zu den
Oberhessischen Uachrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 10. April.
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Wie eine dunkle Schlange mit glühenden Feueraugen wand sich der Eilzug zwischen den braunen Fichtenstämmen der endlosen Nadel⸗
Eilig ging er voran und nach wenig Schritten schon hatten sie 15 die alte, gelbe Halbchaise, an welcher Fränzchen, den Hut tief in die Stirn gezogen, das Gesicht von Thränen überströmt, lehnte, erreicht.
Verblüfft blieb der junge Graf vor ihr stehen.„Warum weinen Sie? Was ist Ihnen so plötzlich Schreckliches geschehen?“ fragte er halb ängstlich, halb belustigt.
„Ich glaubte bestimmt, ich dachte, Sie seien ein alter Mann,“ stammelte sie, den Kopf noch tiefer senkend.
„Und zur Strafe für meine Jahre wollen Sie mich armen, kranken Menschen nun auf der Landstraße elend im Nebel umkommen lassen, nicht wahr?“ fragte er mit einem leisen Anflug von Neckerei.
7 wälder hindurch. Schon flammten, trotz des eben erst langsam dahin⸗ 0 schwindenden Tageslichts, die farbigen Signale an der Strecke auf, 6 während hoch oben in den Lüften sich Rauch und Nebel zu un⸗ 3. förmigen Wolken ballten. 1 Auf dem Perron der kleinen Station waren außer dem noth— ö wendigen Dienstpersonal nur noch einige Landleute mit großen Kör⸗ ben und Paketen anwesend; mitten unter ihnen stand Fränzchen, 8 neugierig dem funkensprühenden Ungethüm, das aus der weiten, ihr 7 so unbekannten Welt dahergeschnoben kam, entgegensehend. 930 Nun hielt der Zug, kein Menschengewühl entstand. Nur ein 10 einziger Passagier verließ langsam sein Koupe und näherte sich mit . müden Schritten. Noch war es hell genug, um in ihm einen 93 eleganten, jungen Mann mit krankhaft abgespannten Zügen erkennen 12 zu können. 1„Ist aus dem benachbarten Ort Grünau ein Wagen für mich 6 zur Abholung angekommen?“ fragte er einen diensteifrig herbei— 10 springenden Beamten. 11„Ja wohl, das junge Fräulein ist selbst seit fast einer Stunde glt hier,“ meinte dieser.„Bei der Wirthschaft dort draußen werden 0 g sie wohl einmal wieder keinen Knecht haben auftreiben können, und 0 0 der Inspektor selbst—“ Er lachte und zuckte verächtlich mit den 155 Schultern. E„So haben Sie wohl die Güte, mich zum Wagen zu führen,“ U bat der fremde Herr, dem jedes Wort sichtliche Anstrengung zu elf kosten schien. 9 Der Beamte wandte sich eilig um, doch der Platz, auf dem N Fränzchen noch eben gestanden, war leer. n.„Wo sie nur geblieben sein mag, das wilde Ding?“ rief er a 19 verdrießlich,„vor einer Minute sah ich sie hier noch stehen. Doch ibn e 9 ich kann ja dem fremden Herrn behülflich sein, der Wagen hält s, hier gleich an der Seite.“
Im Nebel.
Novelle von H. René. Eortsetzung).
Es hatte nur dieser Appellation an Fränzchen's gutes Herz be— durft. Klatschend fiel die große Peitsche, die sie unbewußt noch immer im Arm gehalten, zur Erde, eifrig ordnete sie die mit⸗ gebrachten Kissen im Wagen und breitete sorgsam die warme Decke über des Fremden Knie. Bei dieser Beschäftigung konnte er zum ersten Mal ihr kindliches Gesicht mit den frischen Thränenspuren auf den heißen Wangen ganz in der Nähe sehen. Der große Strohhut war ihr in den Nacken gefallen. Einzelne braune Stirnhaare kräu⸗ selten sich trotzig in den Schläfen, während die feinen Nasenflügel vor innerer Erregung leise zitterten. Wie eine Gazelle, die auf hoher Felsklippe scheu vor jeder fremden Berührung fliehen möchte und nun lauschend das Köpfchen in die frische Morgenluft streckt, dachte der junge Mann, mit Interesse jeder Bewegung der geschmei⸗ digen Gestalt folgend.
Da erscholl ein kurzes Freudengeheul und ein großer Hund, das abgerissene Ende einer schweren Kette nach sich schleifend, sprang in mächtigen Sätzen auf das junge Mädchen zu, ihr die breiten Vorder⸗ pfoten auf die Achseln legend.
„Sultan, mein lieber Sultan, bist Du doch gekommen?“ rief sie, die Arme um seinen Hals schlingend und das Gesicht liebkosend gegen seinen Kopf lehnend. N
„Ich wunderte mich gleich, daß Ihr allein gekommen seid, Fräulein,“ meinte der im Fortgehen begriffene Eisenbahnbeamte, „ich meinte, Euer Bruder habe das Vieh endlich fortgethan.“
„Großmutter hatte ihn eingesperrt, aber das Schloß an der Stallthür hielt schon lange nicht mehr Stand, da wußte ich gleich, daß er sich losreißen und mich finden würde.“ Triumphirend hob sie das Gesicht, auf welchem wieder voller Sonnenschein lag, und lächelte unbefangen den Fremden an.
„Er wird Euch auch nicht durch Bellen erschrecken, Sultan ist ja so klug, folgt mir auf's Wort,“ fuhr sie eifrig versichernd fort. „Siehe nur, Sultan, der kranke Herr verträgt Deine Stimme nicht, Du mußt ganz, ganz ruhig sein.“
Freundlich beugte sich der junge Graf vor, um den mächtigen, neben dem Wagenschlag auftauchenden Hundekopf zu krauen, doch ein dumpfes Knurren schallte als feindseliger Protest zurück.
„Euer treuer Begleiter scheint neuen Bekanntschaften gegenüber nicht besonders zugänglich zu sein.“
„O doch, ich begreife ihn nicht. Pfui, Sultan, wenn Du fort⸗ fährst, solch' böse Augen zu machen, habe ich Dich garnicht mehr lieb.“
Der strafende Ton ihrer Stimme genügte, um das kluge Thier zu seiner Pflicht zurückzuführen. Ohne Murren, aber offenbar wider⸗ willig, ließ er sich streicheln und trabte dann in ehrbarem Schritt neben den Pferden her, die, von Fränzchen's sicherer Hand gelenkt, sich eben in Bewegung setzten.
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