Ausgabe 
9.10.1887
 
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Du glaubst nicht, wie froh ich bin, wieder eine Gefährtin zu haben, plauderte Helo weiter.Seit meine Gouvernante, seit die lustige Miß Perny fort ist, saß ich fast jeden Abend allein. Mama und Elma gehen jeden Tag in Gesellschaft oder haben Besuch, und wenn der unangenehme Mensch, der Baron Glaustätt, da ist, oder dieser langweilige Assessor von Bollen, so bin ich doch nur zu sehr de trop und bleibe schon gern hier oben. Nicht wahr? Heute sind sie wieder da. Natürlich! Mama nimmt mit Engelsgeduld all dies fade Gerede hin und übersieht mit himmlischer Milde alle Kapriolen und Koketterien Elma's, denn Glaustätt ist eine sehr gute Partie, und Bollen's böse Zunge muß man in Dienst nehmen, sagt Elma. Na, und es ist auch Zeit, daß sie heirathet, man kann mich doch nicht ewig in der Kinderstube lassen! Diesen Winter werde ich achtzehn Jahre alt, Elma im Frühling zweiundzwanzig, und sie und Mama wollen mich durchaus nicht für erwachsen an. sehen. Dann fragte sie plötzlich:Wie alt bist Du, Maria?

Neunzehn!

Nicht älter? Armes Herz, wie Du bleich und angegriffen bist! Komm, setze Dich; ich flechte Dir Dein Haar; laß mich, bitte, Du siehst so müde und traurig aus. Ich weiß wohl, Ihr habt auch Grund, aber am Ende, Mia nicht wahr, so nennt Deine Mama Dich? es ist ja nur Geld und Gut, das Ihr verloren habt, das macht doch das Glück nicht aus. Mir ist es unbegreiflich, wie man davon so viel Wesens machen kann. Wenn ich Elma's schöne Kleider sehe, denke ich tausendmal: für das viele Geld hätte sie so viel Besseres haben können, oder: sie wäre in einem einfachen Kattunkleide doch eben so reizend. Grämst Du Dich, daß Du arm bist, Maria?

O ja, Helo, ich gräme mich sehr darum. Wir waren so reich, und zu Hause war ich, wie Elma hier, das Licht des Hauses; ich war gefeiert und verwöhnt wie sie. Das ist nun vorbei, Alles vorbei, und ich mußte von Mama gehen, um

Eine ihr selbst unklare Scheu hielt Maria zurück, zu sagen, daß sie nur gekommen sei, sich gut zu verheirathen. Seit Helo von Elma plauderte, kam ihr diese Absicht auf einmal nicht mehr so leicht ausführbar vor. Elma, die so schön war, strebte eben auch nach einer guten Partie und hatte sie in diesen drei Jahren nicht gefunden. Drei Jahre! Und die hier verlebt? Wie furchtbar er⸗ schien ihr der Gedanke. Wie unwürdig kam es ihr plötzlich vor, so gewissermaßen auf die Jagd zu gehen nach einem reichen Manne. Aber das that sie nicht nie und nimmermehr! Sie wollte sich nur finden lassen, wenn das Glück ihr die gute Partie ent⸗ gegenführte, die sie machen mußte, um nicht ferner von der Gnade Anderer abhängig zu sein. Und sie wollte dies thun nicht um ihret willen! Die Mutter, die arme Mutter, wollte sie ja dann zu sich nehmen.

So, liebe Maria, Du bist nun fertig! Hier ist das Nacht häubchen. Wie reizend Dich das kleidet! Du siehst aus wie eine traurige, schöne Carmeliterin, sie tragen ganz weiß, es fehlt Dir nur der hanfene Strick um die Taille und der Rosenkranz. Aber Nonne willst Du nicht werden, gelt? Ach, da lacht sie endlich einmal. Wie hübsch macht Dich dies Lachen. Komm, meine kleine Mia, jetzt leg Dich nieder; morgen früh weck ich Dich, und recht spät sollst Du aufstehen. Dann bist Du wieder muthig und frisch. Schlaf wohl, Maria, bete um ein frohes Herz!

Damit ging sie.

Ach, beten. Und um ein frohes Herz. Maria's Herz war so zentnerschwer, daß es nicht einmal die Kraft hatte, sich zum Beten aufzuschwingen; gleichwohl betete sie auch ohne Worte, wenn ein heißes Verlangen nach Gottes Hilfe so genannt werden kann. Wie undurchdringliche schwarze Wolken lag der Aufenthalt in diesem Hause vor ihr.

Eine Woche war seit Maria's Ankunft vergangen und sie hatte in dieser Zeit volle Muße gefunden, sich zu orientiren im Hause und den Familienverhältnissen des Grafen Bolko Muße genug, denn man ließ sie vollig gewähren. Unter den liebevollsten Worten der Gräfin und dem heiteren Geplauder Elma's, welche in der That des Morgens am Frühstückstische in ihrem Benehmen gegen den Gast nichts zu wünschen übrig ließen, lag vom ersten Augenblicke an die Annahme der Damen, daß Maria, in Anbetracht der traurigen, eben erst überstandenen Katastrophe in ihrem elterlichen Hause, über⸗

haupt gar nicht wünschen könne, an der Geselligkeit der beiden Damen theilzunehmen.

