Ausgabe 
9.1.1887
 
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O, bitte! legte sich aber jetzt der alte Herr in's Mittel,so weit sind wir noch lange nicht, und so weit kommen wir auch nicht. Diese Hochzeit soll und darf nicht stattfinden, so wahr ich

Da knarrte eine Thür und ließ ihn seine Rodomontade nicht zu Ende bringen.

Lucie! sagte die junge Frau, und Beide standen auf.

Die reizendste junge Wittwe, die man sehen konnte, frisch, heiter, neckisch, mit einem Wort, zum Anbeißen.

Bitte, wollen die Herrschaften aber nicht Platz behalten, sagte sie, der Freundin die Hand gebend und dem Freund zunickend; wie geht's Ihnen denn, Herr Schneider?

Statt der Antwort nahm dieser die Düte, die er vorhin auf den Tisch gelegt und präsentirte sie der Angebeteten seines Herzens. Darf ich mir erlauben, schöne Frau?

Diese pellte mit ihren zarten Fingerchen das zusammengekniffte Papier auseinander, blickte hinein und offerirte dann zuerst der Freundin, die aber dankte. Lucie nahm selbst einen Bonbon und schmollte dann ein wenig dem freundlichen Geber:Immer noch Thorheiten, lieber Pathe. Sie sollen sich ja meinetwegen nicht in Unkosten setzen.

Mit den Worten legte sie die Düte wieder aus der Hand; doch Schneider schien mit der Aufnahme seines Geschenks nicht ganz ein verstanden.

Ihr Pathe? wiederholte er,ich bin ja garnicht Ihr Pathe!

Weshalb denn nicht? Wenn Sie Peter's Pathe sind, und Peter mein Gatte wird oder widersetzen Sie sich noch immer?

Mit allen meinen Kräften! war die energische Antwort. Peter ist mein Pathe und mein Mündel zu gleicher Zeit, ich werde alle mir zu Gebote stehenden Mittel anwenden, ich werde mein Ver mögen durchbringen, er ist mein Erbe, ich kann ihn enterben.

Seien Sie doch logisch! sagte Frau von Wildenberg, sich zu der Freundin auf's Sopha setzend, während Schneider wieder in seinen Fauteuil sank;wenn Sie Ihr Vermögen durchgebracht haben, hilft Ihnen ja das Enterben nichts mehr.

Der alte Herr war aber nun mal im Eifer, er steigerte noch. Gut! krähte er,dann werde ich mich verheirathen, ich werde Kinder bekommen, was glauben Sie denn? wiederholte er, als die Armfeld lachte,ich werde gewiß Kinder bekommen.

Wie reizend! scherzte die junge Wittwe,dann können sie mit den Unsrigen spielen, später verheirathen wir sie mit einander.

Der Frau war nicht beizukommen. Schneider rüstete daher ab und schlug einen anderen Ton an.

Die Drohungen halfen da ja nichts, ihr Liebreiz entwaffnete ihn gleich wieder, auf Alles hatte sie eine Antwort. Herr Schneider besann sich eine Weile, ehe er wieder anfing.

Sie lieben also den Schlingel wirklich? fragte er.

Gewiß!... Verdient er das nicht in vollem Maße?

Der alte Herr zuckte lächelnd die Achseln.

Der äußere Anschein ist oft trügerisch! gab er darauf.

Was wollen Sie damit sagen, Herr Schneider?

Der Ton hatte etwes Ernstes gehabt, und Frau von Armfeld glaubte, sich deshalb einmischen zu müssen... ein wirkliches Ueber werfen mußte doch unter allen Umständen verhindert werden.

Sagen Sie es doch offen heraus, wandte sie sich deshalb an den Projektenmacher,was haben Sie denn Ihrem Pathen vorzuwerfen?

Verläumden wollte Schneider ja nicht... aber es war doch eben alles möglich, und diesen Möglichkeiten nachzuforschen, konnte ihm nicht verdacht werden... Jeder ist sich selbst doch am Ende der Nächste...

Persönlich ist mir Peter erst seit einem Jahre bekannt, ant wortete er deshalb,und innerhalb dieser Zeit hat er freilich nichts gethan, was mich berechtigen könnte, eine schlechte Meinung von ihm zu haben. Aber, ehe er nach Berlin kam, hat er seine Jugend in Königsberg verlebt. Wer kann wissen, was er da gemacht hat! Seine Tante, die verwittwete Generalin von Krackwitz, könnte gewiß interessante Mittheilungen darüber machen, wenn sie wollte...

