Ausgabe 
10.7.1887
 
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Herr, platzte Jan heraus, als sich kaum die Thüre hinter den

Beiden geschlossen hatte,wißt Ihr, daß Stinchen drauf und dran

ist, mit Max Helmich's Mutter nach Hamburg zu gehen? Frau Geerts ließ ihre Arbeit in den Schooß fallen und ihr Gatte nahm mit einem gedehnten:Waa-as? die Pfeife aus dem Munde.

Gewiß und wahrhaftig, fuhr der Bursche, seine mächtigen Fäuste in einander ringend, fort.Ich dachte mir schon, daß Ihr noch nichts davon wüßtet, und nicht wahr, Herr, Ihr werdet so etwas nicht dulden. Stinchen hat heute schon zur Probe eben solches Zeug an, als die Hamburger Mädchen es tragen, und sagt, daß sie drüben in der Stadt viel Geld verdienen soll.

Peter Geerts nahm bedächtig den Hut ab, so daß auf seiner Stirn der schneeweiße Rand sichtbar wurde, bis zu dem dieses nütz⸗ liche Bekleidungsstück sie gegen Wind und Wetter zu schützen pflegte. Nicht übel ausgedacht, sagte der Mann, während er seine Kopf⸗ bedeckung auf den Tisch legte.Die Dirne entwickelt sich nach meinem Sinne und es läßt sich über die Sache reden. Aber wovon weißt denn Du das? wandte er sich plötzlich zu Jan.

Wenn es überhaupt möglich war, daß dessen Gesichtshaut eine noch röthere Färbung annehmen konnte, als ihr ohnehin eigenthüm⸗ lich war, so that sie es in diesem Augenblick. Seine Blicke senkten sich auf den schwarzen Filz, den er erbarmungslos zwischen seinen derben Fingern zerdrückte, undsie hat es mir selbst gesagt, kam es leise und dumpf aus der Tiefe seiner Brust hervor.

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Jan antwortete wahrheitsgemäß auch darauf, und eine scharfe Frage, eine Erwiderung folgte der andern, bis des Burschen Beichte über die Zusammenkunft mit Stinchen vollständig war, bis er aber auch den Muth gewonnen hatte, seine Pläne, seine dringenden Bitten und Hoffnunngen deren Vater bis ins kleinste mitzutheilen.

Die Stirn in Falten gezogen, hatte Peter Geerts den Burschen zu Ende reden lassen, dann sagte er kurz und bestimmt:Daß so elwas dahinter steckte mit Euch Beiden, den Verdacht hegte ich schon lange, und das ist auch zum Theil der Grund, weshalb ich Stine den Sommer über aus dem Hause gab, aber, das merke Dir, Jan, daraus werden kann nun und nimmer etwas.

Der Bursche starrte ihn an mit Augen, die sich immer weiter öffneten.Herr! schrie er auf, und in dem einen Ausruf ver⸗ einigten sich so viel Schreck, so viel Kummer und Enttäuschung, daß Stinchen's Vater sich wenigstens zu einer Erklärung seines un' erbittlichen Urtheilsspruches veranlaßt fühlte.Sei kein Narr, Jan, begann er wieder,und bilde Dir nicht ein, daß eben alles nach Deinem Willen sich fügen müsse, sei vielmehr zufrieden, wenn ich Dir nicht noch in ganz anderer Weise den Kopf wasche dafür, daß Du der Dirne, die zum Heirathen noch viel zu jung ist, dergleichen Dinge in den Kopf setztest. Ich habe eine zahlreiche Familie zu versorgen und mußte es mir in meinem Leben sauer werden lassen, und nun ich nahezu so weit bin, die Hände etwas freier regen zu können, nun sollte ich mir eine neue Last aufladen?

Eine neue Last? Jan sah ihn erstaunt an bei der Frage.Ich kann arbeiten für die Meinigen, und ich will arbeiten, sagte er.

Das glaube ich wohl und zweifle auch nicht an Deinem guten Willen; aber eine Last würde es für mich doch. Eine zweite Familie kann von unserem Erwerb nicht leben, ohne daß es für Alle ein Elend wird. Wenn Stine einmal heirathet, und das hat noch lange Zeit, so sorge ich dafür, daß sie einen Mann bekommt, der sie selbständig ernähren kann, das merke Dir, Freund Jan und schlage Dir ein für allemal den Gedanken an sie aus dem Kopfe. Lieber, fügte er, wie für sich selber hinzu,schicke ich sie wirklich für ein paar Jahre in die Stadt.

Ach, Peter, ließ sich da die Stimme der Frau bittend ver⸗ nehmen,mir fehlt das Kind schon jetzt so sehr; ich kann es für längere Zeit unmöglich entbehren.

Der Mann wendete seine Blicke der für ihre Jahre alt und abgearbeitet aussehenden Frau zu.Das gewöhnt sich, sagte er. Anna wächst auch schon heran und kann Dir bald ebenso gut helfen.

