zu den
Oberhessischen Uuchrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Nr. 2.
Gießen, den 9. Januar.
Er hat einen Fehler.
Humoreske von A. v. Winterfeld.
Vor dem Spiegel eines eleganten Boudoirs stand ein schönes, junges Weib und ordnete sich das Haar. Da trat von der anderen Seite ein Herr ein und legte eine Düte Konfekt auf den Tisch. Er war schon bei Jahren, wohl Mitte der Funfzig, aber noch jugendlich angezogen, tadelloses Beinkleid, kurzes Jacket mit abge— rundeten Schößen und ein rothes Bändchen um den welken Hals, gelbe Handschuhe, gelbes Gesicht und graues Haar.
Unter der Nase ein gedrehtes Bärtchen und im Auge einen matten Glanz. Er hatte die junge Dame nicht bemerkt, aber sie ihn— in dem Spiegel— nun wandte sie sich und nickte ihm zu;
„Guten Morgen, Herr Schneider!“
Der alte Herr, der sich allein geglaubt, fuhr ordentlich ein Bischen zusammen.
„Ah, sieh da! Frau von Arumfeld,“ gab er lächelnd zurück, „auf das Vergnügen war ich nicht vorbereitet. Seit wann sind Sie denn von Ihrer Reise zurück?“
„Seit drei Tagen.“
„Und Sie kommen mindestens aus China, wie?“
„Nein, ganz bescheiden aus Wien, wo mein Mann noch durch Geschäfte zurückgehalten wird.“
„Und Ihr erster Besuch galt Frau von Wildenberg?“
„Natürlich! Ich habe mich hier schon. dentlich eingenistet, aber wollen Sie nicht Platz nehmen?“ Däbei setzte sie sich auf die Causeuse, während Herr Schneider i einen Sessed sank.
„Aber wo ist denn Frau von Wildenberg?“ fragte er.
„Noch bei der Toilekke, te macht sich schön, wie wir Frauen uns ausdrücken, es kommt ja bald die Zeit, wo sie Herrn von Lüburg, Ihren Pathen, zu empfangen pflegt.— Das war doch wenigstens etwas Neues, was ich bei meiner Rückkehr nach Berlin erfuhr.“
„Was belieben Sie zu meinen, wenn ich fragen darf?“
„Nun, die bevorstehende Verheirathung des Herrn von Lüburg mit meiner Freundin, Frau von Wildenberg.— Weshalb machen Sie denn solch' erstauntes Gesicht? Sie, der Pathe des Zukünftigen, sollten nichts wissen?“
„O, gewiß,“ war die Antwort,„ich weiß leider nur zuviel.“
Die junge Frau wartete ein wenig, sie hatte sich wohl übereilt und dem alten Hausfreund dadurch wehgethan.
„Richtig!“ lenkte sie daher ein,„es war mir ganz entfallen, daß Sie selbst einmal um Lucien's Hand geworben, doch ich glaubte, daß Sie die Sache aufgegeben, dennoch war es nicht ganz zart von mir.“
„Aufgegeben!“ unterbrach Schneider, indem er ordentlich kraus wurde,„o, bitte, da kennen Sie mich schlecht, gnädige Frau; im Gegentheil werde ich mich aller mir zu Gebote stehenden Mittel bedienen, um dieser Verbindung entgegenzutreten.“
„Sie glauben also wirklich noch Aussicht zu haben?“ fragte die Dame.
„Weshalb nicht, gnädige Frau! So lange ein Kranker noch nicht todt ist, kann er gerettet werden; so lange man eine Heirath noch nicht vollzog, ist sie auseinander zu bringen.“
„Selbst die Heirath Ihres Pathen?“
„Selbst die Heirath meines Pathen!“
„Die bereits in wenigen Wochen stattfinden soll, wie man mir gesagt?“
Der alte Herr wiegte bedenklich sein graues Haupt.„Es ist wahr,“ meinte er,„die Zeit zum Handeln ist etwas kurz. Und wenn ich bedenke, daß ich den Schlingel selbst der Frau von Wilden— berg vorgestellt habe!“ setzte er dann mit ernsterem Nicken hinzu.
„Das war allerdings ein Fehler!“ sagte die junge Frau.
„Natürlich! Aber wie soll man auch auf den Gedanken kommen, daß eine Frau den so schlechten Geschmack haben kann, mir diesen sechsundzwanzigjährigen Milchbart vorzuziehen, nachdem sie vor Jahresfrist einen Sechzigjährigen verloren, der Abstand ist ja viel zu groß, da passe ich doch jedenfalls besser mit meinen Dreiund⸗ fünfzigen.— Es ist, um des Teufels zu werden! Als Lucien's alter Mann gestorben war, besuchte ich sie jeden Abend, den der Herr werden ließ und nahm schließlich auch meinen Pathen mit, aus Rücksicht und Pflichtgefühl. Da er sich bei mir einquartiert, wollte ich ihn nicht allein lassen, und allein ausgehen sollte er auch nicht, in meiner Gesellschaft war er doch immer am besten aufge⸗ hoben, und mir war er ebenfalls ganz angenehm; zu Dreien unterhält man sich doch besser als zu Zweien, da beweinten wir dann in aller Eintracht meinen armen Freund Wildenberg, den ich ihr übrigens auch vorgestellt hatte.“
„Das war wieder ein Fehler!“ meinte die junge Frau.
Herr Schneider gab's ja zu.
„Gewiß war's ein Fehler; aber wie konnte ich glauben, daß Lucie mir einen Greis vorziehen würde.“
„Weshalb erklärten Sie sich denn nicht?“
„Na ja! Das würde ja Alles geschehen sein; aber gerade als ich um ihre Hand anhalten wollte, brachte ich in Erfahrung, daß sie bereits an Wildenberg vergeben sei.“
„Den Sie vorgestellt hatten.“
„Allerdings! Was war da weiter zu thun?— Die Hochzeit fand statt, und man hatte wenigstens die Rücksicht mich einzuladen. Im Anfang wollte mir das Herz brechen; dann ward ich ruhiger und wartete, bis meine Zeit kam; endlich kam sie, Freund Wildenberg starb, und ich glaubte nun nichts gewisser, als daß meine Liebe jetzt Belohnung finden würde, aber gesegnete Mahlzeit! Da muß sich gerade mein Schlingel von Pathe bei mir einquartieren, ich muß auf die Unglücksidee kommen, ihn Lucie vorzustellen, er muß ihr gleich den Kopf verdrehen—“
„Und sie heirathen,“ fiel die Dame ein,„so ist es!“
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