Ausgabe 
8.5.1887
 
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sicht, an dem feinen, plaudernden Mund, obgleich jedes Wort aus demselben sie wie ein Dolchstoß traf. auch Wahrheit, die du dort hörst? Kein Zweifel stieg in ihrem Herzen auf, nur ein einziger Gedanke kreiste wild in ihrem armen Kopfe, und dieser war: Aus dieser Hand mußt du dein Todes⸗ urtheil empfangen.

Es könnte eine mustergültige Ehe sein, fuhr der Graf lang sam fort,doch sein flatterhaftes Schmetterlingsherz, Sie verstehen. Aber ich glaube, nach jeder Extravaganz erkennt Julian stets von Neuem den Werth seiner Frau.

Fränzchen hatte sich aufgerafft. Ihr Gehirn brannte, als ob Tropfen geschmolzenen Blei's langsam darin auf und niederstiegen, ihre vertrockneten Lippen vermochten sich kaum zu öffnen, und doch, kostete es gleich das Leben, eine Frage mußte gethan werden.

gLiebt sie ihn? brachte sie endlich hervor, und nur wie leises Flüstern klang ihre Stimme.

Graf Alexander durchschaute leicht den Kampf dieser Kinderseele. Nun galt es den Hauptschlag, nun durfte zum Schluß kein Mitleid

den leicht erfochtenen Sieg ihm rauben.

iGewiß, sagte er, den Eindruck seiner Worte scharf beobachtend. Könnte sie sonst sein unruhiges, wankelmüthiges Wesen mit so viel Geduld ertragen? Und dann webt auch der heilige Schwur am Altar ein wundersames Band zwischen auf solche Art vereinte Herzen. Unlöslich! Welch' Gläubiger respektirte nicht die Macht dieses Wortes!

Mit einem leisen Wehelaut vergrub Fränzchen ihr Gesicht in den Händen. Sie allein, die Vermessene, hatte, von Liebe bethört, einen Augenblick daran denken können, die Hand nach fremdem Gut auszustrecken. War die Strafe, die sie eben empfangen, nicht noch klein im Vergleich zu ihrer schweren Schuld? Sie hatte den Gatten einer Andern geliebt, um ihretwillen sollte eine edle Fran schnöde verlassen werden. Gab es auf Erden wohl eine Sühne für diesen Frevel?

Da sind wir nun durch die Erwähnung Julian's ganz von unserem eigentlichen Thema abgekommen, fuhr der Graf fort,und ich wollte doch gerade über Ihre Zukunft eingehend mit Ihnen sprechen. Wissen Sie auch, mein Fräulein, daß die Sorge für die alte Großmutter nun allein auf Ihren Schultern liegt?

Fränzchen hob den Kopf. Mit trockenen, brennenden Augen starrte sie ihn an.Ich weiß, flüͤsterte sie,ich will arbeiten bis zum Unterliegen, betteln gehen, wenn es sein muß, nur sie soll nicht hungern!

gDavon spricht Niemand. Es ist in Ihre Hand gegeben, der

alten Frau einen glücklichen Lebensabend, ein heiteres, sorgenloses

Alter zu bereiten, ihr ein neues, friedliches Heim zu schaffen. Und

ich hoffe, Pflicht und kindliche Liebe werden Ihnen sagen, was Sie thun müssen.

In meine Hand?

Natürlich. Wie ich erfahren, bewirbt sich der junge Dorflehrer seit langer Zeit um Ihre Gunst.

Nicht das! Nicht das! wehrte sie ab.

Nicht? Nun so sagen alle Mädchen, wenn sie den ersten Heiraths⸗ antrag bekommen, lächelte der Graf.Nachher besinnen sie sich ge wöhnlich eines Besseren. Und Sie, mein Fräulein, haben vor allen Dingen Ursache, die Hand eines ehrlichen Mannes nicht zurückzustoßen, setzte er mit Nachdruck hinzu. f Noch einen Augenblick wartete er die Wirkung seiner Worte ab, dann lüftete er seinen Hut und ging davon. In der Garten- pforte wandte er noch einmal den Blick. Er sah Fränzchen im raschelnden Laub langsam in die Knie sinken, und seine Lippen preßten sich unwillig aufeinander. i 5

Verdammt, murmelte er,eine Grausamkeit habe ich begangen, über die ich selbst mich hassen könnte, aber es mußte sein; die Ehre der Familie erforderte es. 5 i 5

Im Zwielicht desselben Tages begleitete der junge Schulmeister in scheuer Ehrerbietung den Herrn Grafen über den Wiesensteg, der I nach dem Gutshof führt. Dieser hatte ihn plötzlich mit einem Be⸗ such überrascht, sich leutselig nach dem Stand der Schule, der Zahl der Kinder erkundigt, aus freien Stücken versprochen, das geringe Diensteinkommer! verdoppeln zu wollen, sobald eine junge Frau in das neue geschrnückte Haus einziehe. Diese fehlte dort sehr, wie er sich zu überzeugen die Gelegenheit gehabt, hatte er verständnißvoll

Sie fragte sich nicht, ist es

Nun saß er an Albrecht's Schreibtisch und hob den Kopf von einem Briefblatt, das er mit festen Zügen beschrieben.Die Ge schäfte halten mich einige Tage hier noch fest, mein Junge, las er halblaut.Doch Du kannst ruhig sein, die Sachen stehen hier nicht allzu schlecht. In nächster Zeit erhältst Du wohl eine Verlobungs anzeige, die Mädchen sind kluge Geschöpfe, ich sagte es immer, und der Schulmeister versteht das Trosteinsprechen aus dem Grunde.

