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Mann,“ sagte Maria düster, aber als verstände sich das ganz von selbst, und als sie dann den beinahe erschrocken fragenden Blick der Mutter sah, fügte sie eben so ruhig und gefaßt hinzu:„Ich saß draußen, Mama, und hörte, was Du mit dem Großonkel sprachest!“
„Wir werden Dich sehr vermissen, Mia, aber wenn ich denken müßte, daß Du nur so willig gehst, wie es jetzt scheint, weil Du glaubst, uns ein Opfer zu bringen—“
„Nein, nein, Mama, rede nicht davon!— Ich will nicht, daß von einem Opfer dabei geredet werde!“— Maria dachte an das Opfer, das ihr Vater zu bringen vorgab.—„Ich bin arm, ohne alle Aussichten, ich werde froh sein, eine gute Partie zu machen!“
So überrascht die Baronin von dieser ungewohnten„Verständig⸗ keit“ Marias war, so traute sie dennoch derselben nicht recht, dachte, sie wolle die Mutter nicht ahnen lassen, wie schwer ihr das Fort⸗ gehen mit dem„Onkel Zeus“— wie oft hatte Maria ihn so ge⸗ nannt?— werde.
„Und wenn ich ganz absehe von dieser Hoffnung, Mia, denn Du sollst nicht einen so folgenschweren Schritt wie eine Heirath thun, ohne Deinen zukünftigen Gemahl von ganzem Herzen volles Vertrauen und volle Liebe entgegen zu bringen,— so wird es mich doch glücklich machen, Dich dort zu wissen, wo Dir Freude und Lebensgenuß winken!“ sagte sie.
„Ach, Mama, Freude und Lebensgenuß?!“ Es klang solche Freublosigkeit, solches bitteres Herzensweh aus den Worten, und die großen Augen Marias füllten sich mit schweren Thränen.—
Es war eine anstrengende, peinvolle Reise, die Maria an der Seite des schweigsamen Onkels in die Residenz führte.— Er saß ihr gegenüber und schien, ganz in seinen Pelz vergraben, über seine Geschäfte nachzudenken, denn zuweilen nahm er sein Notizbuch, schrieb einige Worte hinein und versank dann wieder in sein Grübeln. Unterdeß dachte sie zum ersten Male im Leben darüber nach, wie hochgeehrt und hochangesehen ihr Onkel war. An ihm war Alles „Ehre, Rechtschaffenheit, Pünktlichkeit, Pflichttreue“ im höchsten Sinne; kein noch so leiser Tadel fiel auf ihn oder die Seinigen, die gräflich Isenreutsche Familie war eine der vornehmsten und geachtetsten unter dem Adel des Landes.— Und— was war ihr Vater und was war sie— sein Kind?
Es war sehr kalt geworden, und Graf Bolko sorgte in der aufmerksamsten Weise für erwärmende Erfrischungen; er ließ durch seinen Kammerdiener die große Pelzdecke bringen, die er selbst zurück⸗ gewiesen hatte, und hüllte Maria hinein, er fragte sie nach ihren Wünschen, kurz: er benahm sich auf seine Weise so liebenswürdig wie möglich, und dennoch kam es Maria vor, als wachse der unsichtbare Wall von Eis, mit dem er umgeben schien, höher und höher, und seine Kälte sei es, die sie immer mehr frieren und erstarren mache. Zudem kannte sie Niemand von den Seinen! Würde sie willkommen sein? Baronin Valerie hatte niemals Grund gehabt, sehr liebevoll für ihre Schwägerin zu empfinden, und, ohne es zu wollen, ihre Gefühle auf die Tochter übertragen.
„Arme Verwandte müssen sich ducken und schmiegen,“ sagte sich Maria herbe, wie es jetzt plötzlich all- ihr Denken war,„ich werde mein Bestes thun, und dann— wenn ich mich ver⸗ heirathe, dann nehme ich Mama zu mir, und sie soll fühlen, daß es noch Glück giebt. Auch Papa soll uns besuchen, das wird der Onkel ihm doch gestatten! Am liebsten bezahle ich Alles für ihn und mache ihn frei! Er würde dann nicht bei mir bleiben wollen und seine Freiheit vorziehen. Armer Papa! Er kann nicht so hart getadelt werden, er büßt seine Irrthümer mit lebenslanger Gefangen⸗ schaft! Ich möchte wissen, ob Onkel Bolko im Stande wäre, Irrthümer zu begehen? Und ob er wohl Fehler hat? Er hält sich selbst gewiß für den Mann ohne menschliche Schwächen; er ist vom Wirbel bis zur Zehe der Onkel Zeus.“ Maria mußte über den eigenen Einfall lächeln. Derselbe datirte aus ihrer Kindheit und hatte damals ihre Eltern sehr amüsirt. Das scharfe Auge des Kindes hatte die würde⸗ volle, selbstbewußte Weise des Grafen damit haarscharf gezeichnet.
