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keine Arien oder Solfeggien mit Trillern und Staccati, sondern einfache Lieder und Kouplets, wie ihre ungeschulte Stimme sie be⸗ wältigen konnte. Die ungetrübte Heiterkeit war jedoch nicht ihr größter Vorzug; die ihr näher standen, behaupteten, Lieschen Berger sei das beste Hausmütterchen, das sich finden ließe, obgleich sie noch nicht zwanzig Jahre zählte und tüchtig für Geschäfte nähe. Sie führte in der That die ganze Wirthschaft, kochte und versorgte ihre zwei jüngeren Schwestern von zehn und zwölf Jahren. Dabei war Alles in der kleinen Wohnung blitzblank und man konnte es kaum be⸗ greifen, wie ein so unbedeutend aussehendes Kind das zu schaffen im Stande sei.
Thatsächlich sah Singvögelchen recht unbedeutend aus, sie besaß nicht einmal hübsche Züge; doch schauten ihre braunen Augen so treuherzig und ungetrübt darein, daß man unwillkürlich freundlich zu ihr war, und mochte sich der Aerger vorher noch so breit in der Brust gemacht haben.
Wunderbar war es nicht, daß ihre beiden Schwestern voll Liebe an ihr hingen. Doch„des Lebens ungetrübte Freude ward' keinem Sterblichen zu Theil;“ auch der Himmel Lieschen Berger's sollte nicht immer heiter glänzen.
Wer in einer großen Fabrikstadt lebt, sieht in den Straßen des Arbeiterviertels an dem letzten Wochentage Abends Gruppen von Weibern, denen meistens der Stempel der Noth, des inneren Zer⸗ falls auf das Antlitz geprägt ist. Sie warten auf ihre Männer, denen der Wochenlohn ausgezahlt wird, um sich diesen geben zu lassen. Heute müssen die Schulden der Woche bezahlt werden, sonst borgen Bäcker, Fleischer uud Materialhändler dem schlechten Kunden nicht weiter. Jetzt kommen die Männer aus dem Komtoir, aber ihre Blicke fallen auf ihre Weiber nicht liebevoll; denn sie sehen in ihnen nur Mahner, die den letzten Groschen nehmen möchten, und doch haben sie selbst ihre Rechnungen in den Restaurants und Destillationen auszugleichen. Die Gatten entfernen sich hadernd und heftig gestikulirend.
Zu diesem Gange hatte sich Lieschen noch nie zu entschließen brauchen; war doch ihr Vater ein nüchterner Mann, der die Häus— lichkeit liebte, und der am Ende der Woche stets heimging, um von seinen verdienten zwanzig Mark sechzehn dem hausmütterlichen Töchterchen zu übergeben. An einem Sonnabend-Abend im November aber kam der Vater nicht nach Hause, man mußte ohne ihn zu Abend essen. Er war auch noch nicht zur Stelle, als die Kinder schlafen gingen. Auf deren Frage, wo jener bleibe, hatte das Singvögelchen nichts zu erwidern gewußt. Es wurde zehn Uhr, Lieschen vermochte an der Nähmaschine nicht mehr zu arbeiten.„War ihm ein Unglück zugestoßen?“ Elf schlug es. Sie griff nach dem Umschlagetuch, sie wollte ihn in ihrer Herzensangst aufsuchen, doch wohin sollte sie sich wenden?
Noch einmal öffnete sie das Fenster, um hinauszuschauen. Ja, das war sein Schritt, doch fehlte ihm die Festigkeit. Jetzt stolperte er die Treppe empor. Ella ergriff die Lampe und leuchtete hin— aus. Der Vater schwankte hinein, die Augen stier, der Mund zu einem Lächeln in die Breite gezogen.
„Vater, wie siehst Du aus!“ rief Singvögelchen entsetzt.
„Na, wie denn— ich war in Gesellschaft— wir haben ge— trunken, gespielt. Es war gottvoll.“ Er fiel mehr auf den Sessel, als er sich setzte.
Sie war um ihn beschäftigt.„Es ist nur gut, daß Du jetzt zu Hause bist. Willst Du zu Abend essen?“
„Ist nicht nöthig. Den Teufel auch! Das war ein lustiger Tag. Ich gehe zu Bett.“
Am folgenden Morgen fragte sie den Vater, der heute miß— vergnügt und finster blickte, nach dem Wochenlohn. Der Alte sah sie verwundert an, dann griff er in die Westentasche und schleuderte zwei Zweimarkstücke auf den Tisch.„Das ist heute Alles“, er— widerte er,„Du mußt Dich eben diese Woche einrichten.“
„Mit vier Mark?“ wendete sie leise ein.
