Ausgabe 
10.7.1887
 
Einzelbild herunterladen

.

: A

f

7

218

was könnte es nützen, da Du ihn doch als einen geliehenen nur dies eine Mal trägst. Oder ein seltsamer Ausdruck in des Mädchens frischem Gesicht verstärkte noch seine bisherige Unruhe und immer dringender fügte er hinzu:Oder ist noch sonst etwas dabei, Stinchen, was Du mir verheimlichst?

Na, sie drehte den Kopf nach beiden Seiten und machte ein etwas schämiges Gesicht,vielleicht trage ich doch solchen Anzug nicht dies eine Mal allein, erwiderte sie;Marianne, so heißt nämlich das Hamburger Mädchen, verheirathet sich im Herbst. Sie ist mit einem Miethskutscher verlobt und kommt in sehr gute Ver⸗ hältnisse, und da meint Frau Helmich, sie will mich gern mit nach der Stadt nehmen.

Jan stand wie niedergedonnert. Das ungewisse Etwas, das ihn geängstigt, gewann plötzlich Form und Gestalt.

Aber Du denkst nicht daran, so etwas zu thun, sagte er, Christine anstarrend.Das ist ja ganz unmöglich, setzte er leiser hinzu.

Und warum? rief sie lachend.Frau Helmich hat mir viel Geld versprochen, wenn ich mit ihr gehen will, viel mehr Geld, als ich hier verdienen kann, und dann die schöne Stadt! Marianne hat mir so viel davon erzählt.

Jan that einen tiefen Athemzug, seine Fäuste ballten sich un⸗ willkürlich, und für Mariannen's Sicherheit mochte es sehr ersprieß⸗ lich sein, daß sie sich in diesem Augenblick nicht in deren unmittel- barer Nähe befand; aber Naturen, wie der ehrliche Fischer eine solche besaß, werden mit einem neuen Eindruck nur langsam fertig. Stinchen, sagte er, noch immer für seine innere Erregung un gewöhnlich ruhig,komm Stinchen, Du weißt, daß ich Dir etwas zu sagen hatte. Setze Dich hier neben mich, und Du sollst es hören.

Er faßte sie damit bei der Hand, zoz sie zu dem kleinen Huͤgel, auf dem er vorhin sich ausgeruht und veranlaßte sie, neben ihm niederzusitzen. Er bemerkte freilich nicht, wie sie ihn dabei belustigt und neckend von der Seite anblinzelte.Siehst Du, Stinchen, trotz des ihm unbequemen hellen Kleides wagte er, den Arm schüchtern um ihre Schultern zu legen,siehst Du, daß ich Dich übermenschlich lieb habe, lieber als alles andere auf der Welt, und daß ich möchte,

Du könntest sobald als möglich meine Frau werden, das weißt Du.

Sie nickte unwillkürlich zu seinen Worten, aber sah ihn nicht an dabei, sondern hielt die Blicke fest auf ihre weiße Schürze ge⸗ senkt.Ich habe mir immer gedacht, fuhr er fort,wenn ich so viel erspart hätte, selbst ein Netz anschaffen zu können und noch ein wenig dazu, würde Dein Vater mir vielleicht an seinem Boot einen Antheil geben und in die Heirath willigen. Er könnte gewiß einen reicheren Schwiegersohn haben, setzte Jan, da Stinchen noch immer schweigend verharrte, seine Rede zögernd fort,aber gewiß keinen, der fleißiger arbeiten und ihm nach wie vor treuer dienen wird, trotzdem er ein scharfer Herr ist.

Wieder nickte das Mädchen.Und, sagte ihr Bewerber,es war diesmal ein guter Sommer für mich. Ich habe viele Trink gelder bekommen, besonders von dem jungen Herrn aus Hamburg, und jeden Pfennig habe ich gespart und mir nicht ein einziges Mal auch nur ein Glas Bier gekauft, und sieh', Stinchen, nun denke ich, es müßte langen. Das wollte ich Dir mittheilen, und ob Du nicht auch meinst, daß ich jetzt Deinem Vater Alles sage.

Jan's Gesicht glänzte in Liebe und schüchterner Freude und am allermeisten seine runden, hellblauen Augen. Er sah das Mädchen, das langsam die ihrigen zu ihm aufschlug, so treuherzig bittend damit an, daß ihr's durch alle Glieder fuhr. Sie lächelte ihm ver ständnißinnig zu, und einen Augenblick schien es, als werde sie ihm um den Hals fallen mit einem jubelnd zustimmendenJa, ich meine es auch so, Du guter, alter Jan. Dann zuckte es wieder über ihr Antlitz wie loser Muthwille; sie machte eine bedenklich ernste Miene und sagte neckend:Was würde aber dazu Frau Helmich sagen? Und was würde aus dem schönen Plan, mir in Hamburg Geld zu verdienen?

War das die rechte Antwort auf seine warme Frage? Einen Scherz zu verstehen, war er gerade jetzt nicht in der Stimmung, oder sollte es bitterer Ernst sein?Stinchen, rief er, und preßte sie so heftig an sich, daß sie erschrak,Stinchen, es kann nicht Deine Meinung sein, fortzugehen in die große fremde Stadt unter all' die fremden Menschen, wo Du nicht mehr an Neudorf denken, wo Du mich vergessen wirst, und wahrhaftig, Stinchen, ich leid's nicht.

