Ausgabe 
9.1.1887
 
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11 W.

Die oftmalige Abwesenheit wäre aber bereits ein Fehler.

Der Deinem Peter bis jetzt nicht vorzuwerfen ist, denn er kommt täglich zweimal.

Suchen wir also weiter! drängte Lucie.

Bertha legte das feine Fingerchen an die Nase.

Ja, wenn es Herr Schneider wäre, meinte sie dann,bei Damen wäre der Fehler leichter zu finden.

Das nahm der aber übel.

Aber, ich bitte Sie! rief er ärgerlich;wie können Sie das so gerade heraussagen?

Da haben wir gleich einen, notirte die junge Frau,also Nummer eins. Sie werden heftig und wüthend, ich bin überzeugt, daß Sie auch eifersüchtig sein könnten.

Das will ich nicht in Abrede stellen, war die Antwort,wenn man einen spanischen Namen hat.

Aha! also Fehler Nummer zwei! man muß bei den Männern nur anklopfen, dann fallen die Fehler wie die Aepfel vom Baume. Natürlich spielen Sie auch, rauchen viel, und was Sie sonst noch Alles machen mögen!

Schneider senkte verschämt den Blick, so etwas hören die Herren eigentlich gern, selbst auf die Gefahr hin, daß es ihnen schaden könnte.

Von Ihren galanten Abenteuern spricht die ganze Stadt! fuhr die grausame Bertha fort.

Das hatte wieder getroffen. Der alte Herr wackelte, halb albern, halb eitel, mit dem Oberkörper.

Man übertreibt, gnädige Frau, sagte er, mit einem Seiten⸗ blick auf Lucie,man greift aus der Luft, vielleicht früher einmal, ein kleines Verhältniß.

Oh! oh! triumphirte die Armfeld.Fehler Nummer drei, Eitelkeit! Die Mißgunst kennen wir schon.

Schneider nahm aus Verlegenheit einen Bonbon aus der Düte und steckte ihn in den Mund.

Nun sind sie gar nicht mehr zu zählen! klang es im hellen Jubel,also auch ein Näscher, Leckermaul! Sie bringen uns Bonbons und verzehren sie allein, das ist reizend!

Lucie hatte bisher ernst nachgedacht.

Wenn Ihr die Zeit mit Schwatzen hinbringt, tadelte sie,dann werdet Ihr allerdings nichts finden.

Richtig! ein Schwätzer ist er auch noch! rief die Armfeld.

Ich habe eine Idee! rief Schneider,wenn wir noch einmal an die Generalin schrieben?

Das geht nicht, wies Lucie ab,da sie morgen nach Peters burg reist, würde sie den Brief gar nicht mehr erhalten.

Dann telegraphiren wir, verbesserte der alte Herr,in einer halben Stunde haben wir die Antwort.

Lucie zeigte sich einverstanden damit, doch Bertha trug Bedenken. Zwei Frauen von Geist sollten sich nicht die Fähigkeit zutrauen, einen Fehler an einem jungen Mann zu finden, der noch obenein verliebt ist? Zuletzt gab sie aber dennoch nach. Mochte Herr Schneider telegraphiren, so viel er wollte, die Sache der Damen sollte es da gegen sein, zum Ziel zu kommen, ehe die Rückantwort eingelaufen. Da war allerdings keine Zeit zu verlieren, deshalb machte sich Pedro sofort an die Arbeit, nahm sein Notizbuch heraus und entwarf die Depesche:Brief empfangen, Wort lädirt, Fehler unbekannt, welcher, Fragezeichen, erwarte Antwort bei Lucie. Bitte um Vergebung, daß ich Sie nicht gnädige Frau titulirt habe; aber das steigert unnütz die Kosten.

Geizig sind Sie also auch noch? unterbrach Bertha.

Schneider ließ sich dadurch nicht stören, sondern schrieb die Adresse: An die Generalin von Krackwitz in Königsberg(Ostpreußen). Dann stand er auf, nahm den Hut, vergaß den Stock, empfahl sich eiligst und stürzte auf's Telegraphenbureau.

Als die beiden Frauen allein waren, gingen sie auch sofort an den Entwurf ihres Feldzugsplans. Lucie machte den ersten Vor⸗ schlag: Sie wollten ihm im Lauf der Unterhaltung auf den Zahn fühlen, ihm Gewissensfragen vorlegen, doch Bertha verwarf das Mittel als schlecht und glaubte durch Ueberraschung besser den Zweck zu erreichen, es kam nur darauf an, die geeigneten Fälle zu finden, sie dachte eine Minute nach, da hatte sie schon etwas. Schreibe einmal Deinen Namen und Adresse auf dies Couvert, sagte sie, der Freundin ein solches zuschiebend und ihr eine Feder in die Hand gebend.Du kannst unbesorgt sein, ich stehe für Alles.

