Ausgabe 
8.5.1887
 
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Wenn Du was übrig hast gieb's mir!

Nora schob ihr bereitwilligst den Napf hin. Sie war weit davon entfernt,satt zu sein, allein der Umstand, daß eine der älteren bereits Installirten sich herbeiließ, von ihr, der Neuen Fremden etwas annehmen zu wollen, wirkte entscheidend und schmeichel⸗ haft und ihr Antlitz trug, als sie der Nachbarin zunickte, einen erfreuten leutseligen Ausdruck.

Hatte sie sich eine Freundin erworben? Sie hoffte es auf eine kleine Viertelstunde, und dann weckte sie eine Mädchenstimme vom oberen Ende der Tafel aus ihren Illustonen.

Na Lene hast Du was gebettelt? Wem Du was wegessen kannst, den liebst Du was? Es war die Stimme der Luise, die die Worte hämisch gerufen, und Nora meinte, nie in ihrem Leben solch häßliche Augen gesehen zu haben, als die der verwachsenen Luise.

Als die Mahlzeit vorüber war, verschwanden die Mädchen mit den bloßen Armen wieder in den Hofraum und von dort in die Waschküche.

Die Abtheilung aus der Handarbeitstunde fand den Weg in den Arbeitssaal zurück.

Auf der Treppe, welche von der oberen Etage herunter führte, erblickte Nora die kleine Lehrerin, die, ein kleines Theebrett tragend, mit ernstem Antlitz den Weg nach der Inspektorin Zimmer einschlug.

Wohl wegen der Tine, flüsterte eines der Mädchen ihrer Nachbarin zu, und diese wandte den Kopf über die Schulter zurück, zuckte die Achseln und sagte wegwerfend und gleichgültig:Hohe Zeit!

Den Sinn dieser lakonischen Rede lernte das neue Kind erst später verstehen. Die Klasse wurde von der Luise zur Ordnung gerufen, und die kleine Lehrerin trat erst später und, wie es Nora schien, mit einer sorgenvollen Miene ein. Sie gab den Auftrag, die Lesebücher aufzunehmen und zwang sich offenbar, ihre Auf merksamkeit bei ihren Worten zu halten.

Nora hatte den Platz, der ihr in der vorigen Stunde angewiesen worden war, wiederum eingenommen. Ein kleines Mädchen machte ihr bereitwilligst Platz und Nora war gegen die Auszeichnung nicht unempfindlich, drückte sich, sobald sie sich unbeachtet sah, freundschaftlich an sie an. Zuerst lächelten sie ein wenig, und dann fühlte Nora ein Stumpfnäschen dicht an ihrer Schulter und einen leichten Ellenbogenstoß gegen ihren Leib.

Offenbar wollte ihr die Kleine eine Mittheilung machen, welche von den Blicken irgend eines Wesens aufgehalten wurde. Das Kind klappte den bereits geöffneten Mund wieder zu und machte eine bedeutsame Miene des Abwartens. Zwei, dreimal wiederholte sich das Mienenspiel, welches mit heftigem Augenzwinkern begann und in stummen Mundbewegungen auslief und endlich kam doch der richtige Moment. N

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Nora neigte sich ein wenig seitwärts.

Du, ich sag' Dir nachher etwas! Im Augenblicke fand sich wiederum zur weiteren Ausdehnung des freundlich angezeigten Ge sprächs keine Gelegenheit, denn es wurde zum Lesen vorbereitet.

Das verwachsene Mädchen vertheilte die Lesebücher, während die Lehrerin langsam in einem derselben suchend blätterte.

Seite 18! Hulda, Du kannst Nora mit einsehen lassen!

Wie geschickt das war! Hulda rückte eilfertig an Nora heran, breitete mit ihren beiden fetten Händen die Blätter des Lesebuchs flach auseinander und gab ihrem kleinen Körper einen zufriedenen kleinen Schubs nach vorn.So, jetzt sag' ich Dir was!

Diese ihre zweite Ankündigung machte das Kind wahr. Sie legte, als eines der Mädchen auf der anderen Seite des Saales zu lesen begann, eine Hand vor die Wange und begann geheimnißvoll ihre Mittheilungen.

Die Luise ist gemein!

Eine Augenblickspause trat ein. Entweder wartete die kleine Schwätzerin die Wirkung ihrer Worte ab, oder es schien ihr etwas Vorsicht geboten. Ihre nächste Mittheilung erfolgte in etwas leiserem Tone mit über dem Buche geneigtem Kopf. 5

Einmal ist sie ausgekniffen!

Nora hörte mit verwirrtem Kopfe, das Lesen hinter ihr, das Flüstern neben ihr, das fremde, das gezwungen Stille, es war ihr so ungewohnt! Die kleine Nachbarin schoß einen Blick zur Seite, wo die Lehrerin stand, und sah dann zurück auf ihr Buch.

