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und nichts zurück haben wollte, sank sie ihm an die Brust. „Dank, Vater,“ rief sie,„nun werde ich auch bald wieder gesund sein.“
Am folgenden Sonntage— es war ein schöner Wintertag— ging die ganze Familie zum ersten Male wieder vor das Thor. Sie trafen dort einen anderen Arbeiter. 5
„Weißt Du schon, Berger, was gestern im blauen Engel passirt
ist?“ fragte er. i Ich war nicht dort, ich wurde es müde, mich von Galgenberg ausziehen zu lassen.“
„Das sind Andere auch müde geworden,“ meinte der Arbeiter, Hund paßten ihm auf die Finger, und da lag der Hase im Pfeffer; st.( er spielte falsch. Da schlug man auf ihn los, er zog das Messer, ub aber es half nicht, und endlich lag er da und rührte kein Glied.
Die Polizei kam hinzu und nahm mit sich, was sie fassen konnte. n Uebrigens ist Galgenberg nicht todt; aber ein Vierteljahr wird er h wohl im Lazareth zubringen. Der blaue Engel ist jedoch geschlossen.“ n„Gut, daß Du gestern nicht dort warst,“ meinte Singvögelchen
u zu ihrem Vater, nachdem der andere Arbeiter gegangen war. „Besser, ich hätte den blauen Engel nie gesehen,“ versetzte der Alte.
er, 1 Singvögelchen hat sich wirklich wieder erholt. Auch der Zeisig 0 sitzt nicht mehr so oft mit dem Kopf unter den Flügeln. Heiterkeit bherrscht wieder in der kleinen Wohnung. fl„Du wärst fast an dem Sonnabend zu Grunde gegangen,“ be— 11 merkt hin und wieder der Vater zu seiner Tochter; dann sinkt sie ihm um den Hals und erwidert:„Wie gewöhnlich es der Fall ist; 1 aber ich habe Glück, daß ich einen solchen Vater wie Dich besitze.“ eh ft 5 eie later, l Das Wachholderbier. Bier und Wachholder! Kein Getränk is bei gen uns mehr verbreitet, als das Bier, kein Strauch ist beliebter als der Pin Dies war vornehmlich bei unseren Altvordern der Fall, in deren
g holder. f Häusern man der Frau Kranewitt oder Machandel, wie der Wachholder hieß, unter keinen Umständen entbehren konnte. Und zum Theil trifft das b auch jetzt zu. Durch Nichts wird die Stubenluft so gut geräuchert, als 1 bdbaurch das Verbrennen von Wachholderholz. Kennt der Bewohner der rauheren
0 Gebirge oder des nördlichen Haidelandes etwa Besseres, als seinen Wachholder⸗
Ein Lehrer sprach 1155 e Vieles 92 das D N agte endlich einen kleinen Knaben:„Nun, was denkst du . 2 seßts“ Der Knabe besann sich nicht lange und sagte: Nun, ich 11 mir halt, wenn nur der Schulmeister fort und die Schule bald aus wäre!“ 5
Frommer Gedanke.
0 branntwein, der ihn nährt, ihm den Magen stärkt und erwärmt und sein el Blut kräftiger kreisen läßt? Kann man gutes Wildpret ohne Wachholder⸗ lu beeren bereiten, die in Westfalen noch immer„Heilige Beeren“ und„Weih⸗ l eicheln“ genannt werden? Was thäte die arme Aelplerin, wenn sie ihren Kleinen an Festtagen nicht einmal Brod mit etwas Zucker und Machandel⸗ n beeren backen könnke, woher nähme ste, wenn eins der Kinder erkrankt, ihren „Thee“ und aus was sollte der Landbader seinen Theriak, den er gegen Alles bal gebraucht, bereiten, wenn es keinen Kranewitt, gäbe? Frau Kranewitt sticht ll zwar mit ihren Nadeln, aber dafür sorgt sie auch für einzelne Thiere, wie Auerhahn, Krammetsvogel ꝛc., besonders aber für den Menschen und trägt u reben ihren reifen Beeren immerfort grüne, damit der Vorrath nicht aus⸗ gehe. Es giebt auch kein Gewächs, von welchem man sowohl in alten u Kräuterbüchern wie bei dem Landvolke mehr Rezepte fände, als von der I Frau Karwendel; sie hilst gegen Seitenstechen, gegen das Zipperlein, gegen “Gicht, Husten, Keuchen, Magenweh und Blasenleiden, gegen Rheuma und u Asthma, gegen Brustschmerzen, gegen Flechten, Ausschlag und Schlassucht, l, gegen Schwermuth und selbst gegen Aberwitzigkeit,„die vom übrigen Schleim herrührt“ und wird in den mannichfachsten Gestalten, bald als Rauch, bald 10 als Absud, bald als Oel, bald als„Geist“ angewendet, ja sogar ihre Asche dient besser als jede andere zu Fußbädern.