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Abends wohl, den Kopf in die Hand gestützt und sah still und un⸗ beweglich in die Flamme der Lampe, indem er versuchte, sie zu unterhalten. Ach, es war so anders, so anders gekommen, als sie gemeint hatte, ehe sie Johannes heirathete. Sie hatte gemeint, eine Rolle spielen zu wollen in jenen Kreisen, die ihr bis dahin ver⸗ schlossen gewesen waren, und nun kümmerte sich Niemand um sie.
Was nützten ihr die schönen Zimmer, wenn sie sie Niemandem zeigen, was die hübschen Kleider, wenn sie nicht darin bewundert werden sollte. Der Besitz allein that es nicht. Sie war gesellig und heiter von Natur und die Einsamkeit, die sie jetzt umgab, war nicht gleich jener, die sie gesucht hatte am Meeresstrande, wenn sie sich in das kurze Dünengras hingestreckt hatte, wo die grelle Strand— sonne auf sie schien und sie die Möven kreischen hörte. Jene Ein⸗ samkeit hatte sie gesucht, diese heftete sich an sie, das war der Unterschied.
Zuweilen kamen Briefe von den Zwillingen oder von der Schwiegermutter. Alle schrieben entzückt von dem bunten Treiben und den leicht erreichbaren Vergnügungen der großen Stadt. Dann wachte in Inge's Herz etwas auf, was ganz genau so aussah wie Neid. Ja, wenn sie ein solches Leben gewonnen hätte durch ihre Heirath mit Johannes!—
„Kleine Inge,“ sagte Johannes freundlich,„würde es Dir nicht Freude machen, in Deinem eigenen Hausstande zu wirthschaften? Ich kann nur so selten bei Dir sein, und die Tage sind wohl lang für Dich. Sie würden dann schneller vergehen.“ g
„Ich verstehe nichts davon,“ entgegnete die junge Frau hastig und erröthend. Sie hatte es einmal in einem Anfall von Pflicht— eifer versucht, das nicht Erlernte war mißlungen, und seitdem ließ sie die Magd schalten. Sie hatte eine peinliche Angst davor, sich durch Ungeschick lächerlich zu machen, und ein besonderer Arbeits- trieb wohnte nicht in ihr.
„Lerne es noch,“ bat Johannes.„Es kann nicht schwer sein mit ein wenig gutem Willen, und es würde mich noch glücklicher machen. Lerne es, weil Du mich lieb hast.“
Er hatte ihr hübsches Gesicht zwischen seine Hände genommen und sah ihr herzlich in die schönen Augen. Sie machte sich frei, ein wenig ungeduldig, so schien es. Das hätte er nicht zu sagen brauchen:„weil Du mich lieb hast,“ dachte sie. Deshalb, deshalb würde sie wohl nicht viel thun, wenn sie sonst keine Lust dazu hätte. Es war ja garnicht wahr, sie hatte ihn ja garnicht lieb. Ja, wenn es alles so wäre, wie sie es gern wollte, wenn sie das Leben so genießen könnte, wie sie es sich ausgemalt hatte— dann hätte sie wohl versucht, ihn lieb zu haben. Aber jetzt; sie wußte nicht, wie es kam, aber seit sie sich langweilte, hätte sie zuweilen die freundliche Hand fortstoßen mögen, die ihr über das Haar strich, wie einem Kinde. Seine stille, schüchterne Art, seine Liebe zu zeigen, verdroß sie fast. Wenn er sie leidenschaftlich an sich gerissen hätte, so wäre es ihm vielleicht eher möglich gewesen, ihre Neigung zu gewinnen. Manchmal hatte sie ihm ein böses Wort sagen mögen, nur um ihn aus seiner Ruhe zu bringen, ihn zornig zu machen— nur der Ab— wechselung wegen. Seine sanfte Weise langweilte sie.
„Herrgott,“ dachte die junge Frau manchmal,„ich glaube, ich werde schlecht in dieser Einsamkeit.“
Aber wenn dann Jule Paulsen einmal wieder wie ehemals fragte:„Nicht wahr, meine Inge, jetzt bist Du glücklich?“ dann nickte sie und lächelte, und die Frau sah nicht, wie gleichgültig das Lächeln war. Mitleid brauchte Inge Möller nicht.
Eines Tages, als sie beinahe vier Monate verheirathet war, brachte ihr der Postbote einen Brief. Er trug als Adresse noch ihren Mädchennamen, Ingeborg Paulsen, und daneben den Vermerk „zu eigenen Händen.“ Der Postbote hatte ihn deshalb Jule Paulsen nicht überlassen dürfen, obgleich dieselbe ihn inständig darum gebeten hatte, sondern brachte ihn der jungen Frau selbst in das Haus. Es war ein großes, etwas ungeschicktes Kouvert, Poststempel und Marken waren ausländisch, und Inge kannte die Hand, welche ihren Namen geschrieben hatte, so gut, daß sie ganz wunderlich blaß wurde, sich mit der zitternden kleinen Hand über die Stirn strich und auf die Buchstaben starrte, als wenn einer Gespenster sieht.
