Ausgabe 
10.4.1887
 
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der Inspektor, der diesen Blick gesehen.Schade, daß der Herr Graf zu leidend ist, um hier die Herbstjagd mitzumachen. Das ist ein Vergnügen, die halbe Nachbarschaft ist zu Gast geladen.

Ich bin kein passionirter Jäger, meinte der junge Graf.

Nicht, das thut mir leid; nun, dann interessiren Sie sich viel leicht für die Landwirthschaft, können hier bei mir ganz neue Me thoden der Ackerbehandlung sehen. Habe höllisches Glück damit, jeder Versuch schlägt ein. Bin mit einem Wort ein moderner Wirth, der mit dem alten Schlendrian gründlich gebrochen, sagte er prahlend, während die alte Großmutter verlegen auf ihr Strickzeug blickte.

Julian erinnerte sich plötzlich, daß der Mann auf dem kleinen Bahnhof geringschätzig von einem liederlichen Verwalter gesprochen. Er faßte ihn schärfer in's Auge. Noch lagen die Spuren durch zechter Stunden deutlich auf seinem gerötheten Gesicht, zeigten sich unverkennbar in seiner unsichern Haltung. Wie wenig doch dieser kräftige, blondbärtige Mann der schlanken, brünetten Schwester ähn⸗ lich sah! Wo war sie nur geblieben, seine freundliche Führerin, die ihn so sicher durch Nacht und Graus hierher geleitet?

Sein suchender Blick fand sie bald. Dort kniete sie vor dem Ofen, eifrig bemüht, mit ihren kleinen Händen einen mächtigen Block hineinzuschieben. Die hell lodernde Gluth warf feurige Reflexe auf ihr dunkles Haar, das goldene Funken zu sprühen schien. Der eine Zopf hatte sich durch die rasche Bewegung ganz gelöst und fiel in leichten Wellen ihr über Hals und Schultern. Ungeduldig warf sie es zurück und erregte dadurch die Aufmerksamkeit der Großmutter.

Mein Gott, Fränzchen, Du siehst ja aus wie das richtige Zigeunermädchen, rief diese bestürzt.Wo hast Du nur wieder Deine Schleife gelassen? Ich erinnere mich ganz genau, daß Du sie hattest, als Du fortfuhrst.

Unwillkürlich faßte Julian nach seiner Brusttasche; ein zerknit tertes, schwarzes Sammetband lag darin. Warum zögerte er, es der Eigenthümerin zurückzugeben?

Es war ein Bild reizender Unbefangenheit, das Fränzchen dar⸗ bot, als sie nun halb schmollend, halb beschämt die fessellosen Haare wieder zu bändigen begann. Noch kniete sie in derselben Stellung, sich leicht an Sultan lehnend, der seinen Dauerlauf nun behaglich vor dem Ofen ausschlief. Der kleine, schmächtige Schulmeister war zu ihr herangetreten. Sie schien etwas von ihm zu erbitten. Julian sah es deutlich an dem beweglichen Mienenspiel, an dem Blick der ausdrucksvollen Augen, welche die Beredsamkeit der feinen, rothen Lippen wirksam zu unterstützen schienen.

Nun gab er sein scheinbares Sträuben auf. Ein Blitz des Triumphes glitt über ihr schelmisches Gesicht und halb dankbar, halb neckend hielt sie ihm die Hand hin, die sie, ehe er sie noch gefaßt hatte, wieder lachend hinter dem Rücken versteckte.

Sei nicht kindisch, Fränzchen, mahnte die Großmutter,was soll der Herr Graf von Dir denken.

Der Verwalter, der eben für eine Jagdanekdote vergeblich das Ohr des jungen Grafen in Anspruch genommen, zuckte mit den Schultern.

Das Mädchen muß in ein feines Pensionat, damit es endlich Manieren lernt, meinte er barsch.Ich schwanke noch zwischen Berlin und Dresden. Werde mir nächstens Prospekte schicken lassen. Der Preis spielt keine Rolle bei mir.

Der Schulmeister hüstelte verlegen, die Großmutter senkte den Kopf noch tiefer auf die Stricknadeln und Fränzchen blickte, den Arm um Sultans Hals geschlungen, verwundert zu dem Bruder auf.

Graf Julian hatte sich erhoben. Die alte Frau, die in scheuer Ehrfurcht jede Bewegung des gefürchteten Gastes verfolgte, leuchtete mit wankenden Knieen ihm die Treppe hinauf, während Albrecht, unten in der Halle stehend, imaginären Knechten mit schallender Stimme Befehle für den morgenden Tag ertheilte.

Neun Uhr. Deutlich tönten die dröhnenden Schläge der Dorf uhr herüber. Der junge Graf zählte sie lächelnd. Was sollte er hier in der ländlichen Einsamkeit mit diesen endlosen Abenden be ginnen? Gehörten sie vielleicht auch zu den heilsamen Arzneimitteln, die man ihm so streng verordnet? Er hatte nach einem Bruch mit den alten Verhältnissen gelechzt, wie ein Verschmachtender nach einem Tropfen Wasser. Kein Diener durfte ihm in die selbstgewählte Ver⸗ bannung folgen. Frei wollte er sein, wenn auch nur für kurze Zeit; kein Schatten der Erinnerung sollte ihm die Gegenwart verdüstern. Schal bis zum Ueberdruß erschien ihm dieses inhaltlose Dasein, das in eine andere Bahn zu lenken er die Kraft niemals besessen.