Als die Arbeit gethan war, faltete Bertha einen leeren Bogen, steckte ihn in das Couvert und klebte es zu. Dann klingelte sie dem Diener und gab ihm den Brief.Fünf Minuten nach Eintritt des Herrn von Lüburg übergeben Sie dies Schreiben Ihrer Herrin mit dem Bemerken, daß der Diener des Grafen Busow es gebracht.

Weshalb vom Grafen Busow? fragte Lucie, als Johann ge gangen.Du weißt doch, daß er mir etwas den Hof macht.

Eben deshalb, liebes Kind, Herr von Lüburg ist vielleicht eifer⸗ süchtig. Dadurch werden wir es erfahren. Dann muß feine Galanterie auf die Probe gestellt werden; zu diesem Kunststück müßtest Du mich aber mit ihm allein lassen.

Lucie blickte sie fragend an.

Nun! folgte sofort die Erklärung,es könnte ja doch sein, daß er warm würde.

Doch davon wollte Lucie nichts wissen, sondern erhob lebhaften Einspruch, bis die Freundin das Projekt fallen ließ. Ihr konnte es ja gleich sein; wenn sie's nicht wissen wollte, war das lediglich ihre Sache. Bertha kam aber sofort auf etwas anderes, indem sie sich mit den Zündhölzchen beschäftigte.

Was machst Du denn da? fragte die Wittwe.

Du siehst es ja, ich mache die Streichhölzer naß, es könnte doch kommen, daß wir uns etwas anzünden lassen wollten.

Während der Heiterkeit, die hieraus entstand, trat ein schöner, junger Mann ins Zimmer.

So lustig, meine Damen? sagte er,habe die Ehre, einen guten Morgen zu wünschen.

Dann legte er ohne Aufforderung ab. Der Angriffsplan der beiden Verbündeten wurde sofort in's Werk gesetzt.

Guten Morgen, Herr von Lüburg! erwiderte Lucie den Gruß. Sie sehen ja heut' so hübsch aus.

Ja, das finde ich auch! stimmte die Freundin ein.

Woher kommen Sie denn eigentlich in dem Staat? fuhr Erstere fort.

Ich komme aus der Kirche, war die Antwort,und zwar von einer Hochzeit. Dann setzte er sich, ohne daß es ihm erlaubt worden war. Das Fragen nahm ungestört seinen Fortgang.

Wen haben Sie denn verheirathet? kam Lucie zuerst.

Einen Freund von mir, den kleinen Baron Spiegel.

Und mit wem, wenn man fragen darf?

Mit 600,000 ehrlichen Mark.

Hm! Und sind diese 600,000 Mark wenigstens hübsch?

Das kommt auf den Geschmack an; sie schielen ein wenig und haben rothes Haar.

Sie gehören also ohne Zweifel zu den Hochzeitsgästen?

Leider, meine gnädige Frau!

Weshalb dazu die Trauermiene?

Sie sehen ja aus, als wenn Sie zum Begräbniß müßten.

Herr von Lüburg zog die Handschuhe aus.

Es gäbe vielleicht ein Mittel, sich davon zu dispensiren, sagte er.

Aber weshalb denn? Sie werden ein trefflich Diner haben.

Was ich mir daraus mache!

Die beiden Freundinnen wechselten einen schnellen, verstohlenen Blick. Dann ging das Examen aber mit ungeschwächten Kräften weiter. N

Sie haben abgelehnt? fragte Lucie.

Dann ging es, ohne die Entgegnung abzuwarten, im schnellen Tempo weiter.

Das wäre doch aber eine Gelegenheit gewesen, um gut zu essen.

Und zu trinken.

Grade jetzt, wo es so schönes Wildpret giebt.

Und so herrliche Fische!

Und so köstliches Obst!

Und Gemüse aller Art!

Und Trüffeln, mögen Sie Trüffeln?

Mit Champagner befeuchtet.

Herr von Lüburg hatte während des gegen ihn anrasenden Sturmes ruhig dagesessen und von der Einen auf die Andere geblickt.

Aber, meine Damen, sagte er endlich, als eine kleine Pause entstand,Sie sind ja außerordentlich gourmand.

Lucie warf Bertha einen vielsagenden Blick zu. Der erste Anlauf war abgeschlagen, bei der Nennung von allen den Leckerbissen hatte der junge Mann nicht eine Miene verzogen, der Fehler der Fein schmeckerei war ihm also wohl keinenfalls vorzuwerfen. Jetzt trat