„Ich habe zwei Mark und sechzig Pfennig zu erhalten,“ sagte Postbote,„der Brief ist nicht genügend frankirt.“
Sie gab ihm das Geld mit bebenden Händen, und es schien ihr eine Ewigkeit zu dauern, bis er nachgezählt hatte. Dann ging sie mit sonderbar schweren Schritten von einem Zimmer in das
der
andere; nirgends schien es ihr sicher und einsam genug. Aber endlich fand sie doch einen Winkel, wohin Niemand leicht kam. Und nun hielt sie den Brief wieder in Händen und wagte nicht, ihn zu erbrechen. Ihr Herz klopfte in unregelmäßigen, schweren Schlägen, und ihr Gesicht war wunderlich weiß. 110 „Was kann er noch zu schreiben haben, nach so viel Monaten,“ sagte sie halblaut vor sich hin. Es sollte verächtlich klingen, aber wer es gehört hätte, der würde die heiße Angst herausgefühlt haben. Sie wollte sich rüsten mit all' dem Zorn, den sie so lange gegen ihn empfunden hatte, als er immer und immer schwieg, mit dem Zorn, der ihr hundert Gründe zugeflüstert hatte, weshalb sie Johannes Frau werden müßte— aber beim Anblick der lieb gewohnten Schriftzüge schwand der Zorn und ihre Rechtfertigung, als wäre beides nie dagewesen, und es blieb nur eine große Angst und eine große Sehnsucht zurück. 7 Und dann erbrach sie den Brief und las ihn. Zwei, dreimal las sie ihn, und die Thränen fielen auf das Blatt, und all die guten, ehrlichen Worte von Liebe und Treue. Nicht der Hauch eines Verdachtes war dem fernen Mann gekommen, er könnte sie verloren haben. Nur daß seine beiden letzten Briefe in die Hände der Mutter gefallen sein und Inge Verdruß bereitet haben mochten, das fürchtete er, sonst nichts. Aber das alles sollte nun ein Ende haben. Das Ziel, das er sich gesteckt hatte, war erreicht, das Steuermanns⸗Examen bestanden, und nun konnte die Mutter ver- nünftigerweise nichts mehr einwenden. Nur ein wenig Geduld sollte Inge noch haben; bald würde er kommen, sie die lange Wartezeit vergessen zu machen. 0 Es war ein so guter, argloser, hoffnungsreicher Brief, daß man meinte, Peter Ohlsen's hübsches, junges, offenes Gesicht und die fröhlichen dunklen Augen vor sich zu sehen. Es war, als wehte in seinen Worten der frische, gesunde Hauch des Meeres, grade weil sie so einfach und schlicht waren. 9 Das junge Weib saß ganz still. Ihre Thränen fielen auf d Blatt und verwischten die Buchstaben, aber sie merkte es nicht. Verloren— sie hatte ihn verloren! O Gott, Gott, Gott, wie elend war sie! Sie hatte nie im Leben gewußt, was Reue ist, immer hatte sie gemeint, was sie thäte, wäre eben recht so. Und nun kam das schrecklichste, bitterste Gefühl über sie und schüttelte sie, wie eben nur die Reue den Menschen schütteln kann. 5 Sie sah es nun alles, wie es gewesen war; wie sie, halb zeugt, daß Peter Ohlsen sie vergessen hätte, sich trotzig und gekränkt in Zorn und Bitterniß gegen ihn immer mehr hineingeredet hatte, wie dann das Bild von Wohlstand und Reichthum verlockend vor ihr aufgetaucht war, und sie darnach gegriffen hatte, absichtlich ohne rückwärts zu schauen; wie sie sich eine Weile vorgeredet halte, glücklich zu sein und doch ihr Herz leer blieb bei allem, was der Reichthum ihr bot— o, sie sah auf einmal so deutlich alles, als wenn sie es in einem Buche gelesen hätte. Und unterdeß hatte er ihrer gedacht in Treue. Und wenn er nun heimkam, wenn er heimkam? Wie würde es gewesen sein, wenn sie treu geblieben wäre, und wie würde es nun sein? Sie lehnte den Kopf an die Mauer, preßte die Hände fest in.“ einander und starrte durch das Fenster in den Himmel hinauf. 1 Sie dachte garnichts mehr. In ihr war es so dumpf, so schrecklich dumpf. Nur das eine Wort schien Jemand neben ihr immer zu wiederholen:„Wenn er nun heimkommt!“ s 1 Bis heute hatte sie niemals gewußt, wie lieb sie Peter Ohlsen hatte. Erst hatte sie es nicht begriffen, weil sie von jeher gemeint hatte, daß alles Gute ihr selbstverständlich kommen müßte, und dann hatte sie's nicht mehr begreifen wollen aus verletztem Stolz. Nun wußte sie es, aber nun war es zu spät, viel, viel zu spät. Sie stöhnte leise und schlug die Hände vor das Gesicht. O Gott, wie 3 elend war sie! 9 Nicht ein Gedanke des Mitleids kam ihr jetzt an den anderen Mann, der ihr den ganzen Schatz seines treuen Herzens auch geschenkt hatte, wie jener in der Ferne, und dem sie angehörte vor Gott und Menschen und dessen Glück dieser Brief auch vernichtete. Nicht einmal ein Gedanke des Mitleids mit Peter Ohlsen. Inge Möller dachte nur an sich, nur für ihr eigenes Weh, welches ihr so groß zu sein schien, daß die ganze Welt davor versank. Und dann fürchtete sie sich.— Wenn er nun heimkam, was dann? Was sollte sie sagen? 1
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Sie nahm das Papier, das sie in der Hand zerknittert hate,


