar geworden.
„Das war Mutter,“ sagte sie leise, und es war, als ob all' das Weh, welches noch eben in ihr gewesen war, sich plötzlich in Bitterkeit verwandelte. Ein Frösteln ging ihr durch die Glieder. In diesem Augenblick haßte sie die Frau dort unten am Hafen, wie einer seinen Todfeind haßt. Jener Tag fiel ihr wieder ein, wo ihr der Postbote von einem ganz besonderen Briefe, der für sie gekommen sein sollte, erzählte, wo sie dann zu Hause nichts fand und ihr Jule Paulsen zum Exsatz von der Untreue der See⸗ leute und von ihren eigenen Träumen erzählte.
Es ist ein bitteres Ding, sich selbst den Vorwurf eines Unrechtes machen zu müssen, aber bitterer ist es, auf Jemanden, den man lieb hat und dem man vertraut, Mißtrauen und Verachtung zu werfen. Und sie hatte doch die Mutter immer lieb gehabt, in etwas gönnerhafter und überlegener Weise zwar, aber doch lieb, und es
schien ihr, als ob auch das nun auf einmal vorbei und sie auf der
weiten, großen Welt ganz verlassen sein müßte. Wer ihr das an⸗ gethan hatte, den konnte sie nicht mehr lieb haben.
Da drang von der Kirche her der Schlag der Thurmglocke ver⸗ nehmlich zu ihr. Mittagszeit; sie mußte sich nicht suchen und hier in Thränen finden lassen. Sie badete sich das Gesicht mit kaltem
Wasser, strich sich mit der Bürste über das Haar und sah in den
Spiegel, indem sie zu lächeln versuchte. Als sie über den Flur ging, kam eben Johannes die Treppe herauf, da Essenszeit war. „Inge,“ sagte er, sie freundlich umfassend,„ich habe Dich vor⸗ hin überall gesucht, konnte Dich aber nicht finden. Es kam eine Einladung für uns auf morgen Abend zum Physikus. Ich habe vorläufig angenommen, Du wirst doch nichts dagegen haben?“ Sie machte sich unfreundlich von ihm los, wie sie es nie sonst
gethan hatte. Wenn sie auch bis dahin nie seine Liebkosungen er⸗
widert hatte, so hatte sie sie doch ruhig über sich ergehen lassen, wie etwas Unvermeidliches, das man eben zu allem übrigen in den Kauf nehmen mußte. Heute und in diesem Augenblick hätte sie es nicht gekonnt, und wenn es ihr Leben gekostet hätte.
„Wie konntest Du das thun, Johannes,“ sagte sie kühl,„jetzt, nachdem die feinen Leute sich monatelang nicht um uns gekümmert haben, sind sie endlich so gnädig, sich unserer zu erinnern. Ich denke, nun ist es an uns, nicht zu wollen.“ Sie warf den Kopf trotzig zurück; in ihren Augen flimmerte etwas.
„Was fällt Dir denn ein, Inge?“ sagte Johannes verwundert und halb lachend.„Wenn wir jetzt die Empfindlichen spielen wollen, so versperren wir uns den Kreis, in dem Du gern verkehren willst, ein für allemal. Du weißt, mir liegt nicht viel daran, aber Dir würde es hinterher doch leid thun.“
„Es ist mir unbeschreiblich gleichgültig,“ sagte die junge Frau bitter.„Mir liegt nichts, garnichts an all dem hochmüthigen Volk. Laß sie hingehen, wohin sie wollen.“
„Nein,“ entgegnete Johannes ruhig,„an ihren Gesellschaften liegt mir auch nicht viel, das weißt Du; aber ich sehe die Herren am dritten Ort, und mich betragen wie ein eigensinniges Kind, blos weil Du es so willst, Inge, das werde ich nicht thun.“
„Aber ich will nichts von all den Leuten;— ich bin krank, — mir thut der Kopf weh zum Zerspringen.“
„Das ist etwas anderes,“ sagte er, sie besorgt ansehend,„ja, Du siehst elend aus, kleine Frau,— so blaß. Wenn es morgen nicht besser ist, lassen wir absagen.“ Er strich ihr freundlich mit der Hand über die blassen Wangen und das krause Haar. Sie wich zurück.
„Sie ist krank,“ dachte der Mann entschuldigend, und sein Blick ruhte über Tisch oft besorgt auf ihr, wenn sie keine Speise auch nur berührte. Die jungen Herren aus dem Geschäft sahen sie mit⸗ leidig von der Seite an und führten ihre Unterhaltung mit ge⸗ dämpfter Stimme. 5 3
Nachmittags nahm Inge Hut und Mantel und ging hinunter an den Hafen. Sie hatte mit der Mutter zu sprechen, und das konnte nicht im Hause ihres Mannes geschehen. Jule Paulsen s Art der Auseinandersetzung war dafür zu gefährlich, geräuschvoll. Auseinandersetzung überhaupt noch
aus dem Wege gehen wollen; sie war nicht daheim, und Inge fand die Thür verschlossen. Doch verstand sie sich auf die Kunst, die innere Klinke der Hofthür von außen zu öffnen, trat ein und setzte sich im geheizten Wohnzimmer an das Fenster, die Mutter zu erwarten.
