zu den
f Oberhessischen Unchrichten.
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Ur. 37.
Gießen, den II. September.
Mit den Besuchen, welche die jungen Leute in der Stadt machten, ging es nur langsam vorwärts. An den Wochentagen hatte Johannes keine Zeit. Das Geschäft, dem er zum erstenmal allein vorstand, nahm seine ganze Kraft in Anspruch. Abends kam er dann ein wenig ermüdet zu seiner kleinen Frau herauf, ein Buch in der Hand, denn er hatte allerlei wissenschaftliche Interessen, für die ihm das
Geschäftstreiben sein Leben lang keine Zeit gelassen hatte.
„Was ist das?“ fragte Inge dann, blätterte in dem Buch und legte es enttäuscht wieder zur Seite. Was darin stand, interessirte sie nicht, und sie verstand es bei ihrer mangelhaften Schulbildung auch nicht. Sie las überhaupt nicht gern, auch nicht solche Bücher,
welche sich für ihr Verständniß mehr eigneten. Träumen mochte sie, sich in ihrem eigenen hübschen Köpfchen allerlei wunderliche
Dinge zusammenreimen, aber lesen nicht. Es paßte nicht zu ihr.
Ihr würde dumpf davon im Kopf, behauptete sie lachend.
Dann machten sie einen anderen Versuch. Johannes las ihr vor, und sie hörte zu. Aber er war in derlei Dingen nicht eben geübt; sein Vortrag hatte etwas Einförmiges, und als er einmal von seinem Buche emporblickte und bemerkte, daß Inge den blonden
Kopf in die weichen Polster des Sopha's zurückgelehnt hatte und mit geschlossenen Augen tief und sanft athmete, legte er den Roman lächelnd bei Seite und griff zu seinem eigenen Buche, die Blätter leise und behutsam umschlagend, um sie nicht zu stören, und sie merkte es nicht und schlief ruhig weiter. Nach einer Weile wachte sie aber doch auf.
„Es war gar zu langweilig,“ entschuldigte sie sich lächelnd, sich den Schlaf aus den Augen reibend.„Erzähle mir etwas, Johannes, sprich mit mir, sonst schlafe ich wieder ein.“
166 Er war gleich bereit dazu. Er erzählte ihr, was ihm den Tag über begegnet war, aber sein Leben brachte mehr Arbeit als Ab— wechselung. Und so kam es, daß nach ganz kurzer Zeit ein un⸗
gebetener Gast sich mit an den Tisch setzte, wenn Abends die Lampe
angezündet wurde— die Langeweile.
Inge saß unthätig und träumerisch da, und wenn dem Manne, nachdem sie beide nicht mehr viel zu sagen wußten, ganz wohl dabei war, beim traulichen Schein der Lampe ein Buch zu lesen, das ihn fesselte und förderte, dabei dann und wann zwischen dem Lesen die Augen zu erheben und das süße, geliebte Gesicht sich gegenüber zu sehen, die Nähe seiner kleinen Frau zu empfinden auch ohne lautes Wort, wenn ihm dabei das leise, heimliche Ticken der Uhr und das Knistern des Feuers traut und wohnlich vorkam, so lag auf der ungen Frau eine solche Stunde schwer wie Blei.
Sie hatte früher hier an demselben Tisch gesessen, wo sie nun saß, aber da war der helle Lichtschein auf einen Kreis munterer Geesichter gefallen, und fröhliche Worte waren hin und wieder geflogen,
Inge Vaulsen.
Von Eva Treu. (Fortsetzung.)
wenn auch gewiß nicht geistreiche. Ja, selbst zu Hause bei der Mutter war es amüsanter gewesen; Jule Paulsen hatte immer irgend etwas zu erzählen und zu besprechen gehabt. Der kleine Klatsch
und Tratsch des täglichen Lebens war hin und her gewendet und
von allen Seiten mit einer guten Nachbarin beleuchtet worden. Inge hatte freilich nicht viel dazu gesagt, ja, sie hatte oft gemeint, dergleichen sei häßlich und widerwärtig, aber sie war trotz alledem zwischen diesen Dingen aufgewachsen und merkte zu ihrem Erstaunen nun, daß diese kleinen Alltäglichkeiten ihr fehlten.
Ein paarmal kam Jule Paulsen Abends, einen großen Vorrath von Klatsch und Neuigkeiten mitbringend. Aber über Johannes gutes Gesicht ging bei dieser Art der Unterhaltung ein Zug von Pein. Ihm ging das Verständniß für derartige Freuden durchaus ab.
Inge hatte gemeint, der erste Winter ihres Ehestandes sollte hingehen unter geselligen Vergnügungen aller Art. Johannes hatte seine kleine Frau nach und nach bei allen angesehensten Familien des Städtchens eingeführt, obgleich er halbwegs ein Opfer damit brachte, da er ein still zurückgezogenes Leben liebte. Ja, er würde sich, Inge zu Liebe, sicherlich auch keinen Augenblick geweigert haben, Gesellschaften zu besuchen und zu geben. Wußte er doch ganz genau, daß Inge's Herz an diesen Dingen hing, und es hatte ihm von jeher an ihr so absonderlich wohlgefallen, vielleicht eben, weil ihm die Kunst, leicht und heiter zu genießen, abging.
Ach, was hätte er nicht gethan, um ihr zu gefallen! Sann er doch förmlich darüber nach, wie er sie erfreuen könnte, sie, die wie ein Sonnenstrahl sein stilles, einsames Leben erhellte. Wie viele kleine sinnige Ueberraschungen, wie viel Erfüllungen kaum aus⸗ gesprochener Wünsche hatte er für sein junges Weib!
Aber das eine, was sie am ungeduldigsten verlangte, konnte auch er ihr nicht geben: Geselligkeit.
Die„gute Gesellschaft“ der kleinen Stadt beeilte sich nicht son⸗ derlich, die kleine Schönheit vom Hafen in ihren Kreis zu ziehen. Es sollte geschehen, gewiß, man war dies schon dem angenehmen Manne schuldig, obgleich man auch die Möllersche Familie schon mit stetem leisem Widerstreben zu sich gezählt und zuletzt nur der allmächtigen Gewohnheit eingeräumt hatte, was man der Halbbildung gern verweigert haben würde. Man hatte nicht im Sinne, grausam zu sein und Ingeborg ganz unberücksichtigt zu lassen; aber ein klein wenig durfte man sie immerhin empfinden lassen, daß sie ein Ein⸗ dringling war. Dahin ging das stillschweigende Uebereinkommen.
Und so ging es zu, daß die mit Unterbrechungen gemachten Besuche in noch viel längeren Pausen erwidert wurden und daß bis jetzt noch keine Einladung an das junge Paar ergangen war.
Johannes wäre das für seine Person recht lieb oder doch gleich— gültig gewesen, wenn ihm nicht Inge leid gethan hätte. Sie saß
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