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zu den
Oberhessischen Uachrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Nr. 4l.
Gießen, den 9. Oktober.
Eine gute Vartie.
Roman von L. Haidheim. (Fortsetzung)
Die Beiden drinnen im Zimmer hatten weiter gesprochen, Maria, fast ohne es zu wissen, gelauscht, denn jedes Wort, das ste dort redeten, regte eine wahre Fluth von bisher nie gekannten Gedanken in ihr an. Eine gute Partie machen, das war der Ausweg aus diesem Elend! Aber in des Onkels Bolko Hause leben, seine olympische Ruhe oder das zürnende Runzeln seiner Zeusstirn täglich sehen müssen!
Eine stürmische, fieberhafte Sehnsucht nach Leben brach in dem Mädchenherzen hervor.„Ich muß leben, ich will glücklich sein!“ rief es in ihr, und ungesagt, aber klar gedacht stand noch über diesem plötzlich aufglühenden Verlangen„die gute Partie“. Heirathen, einen reichen vornehmen Mann, sehr reich, sehr vornehm, so mußte es sein, daß er edel, gut, schön und liebenswürdig sein müsse, das ver⸗ stand sich ganz von selbst, deshalb hielt sich der junge, stürmische Sinn gar nicht auf bei solchen berechtigten Ansprüchen. Es war ihr, als sei sie aus brandenden Wasserwogen plötzlich gerettet, als sei die Hilfe aus aller Noth gefunden.
Und die Mama wollte froh sein, sie gehen zu lafsen! Wie ein Aufathmen, wie die Befreiung von einem Alpdruck war es Maria von Hooglander. Sie stand hoch aufgerichtet, die zitternde Hand auf die Stuhllehne gestützt und sah, selber unbemerkt, wie Martin Hooglander ihre Mutter, die sich erhoben hatte, begrüßte und wie dazwischen ihr Vater mit der Miene eines Wohlthäters sagte:„Ich sehe, liebe Valerie, Du weißt Alles. Guten Morgen, liebes Herz,
ich hoffe, Du bist nun ruhiger und regst Dich nicht mehr auf. Wie
Du blaß bist, armes Kind. Nun sei wieder vergnügt, thue es mir zu Liebe, ich habe das Opfer, das mußt Du zugestehen, Valerie, es ist ein Opfer! gebracht um Deinet⸗ und Mia's willen! Bolko war aber nicht anders zufrieden zu stellen, und wir müssen uns nun einbilden, wir lebten wieder in den Flitterwochen und wollten keinen Menschen weiter sehen. Es wird das reine Idyll werden, ein wenig einförmig vielleicht, aber das ist ja eine berechtigte Eigen⸗ thümlichkeit der Idyllen und dann:„'s ist nichts so schlimm, als man wohl denkt, wenn man's nur recht erfaßt und lenkt!“ trällerte er und stellte sich händereibend mit dem zufriedensten Lächeln von der Welt an den Kamin.
Die Baronin war gluthroth geworden unter den Reden ihres Gemahls. Nichts hätte sie tiefer demüthigen können vor den Ver⸗ wandten ihres Vaters als diese Würdelosigkeit, diese zynische Un⸗ empfindlichkeit ihres Gatten. f
Maria begriff ihren Vater nicht! Sie hörte, daß er von einem Opfer redete, welches er gebracht haben wollte, aber sie glaubte nicht an ein solches. Sie sah ihn lächeln, und ihr ganzes Herz empörte sich instinktiv gegen dieses Lächeln. Warum? Sie wußte es nicht klar, aber sie fühlte bestimmt, daß der Baron Hooglander⸗Isenreut heute keine Ursache hatte, so wohlwollend und behaglich auszusehen.
Gestern Abend hatte sie ihren Vater zu seinem älteren Bruder sagen hören:„So wenig wie Du berechtigter Weise von einem Vogel verlangen kannst, daß er auf vier Beinen gehe, so wenig kannst Du mich tadeln, daß ich so bin, wie die Natur mich gemacht hat. Kein Mensch kann über sich hinaus; ich prätendire das auch weder von mir, noch Anderen und bin somit gerechter als Du, der immer von Gerechtigkeit redet.“
Eine ähnliche Ausrede hatte sie tausendmal von ihrem Papa gehört.„Das darfst Du von mir nicht verlangen, ich kann das einmal nicht!“ Das war allemal die Antwort auf irgend einen Anspruch, und wenn sich Maria jetzt besann, so mußte sie sich sagen, daß die Mama und alle Welt sich gewöhnt zu haben schienen, über⸗ haupt nichts von ihrem Vater zu verlangen. Und als vor zehn Jahren lediglich durch seine Schuld ein werthvolles Dokument ver⸗ loren gegangen war, wodurch der Prozeß um die Herrschaft Ehrstein für sie hätte gewonnen werden müssen, da war er es, der alle Andern beschuldigte, ihre Pflicht nicht gethan zu haben, sich selbst aber nur ein Opfer seiner mangelnden Begabung nannte.
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„Maria! komm herein, ich sah Dich dort stehen! Du bist ja ganz kalt, Kind!“ sagte die Baronin, als die Herren auf die Meldung des Dieners sich in den Speisesaal begeben hatten. Die Damen am heutigen Tage zu dispensiren, war eine Bitte der Baronin, die gar keinen Einwand gestattete, Mutter und Tochter blieben also allein.
„Es ist nun Alles entschieden, Mia,“ fuhr die Baronin fort, als die Tochter, jetzt wieder blaß und ernst aussehend, sich neben der Chaiselongue niederkauerte,„es ist Alles festgestellt, und wenn wir auch ganz arm sind, so werden wir durch die Güte von Onkel Hooglander und Graf Bolko doch vor Lebenssorgen bewahrt sein.“
Sie erklärte so schonend wie möglich die Sachlage; Maria hörte
aufmerksam zu, und immer unverständlicher wurde ihr des Vaters Gönnermiene, seine fast vergnügliche Stimmung. Es war ihr, als hätte sie heute zum ersten Male entdeckt, daß er eine Maske trüge. — Ein Frösteln überlief sie; sie hatte hinter derselben ein Antlitz bemerkt, das sie schaudern machte. Die Liebe des Kindes zum Vater war wie eine Pflanze, die von einem glühenden Eisen berührt wird: versengt, entfärbt und verkrüppelt steht sie da, in den Wurzeln noch die alte Triebkraft, aber für lange, lange Zeit, vielleicht für immer, zu fröhlichem Grünen und Wachsen unfähig.
„Und Du fragst nicht, was mit Dir werden soll, Maria?“ sagte leise die Mutter, als das Mädchen in düsterem Schweigen, neben ihr kniend, vor sich hinsah und keine Sylbe antwortete.
„Ich gehe mit Onkel Bolko, Mama, und heirathe einen reichen
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