In ihm begann ein dumpfer Zorn zu grollen; aber das Madchen

machte sich mit einer kräftigen Bewegung frei, sprang auf die Füß

und sagte schnippisch:Das wird sich finden, ob Du es mir ver

bieten kannst. Die untersetzte Gestalt des Fischers bebte; er suchte nach Worten, ohne die rechten finden zu können, bis er endlich die Frage hervor.

stieß:Stinchen, hast Du mich denn gar nicht ein wenig lieb? Sie stand noch schweigend und unschlüssig, da ließen sich von

der Gegend des Elisenbades her Stimmen vernehmen. Eine Schaar

größerer Kinder kam Muscheln suchend und lärmend um die Ecke

und am Strande daher. Stinchen, ohne weiteres Besinnen, erfaßte

zu beiden Seiten ihre Schürze, machte spöttisch einen Knix vor den

verdutzten Jan, drehte sich um und eilte schnellfüßig von dannen.

Sie, die sich immer ihrer Macht bewußt gewesen, den starken Burschen durch ein freundliches Wort lenken zu können wie ein*

Kind, ahnte gar nicht, in welcher desperaten Stimmung sie ihn zurückließ. Sie hatte noch nie die Erfahrung gemacht, daß gelassene, gutmüthige Menschen, wenn sie einmal bis auf's Aeußerste gereizt, die Herrschaft über sich selbst verlieren, am schwersten wieder zu beruhigen und in ihrem Zorn am unberechenbarsten sind.

Jan sah ihr mit geballten Fäusten nach und in ihm wühlte ein gefährlicher, ihn unwiderstehlich vorwärts treibender Thatendrang. Etwas thun, um Schmerz und Enttäuschung zu überwinden, um das drohendste Unheil abzuwenden, mußte er, und wo konnte er dazu bessere Hülfe finden, als bei Christinen's Eltern, die sicher noch nicht ahnten, in welcher Weise man sie ihrer Tochter berauben wollte.

Rasch, als gelte es, das Mädchen, welches er liebte, vor einer

ihr unmittelbar drohenden Gefahr zu schützen, stürzte er fort. Er 1

rannte die Promenade entlang, an den verschiedensten Menschen vorüber, ohne zur Rechten oder zur Linken um sich zu sehen, ohne zu bemerken, wie mancher verwunderte Blick ihm folgte. Nur das eine Ziel, Peter Geerts Häuschen, hatte er vor Augen, wurde nur getrieben von dem einen Gedanken, daß er Stinchen's Absicht, nach Hamburg zu gehen, um jeden Preis hintertreiben müsse.

I Peter Geerts saß, sich des seltenen Stündchens der Ruhe er freuend, vor seiner Hauethüre und rauchte aus einer kurzen Pfeife. Der stattliche Fischer, ein so braver und in seinem Fache tüchtiger Mann er war, hatte eine Schwäche er liebte das Geld, und

wenn er diese Schwäche auch mit vielen seiner Mitmenschen theilte, so war sie doch bei ihm etwas stärker entwickelt, als sich mit der

christlichen Moral in Einklang bringen läßt. Er auch, obgleich aus andern Beweggründen als sein Jan, überzählte in Gedanken den guten Verdienst der letzten Zeit. Noch ein solcher Sommer, und es konnte so viel bringen, daß der stolzeste Traum seines Lebens der Verwirklichung entgegenging. Dann konnte er auf sein hübsches, kleines Haus noch ein Stockwerk setzen lassen, um auch Raum für Badegäste darin zu gewinnen, dann ihm wurde das Herz warm, wenn er sich ausmalte, welch ein Strom mühelos erworbenen Geldes damit auch in sein Haus fließen würde dann konnte er, der sich aus bescheidenen Anfängen aufgearbeitet hatte, es noch einmal den

großen Bauern und Fischern gleichthun, die längst in ansehnlichen Häusern saßen, ja dann

Aber was wollte denn Jan, der da, seinen Hut in den Nacken gerückt, daß die flachsweißen Haare darunter hervor auf seine Stirn hingen, mit verwilderten Blicken herankeuchte? So kannte er den sonst stillverznügten Menschen noch gar nicht.

Herr, Jan riß den Filz ab, fuhr mit seinem bunten Taschen⸗ tuche über die feuchten Schläfen und versuchte dabei, wieder zu Athem zu kommen,Herr, ich möchte mit Euch reden.

Peter Geerts sah hoch auf.So sprich, antwortete er gelassen.

Jan blickte sich um nach Stinchen's jüngeren Geschwistern, die,

eine ganze Schaar, vor dem Hause spielten; er schaute den Weg ent⸗ lang, der von Spaziergängern wimmelte, und:Mit Euch allein, drängte er.

Vater Geerts sah noch befremdeter drein, nach einigem Besinnen aber, nach einem weiteren Blick auf seines Untergebenen in un⸗ gewöhnlicher Aufregung zuckendes Antlitz erhob er sich und schritt voran in sein Haus.

In dem sauber gehaltenen Stübchen saß Christinen's Mutter, eine stille, fleißige Frau, die mit den vielen Kindern ihre liebe Noth hatte, bei einer Näharbeit.

S

.

2

ee