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zu den
Ouerhessischen Uuchrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dleser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Nr. 28.
Gießen, den 10. Juli.
Jan, der Jischer. Erzählung von Emilie Tegtmeyer. (Fortsetzung.)
Es war am Nachmittage, als Jan, der Fischer, vor Vergnügen lachend, durch das mannigfaltige Gewühl dahinschritt. Er trug einen saubern, blauen Sonntagsanzug, aus dem auf der Brust sein grobes, aber schneeweißes Hemd leuchtend hervorschaute. Seinen Kopf be— deckte ein runder, schwarzer Filzhut, und er sah in seiner Art recht behäbig und stattlich aus. Er wanderte, hier und da die Herr— schaften, die mit Peter Geerts und ihm zu segeln pflegten, durch ein breites Lachen und Zukneifen seiner Augen freundlich grüßend, die Promenade bis zu den eleganten Gebäuden des Elisenbades ent— lang und stieg dann an den Strand hinunter. Der Strand machte hier eine Biegung, die ihn, von einem hohen Sandufer überragt, den Blicken der Spaziergänger drüben entzog und darum auch und weil es hier keine geebneten Wege mehr gab, war der Ort einsam und verlassen. Jan wußte wohl, warum gerade diese Stille und Einsamkeit ihm hier behagte. Er zog eine große, silberne Taschen— uhr hervor und sah, es war erst eben fünf Uhr vorbei, aber was schadete das? Einmal, ohne schwer arbeiten zu müssen, im goldenen Sonnenschein die blaue See zu betrachten, zumal wenn das Herz in seliger Erwartung klopft, das war auch ein Vergnügen. Jan schlenderte weiter am Ufer hin, hob flache Steine auf und schleuderte sie, daß sie drei-, viermal emporhüpften, über die sich immer mehr glättende Wasserfläche; er sah den wunderlich geformten, durch— sichtigen Quallen nach, wie sie langsam vorüber schwammen, pfiff die muntere Weise eines Volksliedes und war in sich und seinem Gott vergnügt. Allmählich wurde ihm aber doch die Zeit lang. Er sah oft nach seiner Uhr und begann endlich an der Erfüllung seines sehnlichst gehegten Wunsches zu verzagen. Sollte Christine nicht kommen wollen oder war sie, was in ihrem abhängigen Verhältniß als„Hülfe“ bei dem Neudorfer Krämer sehr viel Wahrscheinlichkeit hatte, am Erscheinen verhindert? Jan in seiner Gutmüthigkeit fühlte sich geneigt, das letztere anzunehmen; aber die Enttäuschung schmerzte doch, und trübselig setzte er sich endlich auf einen mit hartem Dünen⸗ grase bedeckten Sandhügel und begann zu grübeln. Er dachte an die Zeit, da er als ganz kleiner barfüßiger Junge im Sande ge— spielt, als die See schon seinen Vater verschlungen und die Mutter sich und ihn mit harter Arbeit redlich durchgebracht hatte. Er dachte weiter an die Zeit, da seine Kinderhand zuerst versucht, das Ruder zu führen; als er kräftiger und immer tüchtiger geworden, die alte von der Gicht geplagte, kränkliche Frau nun seinerseits ernährt und mit ihr, ohne sie jemals zu verlassen, in der allerbescheidensten Hütte des Dorfes gewohnt hatte, bis sie mit einem Segensspruch für ihren Jan auf den Lippen gestorben war. Wie er sich damals, als alle Menschen gemeint, eine schwere Last sei von ihm genommen, ver⸗ waist gefühlt hatte und zum Sterben traurig; wie er dann als Fischerknecht zu Peter Geerts in's Haus gekommen war und das
Mädchen hatte heranwachsen sehen mit den lachenden, schelmischen Augen, an dem, er wußte nicht mehr seit wann, sein ganzes ehr⸗ liches Herz hing, wie er, aber— Herrgott, was war das?
Eine Hand hatte ihm von hinten den Hut abgenommen, und als er nun aufsprang, da stand— aber das war ja gar nicht Christine! Freilich— das Gesicht— wer war denn das eigentlich?
Vor sich erblickte er ein junges Mädchen, wie ihm däuchte größer und schlanker gewachsen, als Peter Geerts' Tochter, und sie hatte ein sauberes, helles Kattunkleid an, wie Stinchen nie eines besessen. Dabei trug sie eine weiße, mit Spitzen besetzte Latzschürze und auf den zierlich frisirten aufgesteckten Haaren ein winzig kleines, fein gefaltetes, weißes Häubchen.
Jan, ohne sich über die Einzelnheiten klar zu werden, erinnerte sich, daß in dieser Weise die Mädchen gekleidet waren, die verschiedene Hamburger Familien zu ihrer Bedienung mit nach Neudorf gebracht hatten. Wie aber kam Christine in den Anzug? Denn daß sie es war, darüber konnte er sich doch nicht ferner täuschen, und nun begann es auch zu zucken in dem bisher ernsthaften Gesicht, und sie brach in ihr ihm wohlbekanntes, herzliches Lachen aus.
Dem Fischer war nicht recht wohl bei der Sache. Er hätte so von Herzen gern die heiß Herbeigesehnte zärtlich begrüßt, aber das Fremdartige in ihrer Erscheinung hielt ihn zurück.„Was be— deutet denn das, Stinchen?“ Zu der Frage ermannte er sich end— lich, und das Mädchen, durch seine verdutzte Miene immer zu er— neuter Heiterkeit angestachelt, wischte endlich die Thränen aus ihren Augen und fragte, sich vor ihm rundum drehend:„Gefalle ich Dir so, Jan?“
„Als ob Du mir besser oder schlechter gefallen könntest wegen eines Kleides, das Du anhast,“ brummte er.„Wenn Du nur sagen wolltest, was die Mummerei eigentlich bedeuten soll.“ ö
„Das ist leicht erklärt. In dem Hause neben uns wohnt eine sehr reiche Dame aus Hamburg, Frau Helmich, die Mutter des hübschen Jungen, der fast alle Tage mit Euch segelt. Die hat ein Mädchen mitgebracht, eine sehr nette Person, gar nicht stolz, die, wenn ich Zeit habe, gern ein wenig mit mir schwatzt, und, weil wir beide so ungefähr einer Größe sind, ruhte sie nicht, ich mußte einmal versuchsweise ihr Kleid anziehen.“
„Aber wozu das?“ Jan konnte sich in das Ungewöhnliche durchaus nicht finden und strebte, der Sache auf den Grund zu kommen, sehr zu Stinchen's Mißbehagen.„Wozu? Wozu?“ wieder⸗ holte sie ärgerlich.„Sage lieber, wie der Anzug mir steht.“
„Für mich ist der, den Du gewöhnlich trägst, angenehmer und auch hübscher anzusehen,“ beharrte der Fischer starrsinnig, und da ihm selbst das letztere Urtheil etwas gewagt erscheinen mochte, fügte er kleinlaut hinzu:„Und wenn er für Dich auch kleidsamer wäre,


