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„Trifft Euch auch nicht zu scharf der Wind, soll ich das Ver⸗ deck aufschlagen?“ fragte sie sich umwendend. Dabei entfiel ihr der nur lose befestigte Hut und die reine Profillinie des zierlichen Kopfes wurde sichtbar.
„Darf ich ihn halten? Bei mir ist er sicherer wie dort oben bei ihnen,“ lächelte der junge Graf.
Sie reichte ihn ernsthaft hinüber, ohne dabei Pferde und Weg nur einen Augenblick aus den Augen zu verlieren.„Wie dunkel es schon wird,“ meinte sie,„gut, daß ich hier jeden Stein auf der Straße kenne.“
„Und wie kommt es, Fräulein, daß Ihr allein, ohne Kutscher, ohne jede männliche Begleitung, diesen einsamen Weg hergekommen seid, um mich zu holen?“ fragte Graf Felsing nach einer Pause. Fränzchen kämpfte mit sich. Wieder stieg die Röthe der Be⸗ schämung ihr glühend in die Wangen. Zum ersten Mal im Leben fühlte sie sich gedemüthigt und das bisher so sorglose Herz klopfte unruhig bei dem Gedanken, daß sie eine lächerliche Rolle spiele. Seufzend und rathlos spielten ihre Hände mit den lose gehaltenen Zügeln, da traf ihr Blick die Augen des fremden Herrn, die theil⸗ nehmend, mit eigenthümlich freundlichem Ausdruck auf ihr ruhten. Das gab ihr Muth.
„Der Brief unseres Herrn Grafen kam so spät, es war Alles fort, Niemand zu Hause,“ erzählte sie stockend.„Ihr hättet warten müssen, und da ich ebenso gut wie der Albrecht zu fahren verstehe, bin ich gekommen. Die Großmutter wollte es freilich nicht zugeben, und wenn ich gewußt hätte—“
Hastig, als bereue sie den angefangenen Satz, unterbrach sie sich und machte sich verlegen an der Leine zu schaffen.
Ueber die trotz der deutlichen Krankheitsspuren ungemein an— ziehenden Züge des jungen Grafen glitt ein leises Lächeln. Er
Mal seine Jugend zum Vorwurf machte, amüsirte ihn.
„Warum wollte denn Ihre geschäftige Phantasie mich durchaus zu einem hinfälligen Greise stempeln?“ fragte er, kein Auge von ihrer leicht beweglichen Miene wendend.
Nun lachte sie.„Das war wirklich recht dumm von mir und der Großmutter,“ gestand sie aufrichtig.„Da aber unser Herr Graf ganz weißes Haar und das Gesicht voller Runzeln hat und dabei schrieb, daß sein Verwandter lange krank gewesen, so—“
„Man ist auch in der Jugend oft an Leib und Seele krank,“ meinte der junge Graf mit einem solch' melancholischen Tonfall der Stimme, daß Fränzchen verwundert aufsah.„Der Körper wird vom Wechselfieber geschüttelt, während das Herz—“
Nun war die Reihe an ihm, seinen Satz unvollendet zu lassen. Wie um eine häßliche Erinnerung fortzuscheuchen, strich er mit der Hand über die Stirn, sich seufzend in die Wagenkissen zurücklehnend.
Der halben Dämmerung war schnell die Dunkelheit gefolgt. Wie finstere Schatten huschten die Bäume am Wegesrand vorüber, während hin und wieder ein einsames Lichtlein in den verstreut da— liegenden Bauerhöfen hell aufleuchtete.
„Wie Irrlichter, denen nächtlicher Weile der Schatzgräber nach— schleicht,“ dachte der junge Graf.„Diese fieberhafte Jagd nach Glück hört wohl erst mit dem letzten Athemzug des letzten Menschen auf. Millionen gäbe ich freudig hin, sähe ich nur ein erstrebens— werthes Ziel vor Augen; doch diese Leere hier innen hängt sich läh— mend wie Blei an jedes Glied. Müde und alt in der Vollkraft der Jahre!“
Fröstelnd hüllte er sich wärmer in die weichen Decken, während die Hand die schmerzende Stirn stützte. Trübe Gedanken zogen, von der lautlosen Stille ringsumher begünstigt, durch seine Seele. Wild— bewegt, leidenschaftdurchstürmt lag die Vergangenheit hinter ihm, asch— grau breitete sich die Zukunft aus. Warum eigentlich ein Dasein ver— längern, das im Grunde so wenig galt, warum dem Fieber steuern wollen, welches bereits bedenklich an dem Mark des Lebens gerüttelt? Stärkende Landluft, träumerische Langeweile sollte den tückischen, aller ärztlichen Kunst spottenden Feind verscheuchen, die verlorene Gesund— heit ihm wiedergeben. Ob sich wohl Jemand über seine Genesung freuen würde?
