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Julian warf sich an seine Brust.„Du Guter, Edler wirst ihr meine Grüße bringen, ihr sagen, daß sie die erste, einzig wahre Liebe meines Lebens ist,“ flüsterte er und stürzte fort.
„Ich glaube, der Mensch ist im Stande, eine unsterbliche Dumm⸗ heit zu begehen,“ murmelte der Graf.„Nun, da muß die Taktik geändert und durch das Mädchen selbst auf ihn gewirkt werden. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät.“
Einen Augenblick sann er nach, dann schellte er dem Diener und befahl, Alles für eine schleunige Nachtreise in Bereitschaft zu halten.
Fröstelnd hüllte er sich in die pelzgefütterte Decke, als nach zehn⸗ stündiger Fahrt der Bahnzug durch die wogende Nebellandschaft dahin⸗ flog. Wie kalt und nüchtern im schwachen Licht des dämmernden Morgens ihn alles ringsumher anblickte. Lange Jahre waren ver⸗ gangen, seitdem er diese endlosen Wälder, diese dürftigen Fluren zum letzten Mal gesehen. Damals war jenes kleine Mädchen, das im Begriff stand, unheilvolle Verwirrung über die gräfliche Familie zu bringen, kaum geboren, und der ehrliche Verwalter ahnte nicht, daß der blondlockige Knabe an seiner Hand einst als flüchtender Verbrecher Schmach auf die Gräber der Väter häufen würde.
Nun hielt der Zug. Der alte Revierförster, telegraphisch be— nachrichtigt, stand zum Empfang bereit.
„Eine böse Veranlassung, Kuhnert, die mich endlich zu Euch führt,“ meinte der Graf.
„Ja wohl, gräfliche Gnaden. Und das Schlimmste bei der Sache ist, daß sie den betrügerischen Hallunken noch immer nicht erwischt haben. Vielleicht ist er schon zu Schiffe nach Amerika.“
„Möglich. Hier ist ihm ja doch jede ehrliche Existenz verschlossen. Aber saget einmal, Kuhnert, wie steht es mit der Familie? Schlecht, nicht wahr?“
„Das können sich Herr Graf denken. Bei des Inspektor's lüder— lichem Leben blieb für die beiden Frauen immer nicht viel übrig. Jetzt soll natürlich kein Pfennig Geld im Hause sein. Die arme, alte Frau mit siebenzig Jahren noch solch ein Elend sehen zu müssen. Aber der Schulmeister wird die beste Auskunft darüber geben können.“
„Warum der Schulmeister?“
Der alte Mann lachte.„Er hat mit Verlaub vor dem Herrn Grafen zu sagen, einen Narren an dem Mädchen gefressen. Mein Geschmack wäre es justement nicht; solch ein mageres, braunes Ding.“
„So, so.“ Weiter sagte der Graf nichts, aber an dem plötzlichen Aufblitzen seiner Augen merkte man, daß ihm ein neuer Gedanke gekommen sei.
Dann fuhr er auf dem kleinen Försterwägelchen den weiden— bepflanzten, holperigen Landweg entlang. Ueberall beleuchtete die strahlend hervorgebrochene Herbstsonne schlecht bestellte Felder, ver— nachlässigte, überschwemmte Wiesen.
Unmuthig wandte er den Blick. Da lag das verwitterte Jagd— schloß, der Stammsitz der Familie, in deren Interesse er diese fatale Mission auf sich genommen, zwischen blätterlosen Kastanien vor ihm.
Der Peitschenknall hatte die alte Frau vor die Hausthüre gelockt. Ein Blick sagte ihr Alles. Mit wankenden Knien kam sie die Stufen herab, scheu haschte sie nach des Grafen Hand, um diese zu küssen. Er entzog sie ihr, obgleich diese Unfreundlichkeit ihm schwer fiel.
„Ihr hättet längst mehr Vertrauen zu mir haben sollen, Frau Wiese. Dann wäre Manches anders gekommen,“ sagte er streng.
„Es war mein eigen Fleisch und Blut, mein Enkelsohn,“ stöhnte sie.„Hätte auch ich Steine auf ihn werfen sollen?“
Der Graf zuckte die Achseln.„Aber es stände heute um Euch selbst nicht so schlimm,“ meinte er.
