Ausgabe 
8.5.1887
 
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ohne Einleitung angesprochen zu hören, angesprochen in einem so

eigenartig unterdrückten fast tonlosen Ton, daß sie für den ersten

Moment nicht erkannte, woher er kam.

Gieb den Zettel nach hinten!

Nora rührte sich nicht. Zuerst, weil die eigenartig gurgellautige Stimme sie verblüffte und befremdete, und zuletzt, weil die Heimlich⸗ keit, mit der ihr der Zettel unter dem Sitz gereicht wurde, sie ängstigte.

Auf Schliche irgend welcher Art war sie nicht eingeübt. Ihre erste Hehlerei der erste Trug ihres Lebens hatte sie schwere Stunden gekostet sie hatte vorzähnlichem Leid die größte Angst. Und nun gar hier, vor der ernstblickenden Lehrerin, deren Wesen ihr wohl⸗ that so wohl, daß sie sich eigen geschützt vorkam unter dem Blick der ruhigen Augen vor ihr Geheimthuerei nein, das wollte sie nicht, und so sah sie nur halb ängstlich auf das ihr entgegengeschobene Zettelchen nieder und ließ es neben sich liegen. Einen schüchternen Blick warf sie dann auf ihre Nachbarin. Luise war eine eigen⸗ thümliche Erscheinung eigenthümlich und wenig angenehm. Sie war verwachsen.

Gesicht zur Lehrerin sah dann hilflos zur Nachbarin auf und beugte sich dann wie einem Einfall folgend rasch über ihr Strickzeug.

Wie ein Rettungsruf kam ihr der unerwartete Befehl der Lehrerin.

Du sitzest dort eng, Nora komme hierher! Ein rascher Blick schoß von dem verwachsenen Mädchen zu der Sprecherin hin⸗ über, ein Blick, der nichts Gutes besagte.

Nora wurde das Gefühl von Angst, das, seit sie neben dem Mädchen Platz genommen, nicht von ihr wich lange nicht mehr los. Auch nachdem sie gewechselt, lag es noch wie ein beunruhigender Druck auf ihr.

Ohne daß sie es wollte, mußte sie hinübersehen. Luise sah ihr gerade in die Augen, und zwar mit einem Lächeln; aber das Lächeln begütigte nicht, vielmehr entstellte es das Antlitz des un⸗ schönen Mädchens bis zur Unkenntlichkeit. Das Stumpfe, Ruhige, das darin gelegen, war verschwunden; in dem Lächeln verzog sich der Mund schief und zog das linke Auge ein. Unter der Oberlippe

fehlten zwei Vorderzähne und die Lücke gab dem Gesicht etwas

Verfehlter Beruf.

Die eine ihrer Schultern stak vom Rücken aus schon bedeutend über dem Halse hervor, und der eng eingepferchte Kopf mit seiner kantigen breiten Stirn und den vielverschlungenen klein und eng geflochtenen fahlbraunen Zöpfen sah nichts weniger als schön aus. Alles an dem Mädchen war einfarbig ihre Haut, ihre Hände, ihr Haar, ihre kleinen lebhaft bewegten Augen und ihr Kleid. Alles graubraun und unfrisch. Das Gesicht selbst hatte eine eigene Reg

losigkeit die Reglosigkeit eines Menschen, der unter einem Zwang

lebt, der eine strenge Gewalt über sich behauptet. Luise war älter bei näherem Anblick als sie zuerst erschienen. Nora gewann die Ueberzeugung, daß sie eigentlich nicht unter die Kinder gehörte. wieder auf sie sehen und es wurde ihr von Augenblick zu Augen blick unbehaglicher zu Muthe.

Luise bemerkte den Blick, und sprach sie von neuem an. Ton war ein Befehl.

Gieb den Zettel weiter!

Wiederum diese dumpfe, gedeckte, heimliche Stimme, so monoton im Klang als auch drohend in der Färbung.

Dem Kind wurde es bang zu Muthe.

Sie mußte immer

Ihr

Sie hob ein verlegenes

Originalzeichnung von M. Flashar.

Altes Verschlagenes Ungutes. Nora kam von dem un behaglichen Eindruck, der sie überkommen war, nicht los. Sie faßte die Arbeit mit Entschlossenheit und vertiefte sich in die mühselig eingehakten Maschen, und dabei fühlte sie den hämischen Blick ihres Gegenüber so deutlich, so stechend, daß sie den Kof nicht zu heben wagte.

Sie verblieb ganz still vornübergebeugt auf ihrem Platze, und einen Fuß hatte sie über den Andern geschlagen, und mit dicht an den Leib gedrückten Ellenbogen mühte sie sich, den Baumwollen⸗ knäuel unter der Achsel festgeklemmt zu halten, wie es die Lehrerin gethan. Das Stricken machte ihr Mühe, und der kleine aufregende Moment, den ihr das Mädchen Luise bereitet, hatte sie mit ihrem klaren Verständniß für das ohnehin unsicher Erfaßte in's Wanken gebracht. g

Vergeblich spannte sie den Zeigefinger, der das Garn halten sollte; er wurde fortwährend wieder krumm, und ließ ohne Weiteres die Strähne immer von neuem sinken, so daß das Kind rathlos vor der Frage stand, wie man, ohne die Nadel in der Rechten los- zulassen, das Garn über dem Finger der Linken erhalten sollte