— Es liegt in alledem etwas f Wahres, insonderheit in Bezug auf die so günstige Wirkung der genossenen Wachbolderbeeren auf den menschlichen Organismus. Daher ist es ein W zhlücklicher Gedanke, die Beere als Zusatz zu unserem beliebtesten Getränk, dem Biere, zu nehmen. 7 A. B. l Der Erzbischof von Gnesen Johann Stephan Wydzga, der um 1080 sttarb, war nicht nur ein sehr gelehrter Mann, sondern hatte auch einen 5 großen Theil Europas bereist und sich auf diese Art ebenfalls große Kenntnisse irworben. Eines Tages kam er mit einem Herrn zusammen, der mit seinen 1 Reisen prahlte.„Seid Ihr nicht auch in Italien auf dem Schlosse Tumen gewesen?“ fragte plötzlich der Erzbischof. Der andere bejahte und erzählte l Manches, was er dort gesehen haben wollte.„Und wie heißt der Fluß, m dem das Schloß liegt?“ fragte Wydzga weiter.—„Ich kann mich nicht 1 sogleich des Namens erinnern,“ war die Antwort.— Wenn ich nicht irre, ob war sein Name Tiris,“ meinte der Geistliche.—„Allerdings Tiris— Tumen Tiris(tu mentiris— du lügst),“ wiederholte lächelnd Wydzga 1 und wandte dem Prahler den Rücken. W. 6. N
Wilhelm II., Prinz von Oranien und Statthalter der Niederlande, als Englands König Wilhelm der Dritte, war bekanntlich der größte Gegner Ludwigs XIV. von Frankreich, der ihn wieder tödtlich haßte. Eines Tages befand er sich im Theater, wo man einen außerordentlichen Prolog auf ihn gedichtet hatte. Er hörte ruhig zu Ende, dann deutete er auf den Dichter und sagte:„Man verjage diesen Wahnsinnigen aus den Niederlanden; er hält mich für die Maseftät von Frankreich.“ W. G.
In der Chronik von Bischofswerda liest man aus dem 16. Jahr⸗ hundert: Ein Bauer hatte den Rektor Trutzendorff aus Goldberg einen tüßiggänger gescholten. Das Gericht verurtheilte den Landmann darauf, einen Tag lang unter den ABC-Schützen zu sitzen, die Augen auf die Fibel gerichtet. Jedes Mal, daß er aufschaue, solle er mit dem„Bakulo eines über den Kopf“ erhaften. Der Bauer hat nachher die Schularbeit für schwieriger erklärt, als Dreschen und Holzschlagen seien. W. G.
Die Spitzbuben im alten Aegypten.„In Ansehung der Diebe,“ er⸗ zählt Diodor, ein alter griechischer Schriftsteller,„hatten die Aegypter ein ganz besonderes Gesetz, welches verordnete, daß die, welche Spitzbüberei treiben wollten, sich bei dem Oberdiebe einschreiben lassen und das Gestohlene sofort nach der That zu ihm bringen mußten. Diejenigen, welche den Ver⸗ lust erlitten hatten, waren angewiesen, bei ihm ein Verzeichniß der ver⸗ lorenen Sachen schriftlich einzureichen, mit Beifügung von Ort, Tag und Stunde, wo sie ihnen gestohlen worden. Da auf diese Art Alles sehr leicht wieder gefunden wurde, so mußte der Bestohleue den vierten Theil des Werthes erlegen und konnte dafür seine Sachen wieder in Besitz nehmen. Da es doch unmöglich war, den Diebstahl gänzlich zu verhüten, so erfand der Gesetzgeber dieses Mittel, wodurch gegen ein zu erlegendes geringes Lösegeld das Ganze wieder gerettet werden konnte. NI.