Die ist noch das reine Kind, beharrte jedoch Christinen's Mutter,zudem muß sie in die Schule, und dann Peter, die Redende legte ihre Hände in einander und erhob sie bittend zu ihm, dann ist es auch hart, ein Kind so ganz von sich zu geben, wenn man es doch unter Augen behalten könnte. In der großen Stadt

giebt es so vielerlei Gefahren. Schon manche, die dahin ging, ist Zeit ihres Lebens unglücklich geworden.

Und manch eine hat auch ihr Glück dort gemacht, entgegnete der Fischer ungeduldig.Dafür ist sie meine Tochter und weiß, daß ich ihr, wenn sie sich nicht schickt, alle Knochen im Leibe zer⸗ schlagen würde. Im übrigen sind wir auch noch nicht so weit, und das läßt sich alles in Ruhe überlegen, Du aber, und er richtete das Wort wieder an Jan, der mit angehaltenem Athem und starr in Erwartung des Kommenden jedem Worte der beiden Eheleute gefolgt war,Du aber komm' mir mit solchen unsinnigen Ideen nicht wieder, und vor allen Dingen unterstehe Dir nicht, Stine weiter Liebesgeschichten in den Kopf zu setzen. Merke ich noch ein einziges Mal dergleichen, so sind wir geschiedene Leute. Sie soll noch lange nicht heirathen, und zur Frau bekommt Du sie keinenfalls.

Ein dumpfer Schmerzenslaut brach gewaltsam über des Burschen Lippen.Ich kann nicht von ihr lassen, ich thu's nicht, rief er wie außer sich.Ich will arbeiten, ich will warten, aber, Herr, sagt nicht, daß Stinchen jemals eines andern Mannes Frau werden soll, das giebt ein Unglück, und fort lassen dürft Ihr sie auch nicht.

Hoho! Auch auf Peter Geerts Stirn begann die Zornesader

anzuschwellen. Daß sein Untergebener wagen würde, eine solche Sprache gegen ihn zu führen, die Möglichkeit war ihm überhaupt noch nie in den Sinn gekommen.Den Augenblick schweigst Du und gehst Deiner Wege, fuhr er ihn an.Meine Meinung habe ich Dir gesagt, und nun laß mich in Ruhe. Jian suchte nach einer Erwiderung, die Aufregung, die in ihm arbeitete, raubte ihm fast die Besinnung.Herr, wenn Ihr das thun könnt, wenn Ihr Stinchen nach Hamburg gehen laßt, begann er wieder,so

Hinaus! Mach', daß Du fortkommst! unterbrach ihn der Fischer zornig, mit dem Fuße stampfend, indem er seine Frau, die aufgestanden war und ihm begütigend zureden wollte, an die Seite schob.Ich thu', was ich will und nicht, was Dir gefällt, und nun gerade, um sie Dir aus den Augen zu bringen, soll sie fort.

Das soll sie nicht! schrie Jan auf,ich leid's nicht.

Mit erhobener Faust wollte er auf seinen Herrn eindringen; aber schon erfaßte dieser mit Riesenkraft seinen Arm und zerrte ihn nach der Thüre zu.Da hinaus! sprudelte es in Hast über seine Lippen.Hinaus, und komm' mir nicht wieder vor die Augen. Einen Menschen, der mir nicht gehorcht, der gewaltsam gegen mich angeht, kann ich ferner nicht brauchen und dulde ihn nicht unter meinem Dache; fort, sag' ich!

Die Worte trafen den erhitzten Burschen wie ein kaltes Sturz⸗ bad. Im Flur stand er, ohne zu wissen, wie er dahin gekommen. Mit beiden Händen griff er, als gelte es, seine Gedanken zu sam⸗ meln, nach dem Kopfe undfort! wie geistesabwesend wiederholte er das eine Wort.

Morgen, wenn Du Deinen Verstand so weit wiedergefunden hast, kannst Du kommen, um zu holen, was Du verdient hast, und dann sind wir geschiedene Leute. Mit der Erklärung schlug Peter Geerts krachend die Stubenthüre zu und rannte drinnen, um seiner Erregung wieder Herr zu werden, mit großen Schritten auf und ab.

O, Peter, das hättest Du doch nicht thun sollen, jammerte die Frau, und als er sie unfreundlich anfuhr mit der Aufforderung, ihn in Ruhe zu lassen, setzte sie sich still an ihren Platz und weinte.

(Fortsetzung folgt.)

Die Rose.

Der Rosenstrauch ist wildwachsend über die ganze Erde, mit Ausnahme von Australien, verbreitet, d. h. der eine Erdtheil besitzt diese, ein anderer jene Art; die meisten stammen von Asien. Die Rose gehört seit den ältesten Zeiten zu den Lieblingsblumen des Menschen; erzählt uns doch schon Homer, der Sänger der Ilias und der Odyssee, von Rosen und Rosenöl, und von Egypten übernahmen die alten Römer ihre Liebhaberei für Rosen, nicht nur weil in jenem alten Kulturlande viel Rosen gezogen wurden und andere wild wuchsen weshalb ganze Schiffsladungen von dort nach Rom versendet wurden sondern auch, weil die Verbindung beider Länder zu gewissen Zeiten eine sehr innige gewesen ist. Gab doch Kleopatra, die letzte Königin von Egypten, als Geliebte eines

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