Er hatte dieses Lächeln gesehen und beugte sich plötzlich zu ihr herüber und sagte:
„Gottlob, daß Du einmal lächelst, Kind, mein energischer Ein⸗ griff in das Dir zustehende Recht der Selbstbestimmung fing an, mich sehr zu gereuen; ich fürchtete schon, Du sähest in mir einen Despoten.“
„Ich sollte wohl dankbar sein, Onkel, ich erkenne es auch, was Du für uns gethan, und möchte es gern zeigen, aber es ist dies Alles so hart, so überraschend an mich herangetreten; ich fühle mich herausgerissen aus Allem, was ich bisher für meine Berechtigung ansah, und nun wie in der Irre,“ sagte sie leise und aufrichtig bemüht, sich zu entschuldigen, denn sie erkannte plötzlich, daß sie sich benommen habe wie ein störrisches Kind.
„Das habe ich wohl gesehen; ich hoffe, Du wirst lernen, Ver⸗ trauen zu mir zu fassen! Ich kann mir denken, daß Du innerlich sehr leidest, aber Du hättest zu Haus noch viel mehr und länger 8 leiden müssen; ich glaube es wenigstens und dachte Dein Bestes zu fördern!“ Seine gewohnte Würde und Grandezza verließ ihn auch jetzt nicht, aber es klang aus jedem Wort aufrichtiges Wohlwollen.
Mit der vollen Eindrucksfähigkeit der Jugend fühlte Maria sich wie von einem Bann erlöst, und— zum ersten Male sagte sie sich wie einen Trost vor, daß Onno neben ihr sein würde in ihrer Vereinsamung.
Im Ganzen stand dieser einzige Bruder dem jungen Mädchen bis jetzt fern und fremd gegenüber.
Im Kadettenhause aufgewachsen, ehrgeizig, energisch und fleißig hatte der Sohn durchaus kein Verständniß für des Vaters Schwächen, dagegen aber eine leidenschaftliche Liebe zu der Mutter, welche ihn dem Vater schroff gegenüber stellte.— Häufige Differenzen mit diesem und die vielen, langen Reisen, die Maria mit den Eltern in das Ausland führten, waren die Ursache, daß der Sohn die Eltern nur selten gesehen hatte und diese seltenen Male hatten ihn der damals noch unentwickelten, stummen und zurückhaltenden Schwester nicht näher gebracht. Er fand sie unschön mit ihrem überschlanken Wuchs, ihren mageren, langen Armen und dem altklugen Blick. Jetzt waren drei Jahre seitdem vergangen, wovon Maria die Hälfte in einer berühmten vornehmen Pension zugebracht. Bisher hatte sie den Bruder selten vermißt, jetzt fragte sie sich bang, wie er das Unglück tragen werde und sehnte sich nach ihm wie nach der einzigen Stütze, die sich so in den neuen fremden Verhältnissen bot.
Endlich hielt der Zug, es war 9 Ubr Abends. Die gräfliche Equipage wartete schon; Maria kam sich in dem Drängen und Treiben des Menschengewoges plötzlich wieder allein und verlassen vor, und die Scheu vor dem Eintritt in die ganz neuen Verhältnisse erwachte stärker wie je.
Aber zum Besinnen war keine Zeit; der Wagen, in welchem sie jetzt saßen, fuhr durch ein offenes Thor in einen hellerleuchteten Hof, sie wurde herausgehoben, eine Treppe hinangeführt, und dann plötzlich sah sie sich in einem hellen, freundlichen Salon, dessen behagliche Wärme ihr sehr wohl that. In der Mitte desselben stand ein reich besetzter Theetisch, und bei ihrem Eintritt erhob sich eine kleine Gesellschaft von fünf Personen, die den Grafen lebhaft begrüßte.
Es waren drei Damen und zwei Herren, die letzteren junge, elegante Männer, während die drei Damen die drei Zeitalter zu repräsentiren völlig geeignet schienen. Die Aelteste, eine lange, magere Gestalt, wurde von dem Grafen nach flüchtiger Begrüßung seiner Gemahlin als Baronin Lautenberg in verbindlichster Weise angeredet; sie mußte schon hoch in Jahren sein, nach dem von tausend Runzeln und Fältchen durchfurchten Gesicht und dem pergamentartigen Teint zu urtheilen, aber die großen, falkenartigen Augen von dunkler Farbe, welche mit langsamen, aber unglaublich festen Blicken Alles zu erfassen, Alles zu ergründen und zu durch ⸗ bohren schienen, verriethen nichts von den Schwächen und der Apathie des Alters, sondern im Gegentheil eine fast jugendliche Kraft.
Die Gräfin Paula hatte eine gewisse Aehnlichkeit mit dieser Schwester ihrer verstorbenen Mutter, aber wenn ihre Augen auch eine ähnliche Schärfe des Blickes gelegentlich zu haben schienen, so waren sie doch meist von einem sanften, gütigen Lächeln überglänzt, welches dem leisen, weichen Ton und der gemüthvollen Rede der Gräfin entsprach. Sie war eine noch sehr schöne, vornehme Er⸗ scheinung, und ihre Art, sich zu kleiden— sie trug mit Vorliebe nur dunkle Stoffe— hob die Frische und Feinheit ihres Teints und den Glanz ihrer Augen noch mehr hervor. Gräfin Paula war eine entzückende Frau— so lautete das einstimmige Urtheil der Gesellschaft, und die Gräfin legte hohen Werth darauf.— Elma, die einundzwanzigjährige Tochter, schien in ihrer Zierlichkeit und
Pikanterie das strikte Gegentheil der Mutter. Ihr feines, reizendes g