Ruhelos durchwanderte er die beiden aneinanderhängenden Zim mer, die für etwaige Besuche der gräflichen Familie reservirt worden waren. Die geradlehnigen Sophas und Stühle boten wenig Aus sicht auf Bequemlichkeit und einige Ahnenbilder schauten mit sauer⸗ süßer Miene auf den Eindringling hernieder, dem die dumpfe Luft sich beklemmend auf die Brust legte.

Ihr seid mir auch eine melancholische Gesellschaft, man meint unter Euren gemalten Augen Moder und Staub längst vergangener Zeiten zu athmen, murmelte der junge Graf.Morgen mit Hilfe von Licht und Sonnenschein soll es hier anders werden. Um Euch nicht länger anzusehen, will ich schreiben, obgleich wohl Niemand in der Welt sich nach Nachrichten von mir sehnt.

Auf dem zierlich eingelegten Pult mit den hohen, dünnen Füßen stand die mitgebrachte Reisekassette, daneben ein kleines, silbernes Schreibzeug, wie man es wohl Kindern zu schenken pflegt.Fran⸗ ziska Wiese, den 17. Mai 1865 stand auf dem Boden eingravirt.

Ein Pathengeschenk, gewiß das beste Stück des Hauses, durch welches man mich zu ehren meint, dachte Julian, die Briefmappe öffnend. Bald flog in eiligen Zügen seine Feder über das elegante, wappengeschmückte Blatt, oft schienen die Gedanken nicht Stich halten zu wollen. Dann hob der junge Graf wie besinnend den Kopf; auf seiner Stirne lag eine Falte, die selbst den sonst so wohlwollend blickenden Augen einen düstern Schatten lieh. Nicht angenehme Vor⸗ stellungen schienen ihn zu beschäftigen, und als der Brief beendet, las er ihn mit aufeinander gepreßten Lippen noch einmal durch.

Als ich vor einer Stunde, von Langeweile gepeinigt, überlegte, an welchen meiner vielen guten Freunde ich schreiben könnte, da bliebst Du, geliebter Onkel und väterlicher Freund, der Einzige, der vielleicht Muße findet, einen Brief zu lesen, der nicht aus Paris oder Monaco kommt. Auf Deinen Wunsch ging ich hierher, um unter würzigen Waldesdüften Körper und Herz langsam genesen zu lassen. Ersterem wird die wunderthätige Jugendkraft zu Hilfe kommen, doch Letzterem ist wohl nicht mehr so leicht zu helfen, das hat gründlich Schiffbruch gelitten im klippenreichen Lebensmeer, ist nur noch ein elendes Wrack, das die hochgehenden Wellen zerschellt an die Küste geworfen.

Seit Stunden bin ich in Grünau, dem sagenhaften Besitz der Familie, wohin man früher die ungerathenen Söhne zu verbannen drohte. Auch mir wurde, als ich vor Jahren, höchst unstandes⸗ gemäßer Weise, Maler werden wollte, von den erzürnten Eltern dieses Schicksal in Aussicht gestellt. Ob die Furcht vor dieser grünen Einöde mich meinem Ideal abwendig machte und mich einen vor⸗ nehmen Tagedieb werden ließ, weiß ich nicht. Doch gleichviel; ich sitze hier und will nicht rückwärts schauen. Du, geliebter Onkel, besaßest immer eine liebenswürdige Schwäche für die Stiefkinder des Glücks, wovon ich und dieser abgelegene, vernachlässigte Ort das beste Zeugniß geben. Wir passen gut zu einander, darum zog es mich wohl her. Bis jetzt kenne ich noch nichts von ihm, als wo⸗ gende Wiesennebel und die kleine Familie des Verwalters. Die alte Großmutter bewies mir allen, nur Dir, dem Majoratsherrn, gebüh⸗ renden Respekt und den jungen, vom Jahrmarkt heimkehrenden In⸗ spektor ernüchterte so ziemlich meine Ankunft. Ja, und bald hätte ich vergessen, es ist ja noch ein junges Mädchen hier, eigentlich ein hoch aufgeschossenes Kind von siebenzehn Jahren, mit schüchternen Gazellenaugen, das mich muthig durch die Finsterniß kutschirte. Volla, das sind die Erlebnisse des ersten Reisetages.

Ungern nur möchte ich von dem Hintermirgelassenen sprechen, doch die Kette klirrt, so locker man sie auch befestigt zu haben meint. Sollte Ellinor, aus dem Seebade zurückkehrend, um zur bevorstehen⸗ den Saison ihre Toiletten eingehend Revue passiren zu lassen, unter den fehlenden Haushaltungsgegenständen vielleicht gelegentlich auch meine Person vermissen, so wirst Du, stets Gütiger, ihr wohl sagen, daß bei dem ersten Ball ich die gewohnte Statistenrolle als Haus⸗ herr wieder in alter, erprobter Pflichttreue zu spielen gedenke.

Bis hierher hatte er finster blickend gelesen. Die Zähne gruben sich tief in die Lippen und die Hand zitterte, die das Blatt hielt. Er warf es hin und nahm die unruhige Wanderung von vorhin wieder auf. Da fiel zufällig sein Auge auf ein Frauenporträt, das bis jetzt im Dunkel geblieben war und nun von dem Licht der Lampe hell getroffen wurde. Das schmale, hochmüthige Gesicht trug trotz der längst veralteten Tracht und des gepuderten Haars eine unverkennbare Aehnlichkeit, einen Familienzug, der seinen Unmuth noch höher anfachte.

Thor, der ich war, zu glauben hier freier athmen zu können,