Einer, der Niemanden kennt. Der berühmte Berliner Komiker Helmerding traf in einem Gasthause mit einem sehr redseligen Provinz⸗ bewohner zusammen, dessen fortwährende Ansprachen er sich durch folgende List vom Halse zu schaffen suchte.—„Mich soll es nur wundern,“ sagte der Provinzler,„ob Falk die Ultramontanen mit seinen Kirchengesetzen unterbringen wird.“—„Falk?“ erwiderte Helmerding.„Wer ist Falk?“ — Der Andere schwieg, völlig erstaunt. Nach etwa fünf Minuten begann er wieder:„Roon soll ja nach dem Comosee gehen, gerade jetzt, wo Victor Emanuel nach Berlin kommt; das ist doch merkwürdig!“—„Roon? Was für ein Roon?“ fragte der Komiker mit dem größten Ernste der Welt. „Ich habe noch nie etwas von Roon gehört.“ Dieser Unwissenheit gegen— über verstummte der alte Herr auf eine Viertelstunde. Dann begann er von Neuem:„Meinen Sie, daß Bismarck mit nach Wien geht? Der Kaiser reist doch im Oktober zu Kaiser Franz Josef zu Besuch.“—„Bismarck! Bismarck?“ fragte jetzt der Komiker.„Zum Donnerwetter, Herr, denken Sie denn, daß ich die ganze Fremdenliste im Kopfe habe, wie Sie?“— „Sie kennen den Bismarck nicht?!“ rief der Erstaunte.„Ja, dann wissen Sie auch am Ende nicht, wer Adam gewesen ist?“—„Adam? O, viel⸗ leicht doch! Können Sie mir nicht seines Vaters Namen sagen?“ M.
Der verrätherische Papagei. Gegen Ende des Winters 1720 traf Czar Peter der Große alle Anstalten zu einem Feldzuge. Armee und Flotte wurden in Bereitschaft gesetzt, man wartete nur auf das Aufbrechen des Eises; wohin es aber eigentlich gehen werde, war nur dem Kaiser, seiner Gemahlin Katharina und dem Staateminister Mentschikoff bekannt. Lange zerbrach man sich die Köpfe, Alles erschöpfte sich in Kombinationen, die. Gesandten der fremden Mächte waren in Verlegenheit, da sie nicht ergrün⸗ den konnten, was sie über den Zweck der gemachten Rüstungen an ihre Höfe berichten sollten, bis endlich ein komischer Zufall den Schleier lüftete. Es hatte nämlich der Czar über den zu unternehmenden Feldzug nur in Katharinen's Gemach gesprochen und die darüber entstandene Debatte einige Male mit der nachdrücklich gegebenen Erklärung beschlossen:„Ei Persi podiom!“(Nach Persien wollen wir ziehen.) Einige Tage nach der letzten Unterredung fragte der Kaiser zufällig einen seiner Adjutanten, was man in Petersburg Neues wisse, und wie erstaunte er, als ihm dieser antwortete: „Das Wichtigste mag wohl sein, daß wir nach Persien ziehen werden.“— Der Kaiser, ganz betroffen, forschte nach, von wem er das vernommen habe und erhielt die überraschende Antwort:„Vom Papagei Ihrer Maßestät. Denn als ich gestern der Kaiserin eine Meldung zu machen hatte, hörte ich den Papagei ganz deutlich wiederholen:„Ei Persi podiom!“ M.
Gottesurtheile auf Madagaskar. Zu den Gottesurtheilen, die auf der Insel Madagaskar bestanden, gehörten auch folgende: Die Angeklagten mußten am Fuße eines Felsens mit den Beinen bis zum Knie im Meere stehen und die Hände an den Felsen stemmen. Wenn die Wogen, die sich tosend an der felsigen Küste brechen, die Schenkel der Angeklagten nicht benetzten, so wurden sie für unschuldig erklärt; näßte aber auch nur ein Tropfen die Hüften oder einen Theil des Oberkörpers, so fielen sie augen⸗ blicklich unter gewaltigen Streichen. Auch die Krokodile entschieden über Schuldige und Unschuldige. Die Angeklagten mußten in einem Flusse, in welchem sich sehr viele dieser Ungeheuer befanden, bis nach einer in der Mitte liegenden Insel und von dort wieder zurück an das Ufer schwimmen; gelang ihnen dies, ohne daß ein Krokodil sie faßte, so galten sie für un— schuldig und ihr Ankläger wurde bestraft. MI.
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