Ausgabe 
8.5.1887
 
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N 149.

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und könnte. Es war schwer. Neben ihr und um sie her klapperten die Nadeln der Andern. Nora scheute sich, durch verlegenes Hin schauen auf eine Andere, die eigene große Unkenntniß zu betonen. Wenn sie sich doch erinnerte wie die Vorschriftsworte lauteten: Einstechen nein, einstecken, umschlagen durchstechen ach nein so war's nicht einstecken, umschlagen durchziehen und ausstechen ja recht jetzt würde es gehen! Sie hielt ihr Strickzeug krampfhaft hoch die Finger zwangen die einzelnen Maschen gewaltsam durch unglaublich eng gezoge Oesen die Nadeln saßen so fest, daß sie kaum zu rühren waren aber die ersten Stiche waren ihr gelungen.Einstecken umschlagen durchziehen durchziehen o weh wie schwer das ging Durchziehen ausstechen, der Kindermund sprach sich die Worte leise vor ihre ganze Aufmerksamkeit hing an der Sache

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Von Wölfen verfolgt.

Durchziehen, ausstechen bald war die Reihe fertig da er tönte eine laute Klingel durch's Haus.

Zusammenwickeln, Ihr Mädchen! Luise einsammeln!

Nora fuhr auf. Ihr Haar war ihr in die Augen gefallen ihre Handflächen fühlten sich feucht an. Sie strich sich die Stirne frei und reckte ein wenig den gebogenen Rücken.

Einsammeln! hatte die Lehrerin gesagt. Ja da stand das verwachsene Mädchen schon. Sie war sehr verwachsen und gar nicht mehr jung wie die Andern. Ihre Hände waren groß und sehnig und ihr Gang war der einer, untersetzten Frau. Sie sammelte die Handarbeiten ein, und es schien dem Kinde, als blickte sie höhnisch auf die unebene gekrampfte Arbeit Nora's. Jetzt war sie auf der Reihe vor ihr noch die letzten zwei und sie kam zu ihr. Die Lehrerin hatte sich einem großen Wandschrank; zugewandt, den sie aufschloß. Das verwachsene Mädchen stand dicht vor ihr. Als sie ihr das Strickzeug abnahm, that sie es mit einem gehässigen kleinen Ruck, der Nora zusammenfahren ließ.

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Das laute Klingeln kündete die Tischzeit an. In die Gestalten der Mädchen war plötzlich frisches Leben gefahren Leben und Eifer und Unruhe.

Wie zur Hetzjagd stürmten sie der Thüre zu, und von dort über den Korridor bis zu einer schmalen Treppe, und über diese hinab in den großen weiten Raum, der neben der Küche lag und der Eßsaal hieß. Von einem Raum unter der Küche stieg ein feuchter Qualm vor den Fenstern auf, und aus diesem Qualm, der scheinbar einer Kelleröffnung entstieg, hoben sich die Gestalten von etwa 10 größeren Mädchen ab, die, da sie in den Eßsaal traten, einen durchdringenden Geruch von Seifenschaum mit hinein brachten.

Nach dem Gemälde von A. Wierucz Kowalski.

Sie wischten sich im Gehen mit den Schürzen noch die entblößten

Arme trocken, und drängten sich, ohne jede Rücksichtnahme auf die Kleineren, mit gierigen Mienen auf ihre Plätze, an dem quer durch den Saal laufenden, mit braunen Steinnäpfen versehenen Holztisch.

Nora war den voranstürmenden Mädchen gefolgt, um dann ver⸗ legen in dem ihr fremden Raum an der Thüre stehen zu bleiben. Der Geruch von dampfenden Kartoffeln und gedämpftem Gemüse drang zu ihr und weckte ihre ganze Kindesbegierde. Es war lange her, daß sie ein warmes Mahl genossen. Sie stand unschlüssig auf der Schwelle, nicht wissend, wo sie Platz suchen sollte und endlich trat eins der größeren Mädchen zu ihr und wies ihr einen Platz zu Füßen der langen Tafel.

Das Mahl verlief rasch. Es sprach fast Keine. Alle schienen sie das möglichst eilige Verschlingen der ihnen zugetheilten Portionen für eine Ehrensache zu halten. Nora war im raschen Essen weniger geübt, und so klapperte der Löffel, den sie hielt, noch emsig in der Schüssel, als der größere Theil schon geendet hatte.

Verlegen hielt sie inne und sah sich zaghaft um. Die Geste wurde von ihrer Nachbarin, einem sehr mageren spitznäsigen Mädchen mit übergroßen Händen, falsch gedeutet und als einGesättigtsein aufgefaßt.