Ausgabe 
9.10.1887
 
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Köpfchen, das helle Goldhaar, die blauen, dunkel umrahmten Augen, das rothe, immer plaudernde Mündchen Alles zusammen machte sie schön wie eine neckische Elfe.

Da standen sie Alle, umringten den Grafen und die ganz geblendete, verwirrte Maria. Die beiden jungen Offiziere richteten immer wieder verstohlene Blicke auf die Letztere, und in dem Gewirr war es derselben, als sei sie nie so verlassen gewesen wie jetzt. Diese ganze Scene heiteren Behagens und liebenswürdigster Häuslichkeit

kam ihr dabei vor wie eine Komödie, und dann fiel ihr Blick zu fällig in den Spiegel und sie sah neben der lichten, schönen Elma eine düstere Gestalt stehen mit ganz zerzaustem schwarzen Lockenhaar und erschreckten, weit aufgerissenen Augen voll unheimlichen Feuers; das war sie, sie selbst! Wie sah sie aus? So bleich! Und wie chiffonirt und zerknittert war ihr Anzug neben dem eleganten Haus⸗ kostüm und dem spitzenbesetzten Seidenschürzchen der Kousine! Ein einziger Blick hatte genügt, Maria dies Alles zu zeigen; sie kam sich ganz fremd vor, und sie hätte nicht ein Weib und so jung sein müssen, um nicht unter dieser Wahrnehmung zu leiden.Ich gehöre nicht hierher! Ich passe nicht zwischen diese frohen, glücklichen Menschen! schrie es in ihr.

Die arme Kleine! Traurige Verhältnisse, höre ich. Nun, Paula ist ja so engelgut, flüsterte neben ihr, ihren von der Auf regung geschärften Sinnen deutlich vernehmbar, die Baronin Lauten⸗ berg dem Grafen zu.

Nun, lieber Lornom, glücklich wieder da? Wie geht's bei Ihnen zu Haus? Vergnügte Jagd gehabt? wandte sich der Onkel, die Lautenberg überhörend, hastig an einen jungen Mann im

Civilanzug. Famos, Excellenz, danke bestens! Papa hat mir seine an⸗ gelegentlichsten Empfehlungen an Sie aufgetragen.

Guten Abend, Bollen, was giebt es Neues? Sie müssen mich in aller Eile au courant setzen. Haben Sie Bernburg nicht gesehen? Was bringt man denn in den Zeitungen? Ich habe seit drei Tagen keine angesehen, im Eisenbahnwagen kann ich zudem nicht lesen!

So plauderte Graf Bolko gleich mit Allen, und seine Grandezza und mißmuthige Würde, die Maria so unleidlich gewesen war, hatte im Kreise der Seinen einer offenen, wenn auch gemessenen Heiterkeit Platz gemacht.

Du bist uns von Herzen willkommen, liebe Nichte, und ich wünsche aufrichtig, daß Du Dich bei uns wohl fühlen möchtest. Wir leben zwar sehr ruhig und geordnet, das tägliche Einerlei einer glücklichen, anspruchslosen Familie, sagte gütig unterdeß Gräfin [Paula, und streichelte Maria's verwüstete Frisur glatt, wobei sie ebevoll gegen ihren Gemahl bemerkte, das arme Kind sei sehr blaß, und es werde vielleicht eine Wohlthat sein, es hinaufzuschicken, damit es heute nur ruhe und sich erhole.

O nein, nein, Mama, laß sie bei uns; ich muß meine neue Kousine doch erst kennen lernen, rief Helo und schmiegte ihr blondes Köpfchen an Maria's Schulter. Daß dabei ihre Augen auf den Spiegel fielen, dem sie gerade gegenüberstanden, war wohl Zufall. Es konnte keinen größeren Kontrast geben, als den der beiden Köpfe. Der Engel des Lichts und der Finsterniß! flüsterte wiederum ganz hörbar, mit entzücktem Lächeln Helo zunickend, die alte Baronin Lautenberg der Gräfin Paula zu. i

Das sollst Du morgen, Helo. Sei nicht egoistisch, ich bin überzeugt, Maria ginge heute lieber gleich hinauf, sagte diese in derselben Güte; aber Maria war es, als läge in der sanften, milden Stimme ein Wille, ein Befehl, der keinen Widerspruch duldete.

Ich bitte sehr, gnädige Frau, Sie kommen meinem Wunsch zuvor! bat Maria. f:

Aber,gnädige Frau? Bin ich nicht Deine Tante, meine Kleine? Tante Paula! Und bei mir sollst Du eine Heimath und alle Liebe, deren Dein Herz bedarf, wiederfinden! sagte die Gräfin gütig und die fremden Herren anlächelnd. Dann trat sie zu ihrem Gemahl, der bei der ersten Erwähnung, daß Maria heute gleich ruhen solle, unzufrieden Einspruch erheben wollte, dann aber geschwiegen und mit den Herren, welche sichtlich interessirt diese kleine Familienscene beobachteten, weiter geredet hatte, und stellte ihm vor, daß es besser sei, die arme Kleine heute sich selbst zu überlassen. a 5 5

Nach all' den traurigen Exlebnissen! setzte sie, wie um ihrer Bitte Nachdruck zu geben, hinzu, als er zögerte. i

Da nickte er mit dem Jupiterausdruck. Maria fühlte, er sei

nicht recht einverstanden; aber er sagte ihr wohlwollend:Gute Nacht! und ganz erleichtert athmete sie auf, als sie, von der Gräfin geleitet, das Zimmer hinter sich hatte.