„Nun ja, Du verdienst ja auch, mußt Dir schon etwas gespart haben. Könntest mir eigentlich die vier Mark auch überlassen.“
„Du weißt, daß die Frauenarbeit sehr schlecht bezahlt wird. Auch kann ich nicht fortwährend an der Nähmaschine sitzen. In voriger Woche habe ich den Kindern Wintermäntel gekauft.“
„Dumm genug. Das hätte auch noch Zeit gehabt. Nun, wie ist es mit den vier Mark? Du willst sie nicht geben. Gut, der blaue Engel(das Wahrzeichen der Destillation) borgt mir schon.“
„Vater, um Gottes Willen, borge nicht!“ „Dann gieb mir das Geld.“ „Vater, geh' nicht in den blauen Engel,“ bat schüchtern das Geld hinschob. „Ich bleibe nicht lange,“ versetzte er und eilte fort. Er blieb doch länger als sonst, kam auch müde zurück und legte sich nieder. 5 1 Das war der erste traurige Sonntag, deren sich die Kinder seit Jahren erinnern konnten. Eifriger als sonst nähte Singvögelchen an der Nähmaschine, aber sie sang nicht. Der Zeisig blickte sie ganz verwundert an, begann auch einige Male anzuschlagen; als er jedoch keine Antwort erhielt, setzte er sich auf die erste Sprosse, steckte den Kopf unter die Federn, zog das eine Bein hinauf und entschlief. 4 Die Verstimmung ging dieses Mal vorüber, schon nach einigen Tagen hatte der Zeisig eine Begleiterin wieder. Lieschen hatte sich mit ihrem ersparten Gelde eingerichtet, daß sie nicht zu borgen brauchte. Das ließ sie die alte Heiterkeit wiederfinden. So kam wieder der Sonnabend Abend. An demselben hatte Berger wieder- gewinnen wollen, was er am vorigen Sonnabend an den Verführer Galgenberg verloren hatte. Vergebens, er kam mit keinem Pfennig in der Tasche nach Hause. s Am Sonntag trat Lieschen vor ihn hin.„Vater, was soll daraus werden?“ sagte sie,„ich habe nur meinen Verdienst von voriger Woche.“ 1 „Mache mir zu meinem Unglücke nicht noch Vorwürfe!“ schrie er und schlug mit der Faust auf den Tisch.„Es wird schon anders“ werden, muß anders werden.“ 1 „Wenn Du es so forttreibst, nicht!“ bemerkte sie. Er sah sie drohend an und ging. Singvögelchen setzte sich an die Nähmaschine, und dieses Mal schien es wirklich mit dem Singen ganz vorbei zu sein. Dagegen arbeitete sie vom Morgen bis in die Nacht hinein. Der Zeisig sah sie wieder verwundert an und schlief dann wieder auf der ersten Sprosse. Die Berger'sche Wohnung war nicht mehr wie sonst und war doch dieselbe, der Zeisig war nicht mehr wie sonst und Sing. vögelchen noch weniger. Sie beklagte sich nicht, sie duldete und arbeitete ruhelos, aber still und traurig. Der Vater ging seiner! Wege und die jüngeren Kinder saßen wispernd in der Ecke. Nur einmal war es lebhafter hergegangen. Das war, als der Vater die Jüngste hatte schlagen wollen. Da war Lieschen aufgesprungen und hatte sie ihm fortgerissen. ö 1 „Ist es nicht schon genug, was wir leiden?“ rief sie. Er hob die Hand gegen sie, aber sie blickte ihn furchtls an. Da sank seine Hand hinab und er meinte:„Für dieses Mal soll es gut sein.“ Dann ging er murrend hinaus. 5 Wohl sechs Wochen waren vergangen, in denen Singvögelchen keinen Laut hatte vernehmen lassen, als einer von Berger's Kameraden mit ihm denselben Weg ging.„Ich bin heute Deinem Lieschen begegnet,“ sagte Jener,„die sollte zum Arzt gehen. Ich glaube, die hat Eins fortbekommen.“ Das Wort wirkte. Der alte Arbeiter faßte erschreckt seines Kameraden Arm.„Du weinst wirklich?“ rief er.„Sie sollte krank sein?“ „Ich kann mich irren; aber sie sieht wie eine Kirchhofs-Kan. didatin aus.“ 1 Als der Vater nach Hause kam, war er in einer großen Auf— regung.„Bist Du krank?“ fragte er seine älteste Tochter. 5 „Nein, nein!“ versetzte Singvögelchen. 7 „O ja,“ rief er ängstlich,„Du bist krank. Gehe zum Arzt; er kostet uns ja nichts!“ g „Der hilft mir nicht,“ hauchte sie. etwas müde.“ „Du arbeitest zu viel.“ „Und wovon sollen die Kinder essen?“ 1 Er blickte ihr scharf in die ruhigen Augen, dann sagte er? „Meinst Du wirklich, daß es besser würde, wenn ich morgen nicht in den blauen Engel gehe?“ 3 „Was würde Galgenberg dazu sagen?“ 5 „Ich gehe nicht.“ Mit den Worten reichte er ihr die Hand über den Tisch. Sie legte die ihrige hinein:„Du wirst es nicht können.“. Er brachte es doch über sich, und als er ihr die zwanzig Mark
sie, während sie
„Es ist nichts, ich bin nur