In der Komödie nennt man, glaube ich, solch' einen Menschen einen Intriguanten, meinte er aufstehend und vor den Spiegel tretend.Eine elende Rolle, aber ich habe sie gut gespielt. Es mußte eben sein.

(Schluß folgt.)

Nora. Eine Geschichte aus dem Kinderleben. Von Sara Hutzler. (Fortsetzung.)

Es verging eine Vietelstunde, eine schweigsame Viertelstunde, in der die schlanken Frauenhände eine Nadel nach der Andern füllte und wieder abstrickte Stich für Stich umlegte bis die Nadel besetzt war. Nora stand neben ihr, in ihrem lernbegierigen er⸗ wachenden Interesse viel zu nahe an dem Arm der Lehrerin. Ihre Wangen hatten sich leicht gefärbt, ihre Augen schienen an den Händen, welche die Nadel hielten, festgebannt. Die Angst vor der Sache mußte von Minute zu Minute mehr von ihr weichen, um einem Alles besiegenden Eifer Platz zu machen, denn sie hatte den Kopf gehoben und folgte, mit offnem Munde und hastigem Athem den Weisungen, die sie erhielt.

Aufnehmen, umschlagen, durchziehen ausstechen!

Aufnehmen, sie sprach es halblaut nach. O, wie schwer! Es waren so viele Stiche, und der Faden hing hinter der Nadel Durchziehen ach so ja, durch den Stich durch die Oese ja ja dahin mußte die Nadel, und dann den Faden mit um den Zeigefingerausstechen ganz raus und dann noch mal von vornAufnehmen, umschlagen.

Wird's gehen? Willst Du versuchen?

Ja, sie wollte! Ihr Kopf machte ungeheuerliche Wendungen. Ihre zappeligen Hände hatten sich gespreizt und formten unwillkürlich die Bewegungen der Lehrerin nach, dazu reckte sich der Zeigesinger weit aus und fand sich nicht mehr zurück. Auch der Hals des Kindes streckte sich in grader Linie nach vorn und legte sich erst nach rechts, dann nach links und führte so die kleine, vorwitzig durch die Lippen geschobene Zunge in Windungen hin und her. Das Bild, das das Kind in seinem Eifer darbot, war von komischster Wirkung, und die Mädchen bezwangen endlich nur mühsam ihren Lachreiz und ver steckten die Gesichter eine hinter dem Rücken der Andern.

Nimm die Nadel in die rechte Hand so! g

Die ruhige Stimme der Lehrerin gebot den Mädchen Ruhe. Ein einziger von Nora nicht gesehener Blick schaffte in der Klasse die gewohnte Ordnung.

Setz Dich dorthin neben der Luise ist noch Platz! Rück; mal Luise und lass' Nora sitzen!

Das angesprochene Mädchen rückte, ohne aufzusehen ja ohne einen Augenblick in ihrem unglaublich schnellen Stricken einzuhalten, ein wenig, ein ganz klein wenig zur Seite. Nora drückte sich, in dem sie sich so schmal als möglich machte, auf das ihr unwillig ge⸗ räumte Plätzchen nieder. Ihre Ellenbogen waren auf's unbehaglichste an den Körper angepreßt, so daß ihr die ohnehin schwierige Strick⸗ arbeit fast unmöglich gemacht wurde. Sie gab sich Mühe, sich durch schwache kleine Hebungen ihres rechten Armes die Nachbarin zu einer weiteren Schiebung zu veranlassen. Ohne Erfolg.

Das Mädchen, das mit dem Namen Luise bezeichnet wurde, saß regungslos fest ihre Arbeit mußte sie ganz und gar vertiefen, denn sie sah nicht einmal auf, sondern immer nur auf das Strick⸗ zeug in ihren Händen, und es blieb dem neuen fremden Kinde nichts weiter übrig, als sich auf ihrer Kante von der Bank so fest zu behaupten, als es eben anging. Nothwendig wurde eine Drehung ihres Körpers und so saß Nora mit dem halben Rücken gegen die stille Nachbarin, die scheinbar von dem Drangsal des Kindes nichts sah noch merkte. Sehr überraschend war es daher für Nora, sich plötzlich und ganz

lächelnd beim lbschied bemerkt.