Ausgabe 
10.4.1887
 
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geplaudert hatte eigentlich die Andere.

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fensterlose Kammer, in der sie schlief. Das aber dem verwöhnten Kinde zu verrathen, erschien ihr wie ein unerträglicher Affront gegen das Feingefühl der Anderen, und so ließ sie die schmeichelhaft voraus⸗ gesetzten vier Zimmer schweigend über sich ergehen und blickte erst erstaunt auf, als die kleine Schwätzerin vondrüben urplötzlich mit einer Rede kam, die ihr unverständlich war. 9Meine Mutter sagt, Leute, die vier Zimmer haben, sind kleine eute! f Kleine Leute! Sie sahen sich bei dem Worte Beide an. Was der Satz bedeuten sollte, das war ihnen offenbar sehr räthselhaft, denn sie verweilten bei dem Gegenstand nur lange genug, um sich

an ihm zu erstaunen.

Seid Ihr kleine Leute? fragte das Nachbarskind und Nora

starrte die Fragerin verwirrt an und antwortete zögernd, daß sie es nicht wisse.

Ich auch nicht, lächelte das fremde Kind befriedigt und dann wandte sie sich mit Kennermiene dem Schaufenster zu und liebäugelte mit der Backwaare.

6Darfst Du so viel davon essen, wie Du willst?

Nora senkte den Kopf. Ueber ihre ganze Erscheinung kam ein Ausdruck von Gedrücktheit, eine Art von Schamgefühl, das sie im

Gespräch mit der Altersgenossin beirrte. Die Frage des Kindes er⸗

innerte sie an ihre Stellung im Dienste der Bäckersfrau.

So viel essen wie sie wollte! b

Welcher Hohn lag in den Worten. Sie empfand bei dem Er⸗ wähnen des Speisens ein solches Weh im Innern. Sie hatte ja heute das Mittagsmahl entbehrt.

Das fremde Kind achtete ihrer nicht mehr. Ihre ganze Auf merksamkeit war dem Schaufenster zugewandt. Sie trippelte mit ungenirter Dreistigkeit hinter den Ladentisch und schob sich un⸗ gezwungen an die aufgebaute Backwaare heran. Sie schnüffelte an den Tellern herum und stellte plötzlich die liebenswürdige Frage:

Verschenken darfst Du wohl nichts?

Nora schüttelte den Kopf.

Die kleine Besucherin that einen tiefen, hörbaren Athemzug und wandte sich von dem Kuchen ab. Sie ging, einen weiten Kreis machend, in drolligem Doppelschritt, bei dem sie zuerst mit den Hacken und dann mit der Fußfläche den Boden antippte, durch den Laden. An der Thür machte sie Halt. Eine plötzliche große Gleich gültigkeit gegen Welt und Menschen schien sie zu überkommen, eine

im Ton ihrer Stimme kundgab. Ich muß jetzt gehen, sagte sie, ohne direkt auf Nora, noch auch auf irgend etwas Anderes zu sehen. Ihre Mission war be⸗ endet. Sie sagte nur kurz und weltverlorenAdieu und verließ

den Laden.

IV.

In dem Bäckerladen blieb es, nachdem des Nachbars Kind ge gangen, still. Das kleine Bäckermädchen hatte den Abgang ihres Gastes mit Staunen verfolgt, in ihrem Innern ungewiß darüber, ob sie froh oder traurig sein müsse. Daß etwas in der Art ihres Abschiedes gelegen, das sich ganz deutlich unterschied von der Art ihres Eintritts das empfand sie genau, daß sich ein Etwas

zwischen ihren entstehenden Freundschaftsbund gedrängt, das war gewiß. Aber was?

Nora's Welterfahrung war eine mäßige. Sie hatte nie eine Freundin gehabt, kaum je eine Gespielin, und so kannte sie die leicht auf- und abwogenden Stimmungen nicht, welche unter dem wankelmüthigen kleinen Volke herrschten. Sie starrte der davon spazierenden. Gestalt des Nachbarkindes nach und es zog eine traurige Oede in ihr Inneres, wie vor dieser kleinen Episode darin gelegen. Sie stützte den Arm auf den Tisch und legte den Kopf darauf.

Dort ging das Kind. Wie sie gekommen, so ging sie auch, wieder mit dem zierlich hochgerafften Kleidchen in der Hand, und das Eisengitter vor dem kleinen Gärtchen, welches das Haus umgab, öffnete und schloß sich die schlanken Füßchen trippelten geschickt die Stufen zum Hause hinauf das Kind zog die Klingel. Nora sah sie dann in dem Eingang verschwinden. Es fiel ihr ganz plötzlich ein, daß sie nicht nach ihrem Namen gefragt hatte! Wie seltsam das war, da sie doch so lange mit ihr geplaudert hatte! Das heißt,