Er lachte kurz auf, während er, die Gedanken abschüttelnd, gewalt— sam sich in die Höhe richtete. Der Weg, der eben zwischen kahlen Feldern und dampfenden Wiesen dahinschlängelte, verschwand immer mehr in Finsterniß, Häuser und Baumgruppen verschwammen in eins und nur die Mädchengestalt vor ihm auf dem hohen Kutschersitz war
wußte, was sie hatte sagen wollen, und daß sie ihm zum zweiten
deutlich erkennkar. Sein Auge hing an den, in ein weitmaschiges, rothes Tuch geknüpften schmalen Schultern, an den dicken Haarflechten, die bei jeder lebhaften Bewegung des Kopfes hin- und herflogen. Schwer umwogte sie der feuchte Dunst, im phantastischen Spiel oft seltsame Gestalten bildend, die endlich, zu einem grauen Ganzen ver⸗ schmolzen, sich wie eine Wand zwischen sie und seine Blicke schoben. Ein Grauen, ähnlich wie es die alte Frau empfunden, erfaßte ihn. War diese ganze sonderbare Fahrt nur ein toller Geisterspuk gewesen? Hatten vielleicht tückische Kobolde das fremde Mädchen durch die Luft entführt, ihn hilflos und allein im Sumpf zurücklassend? Mühsam erhob er sich; in seine tastende Hand fiel einer der langen, nebelfeuchten Zöpfe. Die Schleife, die ihn gehalten, streifte sich ab und die losen Haarwellen entglitten, kaum berührt, seinen Fingern. „Wenigstens ist sie nicht verschwunden,“ lächelte er, sich zurück— lehnend.„Ich glaube, das Fieber mit seinen Halluzinationen packt mich wieder.“ „Der häßliche Nebel,“ rief in diesem Augenblick Fränzchen,
„kaum daß man den Weg die Hofmauer entlang erkennen kann.
Hier ist schon die Pforte.“
Das Haus mit seinen hellen, durch die Dunkelheit weithin glän— zenden Fenstern machte keinen ungastlichen Eindruck. Man schien der Ankömmlinge geschäftig zu harren und bei dem ersten Ton der knarrenden Wagenräder trat ein großer, breitschultriger Mann, eine Leuchte in der hocherhobenen Hand, auf die Schwelle.
„Der Albrecht!“ stieß Fränzchen hervor und trotz des hin- und herwehenden Lichts fiel dem jungen Grafen ihr blasses, ängstliches Gesicht auf.
„Der gnädige Herr werden mein Nichterscheinen mit wichtiger Arbeit entschuldigen müssen,“ brachte dieser mit etwas schwerer Zunge hervor,„alle Leute waren mit mir auf dem Felde, da mußte nun aus der Noth eine Tugend gemacht und das Mädchen allein geschickt werden. Hoffentlich ist nichts vorgefallen; sie fährt ja sonst so gut wie mein bester Kutscher.“
Graf Felsing sah sich nach Fränzchen um; sie stand im offenen erleuchteten Hausflur, den Arm um eine alte Frau geschlungen, der sie zärtlich und beruhigend zusprach.„Du kannst ganz ruhig sein, Großmütterchen,“ hörte er sie flüstern,„es wird Alles besser gehen wie Du denkst. Der Albrecht ist ja früher gekommen, wie wir ge⸗ hofft. Siehst Du, daß ich Recht hatte?“
„und noch einer, der uns immer Trost bringt, war bei mir,“ sagte die alte Frau, mit flüchtiger Handbewegung nach der Ecke zeigend, in welche ein kleiner, unscheinbarer Mann bescheiden sich zurückgezogen hatte.
„Der Herr Lehrer,“ sagte das junge Mädchen freundlich,„ich dachte mir, daß ich unseren täglichen Abendgast hier finden würde.“
„Er hat den Albrecht aus der Stadt geholt, ohne seine Hilfe sähe es schlimm hier aus,“ raunte die alte Frau ihr zu und eilte dann den Fremden zu begrüßen, der, auf den Verwalter gestützt, eben die Halle betrat.
„Der Herr Graf sei uns tausendfach willkommen, wir haben ja so lange die Ehre, ein Mitglied des erlauchten Hauses bewirthen zu können, entbehren müssen,“ sagte sie, ehrfurchtsvoll knixend.„Alles, was unser geringes Dach irgend bieten kann, soll geschehen, wenn— gleich der Herr Graf hier auf dem Lande über manche gewohnte Be— quemlichkeit wird hinwegsehen müssen. Womit kann ich nun zuerst dienen?“
„Vor allen Dingen ein warmer, trockener Platz, mich hat der Nebel durchkältet,“ bat der junge Graf leise.
„Dann nur gleich für einen Augenblick in die Wohnstube hinein— getreten. Dort brennt das trockene Fichtenholz in der Minute auf. Wenn auch des gnädigen Herrn Zimmer frisch gelüftet und in Ord⸗
nung sind, so erwärmt sich ein so lange ungeheizt gebliebener Raum
nicht leicht.“
Geschäftig öffnete sie die Thür der Wohnstube, trug Lampen herbei und schob eigenhändig das weiße, langscheitige Holz in den weitbauchigen Ofenschlund.
Julian überkam es wie ein Gefühl des Behagens, als er, auf dem altmodischen Sopha sitzend, das weite, von dem knisternden Feuer überstrahlte Zimmer vor sich liegen sah. Ganze Menschen— geschlechter hatten wohl diese plumpen Eichenmöbel an den Wänden überdauert, und wo war die Hand, die einstens jenes stattliche Hirsch— geweih, als Jagdtrophäe, über den Thürpfosten gehängt.
„Prachtvollen Wildstand haben wir in unseren Waͤldern,“ meinte
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