sich trug. In der dürftigen Kleidung lag nicht eine Spur von mädchenhafter Sorgfalt, die dunklen Haare umlagerten die Stirn in unfrisirten wulstigen Massen und deckten wolkenhaft die geradlinig sich begegnenden Augenbrauen, die dem schmalen Gesicht sein stör— risches Aussehen gaben.
Nora war unter der Kundschaft bekannt. Daß sie bei der Bäckerin Schollmeyer im Dienste war, daß sie von ihr aus Barmherzigkeit aufgenommen war, trug ihr das gelegentliche Mitleid einzelner Laden⸗
kunden ein. 1 5 „Gut wird sie's nicht haben,“ so hatte ein biederer Familien⸗
vater aus der Etage über der Bäckerei zu seiner Ehefrau gesagt,
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und die Frau hatte einen warmen Blick auf ihre schlafende Kinder⸗ schaar geworfen und verständnißvoll dazu genickt. Nein, gut hatte es das Kind nicht. Die Frau machte sich die Dienste der kleinen Waise nutzbar, ließ das kränkliche Bebe von ihr 0 warten, hieß sie die großen Körbe mit Semmeln austragen und gab 9
ihr dafür ein spärliches Mahl und eine fensterlose Kammer zum Schlafen und eine Matratze zum Liegen.
Das war Nora's Leben, seit die Frau gekommen war, um sie aus der Stube der Korbflechterfamilie mit fortzunehmen. „Besser als in ein Waisenhaus,“ so hieß es, und obgleich sie nicht wußte, was das bedeutete, sprach sie es doch selbst den Andern