Ich will Dich selbst hinaufbringen, liebes Kind, Du schläfst dicht neben meiner jüngeren Tochter Heloise, die heute im Theater ist. Ich fürchte, Du wirst Dich sehr mangelhaft quartiert finden, verwöhnt, wie Du nach Allem, was ich höre, in hohem Grade bist, aber wir waren so garnicht darauf vorbereitet, und dann kann ich dauernd keins von den andern Logirzimmern missen. Nun, ich hoffe, Du bist noch so jung und frisch, daß Du Deine kleinen bisherigen Gewohnheiten nicht zu schwer ablegst. Jedes Hauswesen hat seine Ordnung für sich, jede Familie hat ihre eigenen Ansichten, weißt Du. Und nun schlaf wohl, liebes Kind, ruhe, und sei versichert, wir werden Dich Alle lieb haben und Dir helfen, Dich in unseren einfachen Verhältnissen zurecht zu finden. Die Gräfin gab der eintretenden Jungfer einige Befehle, welche mit der Versorgung Maria's nichts zu thun hatten. Dann sagte sie, als die Dienerin sich wieder entfernt hatte:Bist Du an viel Hilfe gewohnt bei der Toilette, liebes Kind? Unglücklicherweise habe ich nur die nöthigste Dienerschaft, nur eine einzige Kammerjungfer. Wir sind natürlich jetzt zu den größten Einschränkungen gezwungen. Nun, so würde es Dir also nicht unbequem sein, Dir allein zu helfen? Das ist mir sehr lieb! Das gewöhnt sich auch Alles; je weniger Bedürfnisse ein Mensch hat, um so besser für ihn. Und nun nochmals gute Nacht! Träume gut! Die Gräfin legte mit zärtlichem Lächeln ihre reizende, weiße Hand auf Maria's Locken, dann ging sie mit einem letzten freundlichen Nicken hinaus.

Das junge Mädchen sah ihr nach. Die Thür hatte sich längst hinter ihr geschlossen, das leise Rauschen ihres Kleides war schon längst verhallt, immer noch hafteten die schwarz funkelnden Augen Maria's auf der Thür, hinter welcher sie verschwunden war.

Komödianten! sagte sie dann ganz laut und langsam, wie unbewußt, und eine bittere Verachtung zuckte um den kleinen Mund. Dann aber hob sie die Arme wie verzweifelnd empor, die Hände gefaltet, das Gesicht von plötzlichen Thränen überfluthet.

Und das soll ich tragen, das soll meine neue Heimath sein? Jedes Wort ein bewußter Hinweis auf das Gnadenbrod.

Sie sank neben dem schmalen, einfachen Bett auf die Knie, und der ganze Körper bebte vor Erregung.

Todtmüde, ganz erschöpft stand sie nach einer Weile auf, ent⸗ kleidete sich, badete das blasse Gesicht in dem kalten Wasser, kämmte ihr Haar und wollte die prachtvollen Locken, die sich wie tausend kleine Schlangen um ihre Arme und Hände kräuselten, einflechten, um sich zur Ruhe zu legen, als an die Thür geklopft wurde. Beinah erschrak sie; das Alleinsein erschien ihr wie eine Wonne, sie fürchtete jedes Menschenantlitz heute. Dennoch öffnete sie.

Nein dies liebe, sanfte Gesichtchen mit den treuen, offenen Augen konnte sie nicht fürchten!

Ich bin Helo; Benette sagt mir eben, Papa wünsche, daß ich Dich noch begrüße, und ich thu' es so gern, liebe Maria, flüsterte fast befangen, aber mit unbeschreiblich einfacher Liebenswürdigkeit dies siebenzehnjährige Mädchen und huschte in das Zimmer, sich forschend nach allen Seiten umsehend.Du findest es hier gewiß sehr einfach, liebe Maria, aber Mama meinte, sie könne die Fremdenzimmer nicht entbehren und dann wenn es auch nicht so hübsch hier ist, wie Du es gewiß gewohnt bist wir wollen dennoch hier glücklich sein! Mama sagte, Du würdest nicht in der Stimmung sein, die Hofgesellschaften mitzumachen. Da dachte ich, es wäre Dir vielleicht nicht unlieb, wenn ich Dir zuweilen Gesell⸗ schaft leistete. Sieh, ich wohne hier neben Dir, die Zimmer sind ganz gleich und nicht gerade freundlich, aber wenn die Sonne scheint und bei Kerzenlicht geht es schon, und wenn wir später diese Mittel⸗ thür aufschließen lassen, so wird es uns gar nicht so eng und düster vorkommen.

Maria fand nichts zu antworten. Sie konnte nur immer voll Freude in das treuherzige, liebe Antlitz der jüngeren Kousine sehen, und ganz erleichtert gab sie ihre beide Hände und sagte sehr über⸗ zeugt:Du bist gut, Helo! Ich danke Dir von Herzen; wir wollen hier ganz zufrieden sein, und ich biete Dir ebenso ehrliche Freundschaft, wie ich sie in Deinen Augen sehe.

Helo von Isenreut war sehr einfach kostümirt und trotz ihrer schlanken Figur und ihrer Größe doch noch in den Kleidern der halberwachsenen Mädchen.