Weshalb sollte sie das nicht wollen? fragte Lucie, als Schneider schwieg und vor sich hinlächelte;sie wird unter allen Umständen sprechen, wenn es gilt, mir einen Liebesdienst zu erweisen. Die Sache ist übrigens schon eingeleitet und kann jeden Augenblick zum Austrag kommen. Ich habe nämlich der Tante meine Verbindung mit Peter augezeigt, und sie zu gleicher Zeit um ihr ganz auf richtiges Urtheil über den zukünftigen Gatten gebeten... natürlich

pro forma; denn ich weiß ja im Voraus, wie die Zensur lauten Wii

In dem Moment trat der Diener ein, überreichte einen Brief und ging dann wieder.

Sollte das vielleicht schon die Antwort sein? fuhr Lucie fort, wahrhaftig, Poststempel Königsberg, dann zerriß sie das Kouvert und faltete das Papier auseinander...Du erlaubst doch, liebe Bertha?

Diese machte ein zustimmendes Zeichen, und Schneider brannte sichtbar vor Neugier. Luciens Finger zitterten ebenfalls vor Un geduld... wer weiß, was sie da alles zu hören bekam... aber Muth!

Sie reis't zu ihren Verwandten nach Petersburg, sagte sie während des Lesens,und kann deshalb meiner Hochzeit nicht bei wohnen... schon morgen soll aufgebrochen werden... nun spricht sie über Peter, den sie seit seiner Geburt auf das Genaueste kennt... welches Lob sie ihm spendet, die gute Generalin!...

Lies doch einmal die betreffende Stelle, sagte Bertha.

Frau von Wildenberg, die schon ein Stück weiter gewesen war, ging auf dieselbe zurück:

Mit einem Wort, ich kenne nur einen Fehler an ihm.

Hier stotterte sie.

Welchen denn? fragte Bertha ungeduldig.

Er if

Abermaliges Stottern.

Er ist! drängte die Freundin,nun, was ist er denn?

Ich kann das Wort nicht lesen, war Lucien's Entgegnung, ich bin schon darüber hinweggegangen, beim Zerreißen des Kouverts ist die Stelle lädirt worden.

Schneider und Bertha machten lange Hälse, um in den Brief hineinzusehen; die Freundin hielt ihn in das günstigste Licht; aber es war unmöglich. Nur ein einziges Wort von Wichtigkeit stand in dem ganzen Brief und dieses eine Wort war nicht zu lesen.

Lies doch weiter, rieth die Armfeld;vielleicht wird es in der Folge klar.

Lucie fuhr fort:Ich weiß sehr gut, daß dieser Fehler eigentlich gar nicht als Fehler zu rechnen ist, weiß auch, daß viele Frauen den Wunsch hegen würden, ihre Männer möchten meinem Neffen ähnlich sein; dabei kann ich mir aber nicht verschweigen, daß jener vorerwähnte Fehler gewissen Naturen gegenüber eine schwere, wenn nicht unverzeihliche Ahndung finden würde. Uebrigens wirst Du bei Deiner längeren Bekanntschaft mit Peter diesen enormen Fehler wahrscheinlich bereits entdeckt haben und mir Recht geben, wenn ich behaupte, daß mein Neffe gerade so ist, wie ich ihn Dir geschildert habe. Weiter steht nichts über Herrn von Lüburg darin.

Nach dem Vorlesen des Briefes entstand eine kleine Pause.

Jedenfalls sehr gütig von der Generalin, begann Schneider dann wieder die Unterhaltung,daß sie dem lieben Pathen nur einen Fehler zuspricht.

Wenn man Sie gefragt hätte, unterbrach ihn Lucie heftig, würden Sie ihm allerdings eine ganze Menge beigelegt haben, aber ich kann nicht in dieser Ungewißheit bleiben, Peter hat einen Fehler, sogar einen enormen Fehler, der gewissen Naturen gegenüber schwere, wenn nicht unverzeihliche Ahndung finden würde.

Herr Schneider! wandte sie sich direkt an diesen,Sie müssen wissen, was das für ein Fehler ist.

Der alte Herr zuckte mitleidig die Achseln.

Sie sagten soeben selbst, daß ich ihm eine ganze Menge Fehler zutraue, entgegnete er,da wird der von der Generalin gemeinte wahrscheinlich darunter sein.

Spezifiziren Sie gefälligst, wenn ich bitten darf.

Schneider senkte den Kopf, als wenn er nachdächte.

Erstens heißt er Peter, kam es endlich heraus.

Aber, so heißen Sie ja auch! warf Bertha ein.

Bitte um Entschuldigung, gab der Pathe zurück,ich heiße Pedro, weil mein Vater einmal nach Spanien reisen wollte, Pedro klingt vornehm, Peter dagegen komisch. Das ist ein Unterschied.

Lucie machte eine Bewegung, als wenn sie nicht mehr hören wollte.

Bertha! wandte sie sich an diese,Du hast ja einen Mann, der muß doch auch manchen Fehler haben, nenne mir mal ein paar von ihm.

Ich sehe ihn so selten, entschuldigte sich die junge Frau.

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