Da saß sie einsam. Es war so still um sie her. Nur dann und wann drangen die lauten Stimmen draußen spielender Kinder zu ihr herein. Die Stube sah blank und aufgeräumt, auf ihre Weise ordentlich geputzt aus. Seit sie nur für sich allein zu sorgen hatte, durfte sich Jule Paulsen manche kleine Bequemlichkeit und Verschönerung gestatten, und der Schwiegersohn that außerdem auch dann und wann seine gütige Hand auf,— wenn auch nicht, um ihr Geldspenden zu verabreichen, denn die würden Jule Paulsen gekränkt haben, sie hatte auch ihren Stolz,— so doch, um kleinen Bedürfnissen in anderer Art abzuhelfen.
Wie fremd war Inge doch hier geworden! So ganz schien die Behaglichkeit des Wohlstandes ihr in den wenigen Monaten ihrer Ehe schon unentbehrlich geworden zu sein, daß es sie wunderlich anmuthete, hier so viele Jahre ihres Lebens verbracht zu haben, ohne sonderlich viel zu entbehren. Sonderbar, während sie so dasaß und die Augen hingehen ließ über die häßlichen Holzschnitte an den Wänden, war's, als würde ihr Weh ein wenig geringer.
Aber der kurze Wintertag ging schnell zu Ende, es wurde erst dämmerig in dem kleinen Raum und dann ganz dunkel, und je mehr die Finsterniß all das Unschöne und Aermliche um sie her ver⸗ hüllte, zu dem ihre eigene elegante Erscheinung in so hartem Wider⸗ spruch stand, um so mehr quollen wieder die bitteren, zornigen, an⸗ klagenden Gedanken in ihr empor, und während sie auf die Mutter wartete, zogen ihr die Worte durch den Sinn, die sie zu ihr sprechen wollte, wenn sie käme. So saß sie, die Hande im Schoße zusammen⸗ gelegt, in die kalte Finsterniß draußen hineinsehend und wartend, — wartend.
Endlich hörte sie den Hausthürschlüssel sich im Schloß drehen, dann klang die Thürglocke, deren langweiligen, blechernen Ton Inge so gut kannte, dann war ein unsanftes Geräusch in der Küche, und gleich darauf öffnete sich die Stubenthür, und Jule Paulsen trat ein, in der Hand die kleine, brennende Küchenlampe. Inge saß ganz still und kehrte ihr blasses Gesicht nach der Thür zu. Die Mutter sah sie nicht; sie handtierte im Zimmer umher, stocherte das Feuer auf und ging an das Fenster, um die Laden zu schließen.
„Herrgott!“ rief sie auf einmal, einen Schritt zurückprallend, „Inge, bist Du es? Wo kommst Du her? Wie Du mich erschreckt hast!“
Die kleine flackernde Lampe warf ihren ungewissen Schein auf die beiden Gesichter. Jule Paulsen war roth geworden, und auch Inge stieg das Blut langsam und heiß bis an die Schläfen empor.
„Ich will Dich nicht lange aufhalten, Mutter,“ sagte sie fremd, „ich kam nur, um mir die beiden Briefe zu holen, Du weißt wohl, welche ich meine.“
Jule Paulsen war nicht sehr überrascht. Seit morgens der Post⸗ bote bei ihr gewesen war, hatte sie erwartet, daß so etwas kommen würde, und ebenso wie Inge hatte sie bei sich überlegt, was sie sagen wollte. Sie hatte sich vorgenommen gehabt, alles abzuleugnen, und doch stotterte sie jetzt unwillkürlich:„Ich habe sie nicht mehr, Inge, sie sind verbrannt.“
„So?“ sagte die junge Frau schneidend,„Du hast meine Briefe, die Du unterschlagen hast, verbrannt? Nun, da habe ich hier ja nichts mehr zu suchen. Lebe wohl, Mutter.“ Ohne ein weiteres Wort, und ohne der Frau die Hand zu bieten, wandte sie sich nach der Thür. Sie hatte zornige Worte des Vorwurfs auf der Zunge gehabt, Worte, die sie während der ganzen, langen Wartezeit wohl überlegt hatte, aber es war etwas in ihr, was von jedem aus⸗ gesprochenen Zank angeekelt wurde, und sie drängte die Worte zurück.
„Inge!“ rief Jule Paulsen, ihr nacheilend und nach ihrer Hand greifend.„Geh' so nicht von mir, nicht ohne ein freundliches Wort und mit so bösen Augen. Mein Kind, was ich gethan habe, war ja wohl eigenmächtig, aber ich meinte es doch gut, und es ist ja doch Dein Glück gewesen, Inge, mein Kind. Es ist ja Alles recht geworden. Du hast den guten Mann und das schöne Haus und bist glücklich.“
„Ja, sehr,“ sagte das schöne junge Weib mit schneidender Bitterkeit.
Jule Paulsen verstand nur die Worte, nicht ihren Klang, und es war auch zu dunkel im Zimmer, als daß sie Inge's halb ab⸗ gewandtes Gesicht recht hätte sehen können.
„Sieh, Du sagst es selbst, Inge,“ fuhr sie eifrig fort,„Du hast


