aufnahm.
Freuden hatte der Aufenthalt dem Kinde nicht gebracht. Nicht einmal Freundlichkeit wurde ihr gezeigt, im Laden wenigstens nie, und außerhalb des Ladens?— Es gab Einen, der mit ihr freund⸗ lich war, es gab eigentlich Zwei. Der Eine— Nora's Antlitz ge— wann, wenn sie an ihn dachte, einen lieblichen Ausdruck, halb des Sinnens, halb des Sehnens— es war ein Junge, groß, vierschrötig, kräftig, sie kannte ihn eigentlich garnicht. Garnicht. Er kam Mor⸗ gens immer, um sich seine Frühschrippen zu holen. Gewöhnlich traf er an der Thür mit ihr zusammen, er um hinein-, sie um mit ihrem gefüllten Semmelkorb hinauszugehen. Wie er hieß, das wußte sie nicht. Wo er wohnte und was er war, auch nicht, aber sein Gruß war anders als der der Anderen, seine Anrede allein schon herz— gewinnend, freundlich. Er schrie ihr seinen lauten Gruß in der Thür schon immer entgegen.
„Halloh, kleine Ente, schon wieder zu Wege?“
Nora fühlte, daß die„Ente“ gerade nicht schmeichelhaft klang, ja, das erste Mal, als sie es hörte, hatte sie ihm einen zornigen Blick zugeworfen und war, ohne auf sein Lächeln zu antworten, davongegangen. Am nächsten Tage hatte er es aber wiederholt und dabei seinen großen Kopf zur Seite geneigt und sie so zuthunlich, neckend komisch angesehen, daß sie mit einem ihrer Brodbeutelchen verlegen nach ihm schlug und mit ihm lachte.
Und so war es denn zwischen ihnen geblieben.
„Hast Du niemals eine Minute Zeit?“ hatte er gefragt, als sie in der Frühe beim Fortgehen an der Thür mit ihm zusammen⸗ prallte, aber im Laden hinter ihr stand die Frau und sah auf sie, und da hatte sie nur rasch mit dem Kopfe geschüttelt, auf ihren Korb gedeutet und war davongelaufen. Später kam ein Bedauern über ihren Bescheid, denn in dem Kinderherzen lebte der Wunsch nach Kameradschaft, nach Spiel und Freundschaft und Frohsinn.
Das zweite Wesen, das Nora gegenüber eine Art Freundlichkeit gezeigt hatte, war ein vornehmes, kleines Mädchen aus der Beletage des Gartenhauses gegenüber vom Laden.
Das Kind war blondgelockt, mit blauen Augen. Es ging immer so schön gekleidet und ihr Köpfchen saß so stramm und keck auf den Schultern. Oftmals kam sie, das zierliche Kleidchen in äffischer Manier hochgerafft, quer über den Damm und stellte sich behaglich schnüffelnd vor die Backwaare am Schaufenster. Sie hatte Nora zweimal schon zugenickt. Nora's Herz hatte dabei in der Brust einen glückseligen Sprung gethan, und seit diesem Nicken wartete sie täglich auf das Wiedererscheinen der kleinen Dame.
Sie wartete mit Sehnsucht. Für sie war das vornehme Kind eine Märchenerscheinung, eine Fee, die ihr wie aus einer Welt von Engeln erschien. Und heute wieder! Wie sehnlichst forschte ihr Ange hinüber nach dem Garten! Die Kunden waren fort, der Laden leer. Wenn sie doch jetzt wieder—!
„Ah!“ Nora that einen kleinen Schrei. Da kam sie. Im rothsammetnen Kleidchen hüpfte sie über den Weg. Sie kam näher und näher und stand endlich vor dem Schaukasten. Mit einem Aufathmen sah Nora zu ihr hinaus.
Sie war selbst noch so klein, ihre Bekümmernisse waren so leicht verscheucht unter jedem auf sie einstürmenden Interesse und das vor— nehme Kindchen, das so anders war als sie selbst, füllte so ganz ihre Phantasie, daß sie plötzlich eine Zusammengehörigkeit mit ihr empfand, eine Zusammengehörigkeit, wie sie ohne Rücksicht auf Stand und Rang zwischen gleichaltrigen kleinen Mädchen so natürlich aufspringt und trotz aller Bedenken, die später kommen, auch bleibt.
Nora schob sich, von ihrem Interesse für die Kleine geführt, seitwärts, dem Schaufenster näher, und blickte scheu zu dem blonden Kinde hinaus. In diesem Augenblick hob auch sie den Blick und sah zu dem kleinen Ladenmädchen hinein. Beide wurden sie ver— legen. Das Kind im Inneren des Ladens wich in befangener lin— kischer Hast von dem Fenster zurück, das Kind, das draußen stand, schob sich auf dem Absatz herum, senkte erst das Köpfchen und blickte dann unter den halbgesenkten Lidern zu der kleinen Verkäuferin auf.
Ein Moment des schüchternen Betrachtens, dann lächelten sie Beide. Das Lächeln auf den Lippen der kleinen Dame aus der Beletage machte den Mund breit und verrieth unter dem rothen Zahnfleisch eine dem Alter angemessene Wechsellücke, die das Gesicht zwar nicht entstellte, den Beschauer aber für den Moment etwas
verblüffte. Das Lächeln des anderen Kindes war eine Offenbarung.
