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es so gut, und Dein Leben lang hat es Niemand besser mit Dir gemeint, als ich. Ich habe doch immer alles gethan, was Du wolltest, ich habe—“
„Ja,“ fiel die junge Frau ein, und die sanften Lippen bebten, „all' meine thörichten, kindischen Wünsche hast Du erfüllt und Deine eigenen dazu, bis ich unzufrieden mit Allem war, was sich für mich paßte und schickte. Meinst Du, das soll ich Dir heute danken? Ich passe weder hierhin noch dorthin. Und das einzigemal, wo ich etwas gewünscht habe, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüthe, etwas, was mir mehr werth gewesen wäre als all' der Plunder von Geld und Gut,— da hast Du Deine fürwitzige Hand dazwischen geschoben, daß ich es nicht erreichen konnte, — meinst Du, ich soll Dir dank—
„Kann's Dir nit sagen, mein Herzchen! aber warum denn?“ — Die Stimme der alten Magd stockte vor Schrecken.
„Warum, Annemarie?“ rief Hämmermäuschen, den verworrenen Blick wie geistesabwesend auf ihre Amme heftend,„warum?“ wieder⸗ holte sie nochmals und ein nervöses Zittern durchflog ihre leichte Gestalt;„er ist verrathen und verkauft, heut' Nacht wollen sie ihn fangen, vielleicht todt machen.“
„Todt machen? heilige Mutter Gottes! Annemarie entsetzt zurückfahrend.
Doch Hämmermäuschen hatte schon die Thür aufgerissen, die zum oberen Stockwerke führte. Ein Kreuz schlagend, blickte ihr Annemarie nach.
Wen denn?“ ächzte
Jakob's Kammerthüre stand
bar dafür sein? Ich wäre gut ge⸗ worden, gut und glücklich, wenn Du mir Peter Ohlsen gelassen hättest, und jetzt,— und jetzt—,“ sie brach in Thränen aus und schlug die Hände vor das Gesicht.
„Inge, Inge!“ rief Jule Paul— sen,„sage das nicht. Klag Deine Mutter nicht an, die Dich so lieb hat!“
„Ich klage Dich an! Ich klage Dich an vor Gott!“— und dann wurde es sehr still.
Nach einer Weile nahm Inge die Hände vom Gesicht.„So,“ sagte sie langsam,„ich habe es nun einmal gesagt, und Gott ver— hüte, daß ich es je wieder zu meiner Mutter sage. Aber denken werde ich es immer, Mutter. Ich kann Dich wegen meiner heftigen Worte nicht um Verzeihung bitten, ich würde lügen, aber ein unehr— erbietiges Wort soll über meine Lippen nicht wieder kommen.“
Jule Paulsen nahm sie bei der Hand.„Meine Inge,“ sagte die Frau,„willst Du nicht zu mir sagen, daß Du mir das ver— zeihst, was ich gethan habe, weil ich es gut meinte?“
„Laß uns nicht mehr davon sprechen, Mutter, Du hast es wohl nicht besser gewußt.“
Und als sie dann nach ein paar Minuten wieder einsam durch die Straßen heim schritt, da war ihr wunderlich verlassen um's Herz.
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halb offen. Eine schreckliche Ah⸗ nung faßte Hämmermäuschen.
„Jakob! Jakob!“ rief sie in wilder Hast.
Keine Antwort.
Der Mond schien hell in das Gemach, es war leer.
Mühsam erreichte sie ihr Stüb⸗ chen, dort brach sie vor dem Kru⸗ zifir wie leblos zusammen.
Die Annemarie war inzwischen keuchend die Treppe herauf ge⸗ kommen und fand das Mädchen auf dem Boden hingestreckt. Ihr Mark und Bein erschütterndes Geschrei rief den Entenmüller und sogar den tauben Stoffel herzu, die die Ohnmaͤchtige auf ihr Bett trugen und sofort jene Mittel und Kunstgriffe in Gang setzten, welche ländliche Einfalt bei derartigen Fällen für unfehlbar halt. Hämmermäuschen schlug end⸗ lich die müden Augen wieder auf.
„Wo ist er?“ war ihre erste Frage und sie sah verstört um sich—
„Hab' nur Ruh', Herzchen, er wird schon kommen;“ beschwich⸗ tigte die Annemarie, indem sie Hämmermäuschen mit sanfter Ge⸗ walt in die Kissen zurückzudrücken suchte.
„Wie viel Uhr ist's denn?“ drängte Hämmermäuschen, Anne⸗ marie's Hand zurückstoßend und vom Bett aufspringend.
„ geht auf Elf, Kind— aber was hast Du denn vor?“ forschte
Wie fremd war ihr die Mutter, die nicht einmal begriff, daß sie nicht recht gehandelt hatte, inner— lich. Es war ihr, als wäre sie nun losgelöst von Allem, was ihr sonst lieb gewesen war und stände ganz allein ohne Rath und Schutz, ohne einen Menschen, dem sievertrauen konnte, und der sie verstände.
(Fortsetzung folgt.)
Die Entenmühle.
Eine alte Dorfgeschichte von E. A. (Schluß.)
Die Schritte der beiden Männer waren schon längst verhallt und noch immer stand Haͤmmermäuschen wie festgebannt. Endlich fuhr sie auf und, einen irren Blick um sich werfend, strich sie sich mehrmals über die Stirne, als wollte sie einen bestimmten Gedanken fassen, dann sank sie auf die Knie und faltete die Hände. Geflüͤgelten Schrittes eilte sie den Bach hinauf.
„Wo ist Jakob!“ fragte sie athemlos die Annemarie und ergriff mit fieberhafter Hast den Arm der Alten.
Dolce far niente. Nach dem Gemälde von L. Bechi.
der Entenmüller und er sah ihr bekümmert in das todtbleiche Antlitz.
„Auf Elf? heilige Mutter Gottes, ich hab's verpaßt!“ und sie stürzte gegen die Thür.
Auf einmal blieb sie stehen.
„Betet für mich— und auch für ihn!“ Dann kniete sie vor dem Entenmüller nieder, drückte einen Kuß auf die Hand des Greises und fort war sie, ehe nur Eines daran denken konnte, sie zurück zuhalten oder zu verfolgen.
Wie ein Schatten schwebte Hämmermäuschen am Bach hinunter, ohne zu fragen wohin.
Jost hatte ja nur gesagt: um elf Uhr.
Vor ihr lag das Moor.
In grauer Vorzeit mochte es das Bett des Stromes gewesen sein, bis mancherlei Ursachen und Erscheinungen demselben seinen jetzigen Lauf gaben..
Eben trat der Mond aus den Wolken und goß sein fahles Licht über diese unendlich traurige Einöde, diesen Leichenacker der Natur.
Durch das Schilf zog es flüsternd wie die Stimmen ruheloser