Drei Nächte war sie weg! Nora sah, wie sie drei Finger ihrer

linken Hand bedeutungsvoll bildlich bezeichnend ausstreckte und mit sehr wichtiger Miene wiederholte.

Drei Nächte! Nora zeigte einiges Interesse, und die Mit⸗ theilsame fuhr fort: 5

Niemand weiß, wo sie war! Nach dieser geheimnißvollen Aeußerung ließ das Kind die Hand von der Wange sinken und be⸗ gann eifrig in dem Buche nach der Lesestelle zu suchen. Sie fand sie offenbar nicht, und nach vergeblichem Aufhorchen, leisem Umblättern und nachdenklichem Hin- und Herstarren, schob sie plötzlich ihren

Körper an der Bank hinab, so daß ihr Rücken fast schräg über ihren

Sitz zu liegen kann, und in dieser Stellung stieß sie unter dem Pult mit ihrem vorgestreckten Fuß die vor ihr sitzende Mitschülerin mit unverhohlener Dreistigkeit gegen den Hacken.

Weißt Du, woes ist? fragte sie in überlautem Flüstertone, und die Lehrerin zog mit einem verweisenden Blick die Augenbrauen hoch und blickte streng zu ihr hinüber.

Seite neunzehn, Nora! Nora sah zögernd auf und erst auf der Nachbarin ermunterndesDu bist dran steh' auf! er⸗ hob sie sich.

Das Buch hielt sie zwischen den Händen, aber ihr Gesicht war, als sie das Wortlesen hörte, gluthroth. 8

Kannst Du lesen? Die Lehrerin fragte es sanft genug, aber Nora sah nicht auf. Es war lange her, seit sie ein Buch gehalten lange, seit Jemand sie zum Lesen aufforderte.

Ob sie es konnte? Sie wußte es nicht. Einmal, lange her, da hatte sie es ein Wenig gekonnt, sie wußte nicht, ob sie noch jetzt

Versuch es, lies ganz langsam!

Die Stimme der Lehrerin erinnerte sie plötzlich an eine Andere längst Schlummerndeversuch es, hatte auch sie so oft zu ihr gesagt.

Sie nahm das Buch ganz dicht an die Augen und fing folgsam an, sich die ersten Worte herauszubuchstabiren.

Der Wolf und das Zi3i Zick lein.

Ein Wolf ging eines T Tages Tages eines Tages an Nora's Eifer wuchs. Sie schlang den einen Arm quer über die Leseseite des Buches, und linirte, während sie las, mit dem Zeigefinger ihrer anderen Hand die Zeilenan ei nes ei- nes hier kam ein schweres Wort. Nora hörte das Kichern der Mädchen und ihr Können versagte plötzlich. Ein kleines Aufschlagen auf den Tisch seitens der Lehrerin, und die Klasse wurde ruhig. 5 Baches Rand, half sie,so ist's genug, Nora es war ganz gut Toni weiter!

Nora setzte sich wieder. Sie fühlte sich beschämt und gedemüthigt. Ihr Blick blieb gesenkt. Sie hatte die kleine Nachbarin vergessen und erinnerte sich erst wieder an sie, als sie sich von neuem zu ihr hin schob und sehr nachdrücklich eine Ansicht kundgab.

Lesen ist scheußlich! Nora's Herz schlug weniger heftig. Das Gefühl von gedrückter Scham wurde geringer. Die Kleine an ihrer Seite hatte sich während einiger Sekunden an ihrem lang herab- hängenden Zopf zu schaffen gemacht und ihn endlich über die Schulter zurückgeworfen. Jetzt nahm sie ihren Bericht von vorhin wieder auf.

Der Luise ihr Vater und ihre Mutter sitzen! Nora sah mit großen fragenden Augen auf.

Sitzen! wiederholte die Kleine mit Weisheit und Befriedigung im Ton.

Wegen was sehr Schlimmes alle Beide. Die Luise ist auch schlimm. Sie horcht und petzt! Hast Du'ne Mutter?

Ueber Nora's Augen zog es wie ein Nebelhauch. Des Kindes

Frage that ihr weh. Sie schüttelte den Kopf. Ich auch nicht, sprach der nimmer ruhende Mund mit schein⸗

barer Satisfaktion, dann hakte sie plötzlich ihren Arm unter den der

stillen Hörerin und neigte sich zu ihrem Ohr.

Erzählst Du's nicht wieder, wenn ich Dir was von der Luise sage? Nein! Gewiß und bestimmt nicht? Bestimmt nicht! betheuerte Nora, unwillkürlich zu der Schwätzerin Herz fassend. Auch nicht, wenn sie Dich ausfragt? Nora erklärte, daß sie das Geheimniß auch unter so schwierigen Umständen bewahren würde. Die Mittheilsame sah sie prüfend an,

ein

bog den Kopf zur Seite, inspizirte den Raum zwischen dem Pult

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