Nora rekapitulirte in Ge⸗

Gleichgültigkeit, die sich in dem vagen Blick ihrer Augen, ja, selbst

danken Alles, was das Kind gesagt hatte. Alle kleinen Sätze und Geberden fielen ihr ein von Anfang bis zum Schluß, da sie urplötzlich vom inneren Schaukasten fortging und anders wurde. War das am Ende, weil richtig der Kuchen ja so das war's! O, wie schade! Nora wandte den Kopf rasch auf die andere Seite, um möglichst Blick und Gedanken von der selbstsüchtigen Kleinen abzulenken und so saß sie lange ganz reglos. Eine eintretende Käuferin rief sie zuerst aus ihrer Stellung auf. Es war eine ärmlich gekleidete Frau, die altes Brod begehrte. Sie zählte ihren Groschen in einzelnen Pfennigen aus der Tiefe eines sehr alten Lederportemonngies hervor, und legte ihn seufzend vor der Kleinen nieder. Gleich hinter ihr kam ein Nachbar aus dem Seifenkeller, der die Abendzeitung borgen wollte. Wieder wurde es im Laden still. Draußen begann es zu dämmern. Eine handvoll rothen Laubes tänzelte im Winde gegen das Schaufenster hoch. Einzelne Blätter stauten sich zwischen den Zacken des ihn umrahmenden Eisengitters ein. Nora schaute auf die Blättchen, die sich eingefangen. Wie sie zitterten wie sie im Winde sich kräuselten. Wie sie flatterten fast so, als hätten sie Leben und Gefühl, und als triebe sie diese aus der unfreiwilligen Gefangenschaft auf und hinaus. Es half nichts. Sie saßen fest, und der strenge Wind fegte gegen sie an, und machte sie zittern, wie die kleinen Vögel, die soeben vom Zaun des Gartens drüben aufzitterten. Arme frierende, kleine Vögel, die so wenig in dies herbstliche Wehen hineinpaßten. Sie zwitscherten so leise oder zwitscherten sie gar nicht? Und kleine Vögel mußten doch laut und eindringlich zwitschern, so dringlich wie sie es damals gehört im Stübchen des dritten Stockes. Damals, als kein Windstoß über die Dächer ging, als es noch überall friedlich war auf der Welt.

Die kalte fröstelnde Oede war später gekommen, viel später, nachdem das Eisenbett so säuberlich zugedeckt war so säuberlich weiß und reglos und leer. Nora fühlte sich sehr einsam.

Sie erschauderte leicht. Sie neigte den Kopf wie horchend und dann hob sie die Hände und legte sie über die müde werdenden Augen. Das Dämmerlicht war ermüdend und die Stille!

Quer über die Straße kam der Laternenanzünder. Wie er rannte mit der quer über der Schulter hängenden Leiter! An jedem Abend kam er. Nora hatte den Mann so oft gesehen sein frisches Gesicht seine heitere Eile hatten sie gefreut und dann rannte er so behend zu der hohen Laterne empor; oftmals meinte das Kind, er müsse fallen, wenn die Leiter so wenig fest anlag, wenn sie so hin und her schwankte. Jetzt war's gerade, als ob die ganze Laterne mitschwankte und der Mann auch. Es ging Alles zurück und wieder vor, ordentlich in Bögen, die sich weit ausdehnten, und rund, rund oh, wie müde war sie doch oder schwankte die Leiter nicht, war der Mann längst fort und hatte sie nur gemeint, daß es da oben schaukelte? Gewiß, das hatte sie nur gemeint in ihrer Müdig⸗ keit; eine Laterne konnte doch nicht, konnte nicht oh, wie war sie müde!

Ein ganz kleines, liebliches, schlaftrunkenes Lächeln spielte um den Mund des Kindes, das in seiner Mattigkeit alles Grübeln und alles Sinnen hinter sich zurückließ und nur das einfache, kleine Mäd chen wurde, das sie im Frühjahr gewesen war und das sich ganz kindlich in den Schlaf hinüberlächelt.

(Fortsetzung folgt.)

Lose Blätter.

Der Zweikampf. Das deutsche Reichs-Strafgesetzbuch ahndet den Zweikampf mit Festungshaft von drei Monaten bis zu fünf Jahren und bestimmt weiter, daß Derjenige, welcher seinen Gegner im Zweikampfe tödtet, mit Festungshaft nicht unter zwei Jahren und wenn der Zweikampf ein solcher gewesen, welcher den Tod des einen von beiden herbeiführen sollte, mit Festungshaft nicht unter drei Jahren zu bestrafen sei. Noch strenger ging man im 16. und 17. Jahrhundert gegen die Duellanten vor. Zahlreiche Reichsgesetze verboten den Zweikampf bei harter Strafe und ein am 22. September 1688wegen Abstellung des höchst gefährlichen Balgens und Kugelwechselns erlassenes kaiserliches Kommissionsdekret sprach sogar die Ehrlosigkeit überjeden Herausforderer und Anhetzer, sowie über Alle aus, welche sich auf ergangene Forderung zum Zweikampf stellen oder den nicht erschienenen Gegner schelten würden. II. W.

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