Maria fühlte vollkommen die Absicht in diesen Reden heraus; ihrem natürlichen Scharfsinne entging es nicht, daß man sie fern halten wollte von jeder derartigen Geselligkeit, aber sie war weit entfernt, zu glauben, die Tante fürchte, Elma eine Rivalin zu geben. Zu jeder anderen Zeit hätte es sie geschmerzt und bedrückt, sich so zurückgedrängt zu sehen, für jetzt war sie froh, so allein mit sich und Cousine Helo, deren natürliche, aus dem Herzen kommende Liebenswürdigkeit sich immer gleich blieb, zu sein. Sie hatte in der That eine solche Stille nöthiger, als die Gräfin dachte, um den Sturm in ihrem Innern, die Bitterkeit über ihr unverschuldetes Schicksal in sich zu überwinden. Und da war ihr Helo stets eine Trösterin, die allemal durch ihre einfachen, aufrichtigen Grundsätze, die nichts Erlerntes, sondern immer nur Selbstempfundenes waren, die neu aufquellende Bitterkeit zu lösen wußte.

Ich könnte so reich sein. Großpapa war es, Mama war die reichste Erbin im Lande! darauf kam sie immer zurück.

Und wenn Du's nun wärest? Hat denn der Reichthum Deine arme Mutter glücklich gemacht? fragte Helo dagegen.

O, wäre ich reich! sagte ein anderes Mal Maria.

Und wenn Du Berge versetzen und mit Engelzungen reden könntest und hättest der Liebe nicht. Wie? antwortete Helo.

Als Maria den ersten Brief an ihre Mutter schrieb, einen langen Brief voll Liebe und Sehnsucht, da weinte sie. Helo trat zufällig herein und erkannte sofort den Grund dieser Thränen.

Ich lerne einen Vers, Maria, er paßt für Dich auch, sagte sie:

Lerne Dich bescheiden, dann was auch schiede, Es bleibt Dir der Friede!

Und in all' diesem Reden und Thun war eine Schlichtheit und eine Wahrheit, daß sie damit allein sofort überzeugte. Nie war Maria eine ähnliche Mädchennatur vorgekommen.

Sie schloß sich an die jüngere Gefährtin mit einer beinahe leiden⸗ schaftlichen Liebe und Hingebung an, und diese Liebe war es, welche Maria das Leben hier ertragen und nach und nach immer leichter werden ließ.

Nur in einer Hinsicht mußte Maria ihr Vertrauen beschränken. Helo hatte offenbar keine Ahnung von der Falschheit und Heuchelei der Mutter und Elma's; sie aber sah mit der vollsten Klarheit jeden neuen Schachzug und die Absicht, die man dabei hatte. Und diese Absicht war so demüthigend, so verletzend.

(Fortsetzung folgt.)

Noch nicht verloren. Novelle von Hermann Birkenfeld.

Morgen! Morgen! Und dabei wollen Sie nur ein paar Tage hier bleiben!

Ich habe ja das gerichtliche Inventarium, Rahdebrok.

Rahdebrok nahm ärgerlich eine Prise aus seiner großen Dose. Dann sauste diese eine ganze Strecke weit über den unbedeckten, glatten Tisch des Komptoirs. f

Das Inventarium! Das ist garnichts. Ich kann doch die Prokura, die mir das Gericht gelassen hat, nicht ewig auf eigene Faust weiter führen! Sie müssen doch wissen, wie es im Geschäft aussieht, Einsicht in die Bücher nehmen!

Der weißhaarige kleine Mann schritt entschlossen auf eine Stuben⸗ ecke zu und schickte sich an, dem kleinen Kassenschrank einen ziemlichen Stoß Geschäftsbücher zu entnehmen.

Abwehrend aber streckte der Jüngere die Hand aus.

ich bin wahrhaftig satt von lauter Geschäften.

den Schlüssel aus dem Schrank zog. Hm! Ist auch was! Wie Sie wollen Sie sind der Herr. Jetzt lächelte der junge Mann zum ersten Male. Aber trüb', ee als legte sich zugleich ein daͤmmerhafter Schleier über seine ugen.

daß ich Mühe habe, mich zu ruhigem Ueberlegen zu sammeln.

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Nein, nein! Ich weiß ja, das ist Alles in Ordnung. Und 5

Rahdebrok bewegte nachdenklich den Kopf, als er leise seufzend.

Seien Sie nicht bös mit mir, Vater Rahdebrok! sprach er 1 mit Wärme.In letzter Zeit ist so Manches auf mich eingestürmt, 1