Es war ein Gemisch von schelmisch kindlicher Zurückhaltung und pathetischem, zögenndem Hingeben, und es zog in dem Lächeln wie eine leuchtend aufsteigende Sonne über das sonst stille Antlitz des kleinen Wesens.
Während sie Beide noch lächelten, war das fremde Kind an die Thür getreten. Nora's Augen folgten ihr. Eine Fluth von Ge⸗ danken zog bei ihr ein. f
„Kam das fremde, hübsche Kind zu ihr herein? Kam sie wirk— lich in den Laden? Zu ihr?“
Mit jener staunenden Anbetung, welche Kinder der Armuth Kin- dern des Reichthums gegenüber empfinden, wenn sie ihnen plötzlich als ebenbürtig an die Seite gestellt werden, so folgten unserer klei⸗ nen Nora Augen den Schritten, dem Vorhaben der Nachbarin.
Sie kam wirklich! Nora's Hände faßten in erregter Schüchtern⸗ heit das Wollenzeug am Rock ihres Kleides mit einem Griff in die geballte Hand und zerzupften es in unbarmherzigem Eifer.
Der kleine Gast war in den Laden getreten und auf dem hal⸗ ben Wege zwischen Thür und Ladentisch stehen geblieben. Eine von ihnen hätte füglich etwas sagen müssen. Die Fremde„von drüben“ empfand das und so hob sie, nach der ersten kleinen Pause der Ver⸗ legenheit, den Kopf und begann:„Ich— ich hab' Dich schon mal gesehen!“ Sie sprach es in monotoner Geläufigkeit herunter, wie um ihre Unbeholfenheit zu bemänteln.
Das Kind hinter dem Ladentisch erwiderte nichts. Für ihr Leben
gern hätte sie auch etwas Geläufiges gesagt, für ihr Leben gern es
ihr an Gewandtheit gleichgethan. Unmöglich! Ihr Blick glitt mit plötzlicher, vernichtender Beschämung von den mit Spitzen reich ver⸗ zierten Gewändern der kleinen Besucherin zu ihrem eigenen, wenig ordentlichen Wollenrock hinab, und zum ersten Mal seit dem Früh⸗ jahr fiel es ihr auf, wie sehr vernachlässigt ihr Ansehen war. Sie wurde roth und sah stumm vor sich nieder. Das Nachbarskind war um einen Schritt näher getreten. Sie wandte sich ein wenig zur Seite, sah sich fremd um und wagte eine zweite Anrede; diesmal in leiserem Ton:
„Es ist ziemlich kalt draußen!“
Nora sah auf und nickte. Wie freundlich das vornehme Kind war! Sie schämte sich, daß ihr nichts zu sagen einfiel. Was würde sie von ihr denken?
Die Besucherin dachte sich garnichts. Die Schweigsamkeit der Verkäuferin galt ihr als stolze Zurückhaltung und imponirte ihr
ungemein. Es erwachte in ihr der Trieb, sich um die Freundschaft
des Ladenmädchens zu bewerben. Ihr niederer Stand wirkte, da sich in der Phantasie des reichen Kindes eine große Unabhängigkeit mit ihr verband, überaus reizvoll, und in dem begreiflichen Wunsche nach dem Fernliegenden, Unerreichbaren that sie zur Gestaltung eines Freundschaftsbundes ein Uebriges. Sie suchte und fand einen per- sönlichen Anknüpfungspunkt.
„Bist Du auch zehn?“ fragte sie, nach Kindesart den Rest des
Satzes unausgesprochen lassend. „Elf,“ sagte die Andere, fast flüsternd.
Der Faden war gefunden. Die kleine Fremde trat leutselig näher.
„Du bist aber nicht größer als ich.“
„Nein,“ sagte die Andere mit selbstverständlicher Unterordnung ihrer Körperbeschaffenheit.
Jetzt stand die Besucherin dicht am Ladentisch und stützte die Hände darauf.
„Ich wohne da drüben!“ erzählte sie mittheilsam.
„Ja, ich weiß!“
Die Augen des blonden Kindes gingen prüfend zu der Anderen hinüber. So, sie wußte? Sie hatte also ihr Nicken schon bemerkt! Die Kleine schien befriedigt. Sie rieb mit der Fläche ihrer Hand auf der Tischplatte hin und her, sah sich die Wände des Ladens an und beschloß offenbar, sich durch eine kleine Prahlerei zu legitimiren.
„Wir haben sieben Stuben!“
Diese Thatsache wirkte ersichtlich niederschmetternd auf die kleine Hörerin. Sieben Stuben! Sie sprach es in ihrer Verwirrung leise nach. Ihre Augen senkten sich. Ihre Schüchternheit gewann volle Herrschaft über sie.
Die geschwätzige kleine Bewohnerin der Beletage schien es nicht zu bemerken.
„Ihr habt wohl nur vier?“ inquirirte sie.
Zum ersten Mal in ihrem Leben fand Nora nicht den Muth zur Wahrheit. Der Bäckerladen hatte nur ein Zimmer und eine
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