Sie weinte still vor sich hin.„Was liegt an mir! Mich deckt wohl bald mitleidig die Erde, aber das Fränzchen, das arme Kind!“
„Ihr meint Euere Enkelin?“ fragte der Graf, durch seinen Blick sie noch mehr einschüchternd.„Ueber sie wollte ich mit Euch sprechen. In dieser Hinsicht ist auch Manches in Euerm Hause vorgegangen, was Ihr nicht hättet dulden dürfen. Ihr versteht mich. Wo finde ich das Mädchen? Ich möchte es sehen.“
„Im Garten. Sie war krank; die warme Sonne soll ihr neue Kraft geben, sie ist kaum noch ein Schatten von früher,“ stammelte die alte Frau.„Aber mit tausend heiligen Eiden will ich es be— schwören, daß ihr nie solch ein vermessener Gedanke gekommen ist, sie weiß wohl, wie hoch der junge Herr Graf über ihr steht, und würde die Hand eher nach einem Stern als nach ihm ausstrecken.“
Ungeduldig ließ er sie stehen. Der wohlbekannte Weg nach dem
Garten war bald gefunden. Heiser kreischte die Thür in ihren ver⸗ rosteten Angeln, und der Herbstwind trieb ihm welkes Laub entgegen. „Wie melancholisch,“ dachte er fröstelnd, während sein Auge suchend umherschweifte.
Dort, in dem breiten Mittelweg, kam sie langsamen Schrittes ihm entgegen.
Lächeln die Männer umgarnte, hatte er zu finden erwartet, und be— griff nicht den Zauber, der in diesem blassen Gesichtchen, diesen dunkeln, angstvollen Augen liegen sollte. Zum Kampf wohl gerüstet war er ausgegangen, und nun stand er einer Besiegten, einer in den Staub Getretenen gegenüber. Wunderbar, plötzlich fehlten ihm, dem geschulten Weltmann, die
Worte. Zorn, beißenden Hohn, heftige Widerrede, Alles hatte er in
Bereitschaft gehabt, aber nichts wollte ihm passen in diesem Augenblick.
„Sie waren krank?“ fragte er endlich.
Sie nickte. Eine Ahnung hatte ihr Alles gesagt, und der Athem versagte ihr beim Sprechen.
„Die Vorgänge hier im Hause waren allerdings dazu angethan, den Stärksten anzugreifen,“ fuhr er in leichtem Konversationston fort. „Und dann der Blick in solch eine trostlose Zukunft. Haben Sie schon irgend einen Plan gefaßt?“
Sie schüttelte den Kopf, während die schmächtigen Wangen noch um einen Schatten bleicher, der Ausdruck der Augen noch ängst⸗ licher wurde.
„Nun, da sollten Sie doch bei Zeiten daran denken, eine gewisse N
Energie ist Ihren Verhältnissen gegenüber durchaus erforderlich. Die Tage vergehen so schnell, und wenn Weihnachten ein neuer Ver— walter mit zahlreicher Familie einzieht, so dürfte das Haus kaum Raum für Alle mehr bieten.“
„Dann gehen wir.“
„Wohin?“
„Die Welt ist groß!“
„Aber nicht für Sie. Grünau ist Ihre Welt, und außerhalb dieser engen Grenzen vermögen Sie nicht zu leben. Hier muß und wird sich Ihnen eine neue Heimath bieten, ruhiger und glücklicher vielleicht, als es die alte je gewesen. Und dann hat diese Wald- idylle auch ihren bestrickenden Reiz. Einsamkeit und balsamische Luft sind oft von unschätzbarem Werth für uns Großstädter, selbst an meinem Neffen, dem Grafen Julian, haben sie Wunder gewirkt. Blühend und heiter kehrte er zu uns in die Residenz zurück.“
„Blühend und heiter.—“ Unwillkürlich wiederholte sie mit zitternden Lippen diese Worte.
„Gewiß. Fanden Sie es nicht? Nun seine Stimmungen wechseln so oft wie die Wolken an stürmischen Tagen über den Mond ziehen. Eine liebenswürdige Natur, aber eben nur liebenswürdig, kein fester Wille, keine Stetigkeit. Was ihm heute als das Be⸗ gehrenswertheste der Welt erscheint, ist morgen von ihm vergessen, kaum eines flüchtigen Gedenkens mehr werth.“
Fränzchen glaubte zu fühlen, daß der Boden, auf dem sie stand, langsam sich mit ihr im Kreise drehe. War das Meer denn plötzlich so nahe, daß es wie Wellenrauschen ihr in den Ohren brauste. Blühend und glücklich er?
Graf Alexander, dessen Augen forschend auf ihr ruhten, schien ihre Gedanken leicht zu errathen.„Warum soll Julian nicht glücklich sein,“ sagte er lachend.„Die Melancholie ist von jeher sein Stecken⸗ pferd, weil er weiß, daß sie ihm interessant zu Gesicht steht. Seine Frau nennt ihn oft scherzweise Don Ramiro.““
Seine Frau! Fränzchen schlang die eisigen Finger fest ineinander. Warum tödtete sie nicht dieses wildschlagende Herz, warum sprang nicht die Lebensader in den hämmernden Schläfen.„Seine Frau, das ist ja eben sein Unglück,“ stieß sie mühsam hervor.
„Nicht doch. Ellinor ist gerade die richtige Lebensgefährtin für ihn. In ihrer besonnenen Ruhe hält sie seinem schwankenden Charakter das Gleich⸗ gewicht, verhindert mit geschickter Hand tausend seiner kleinen Un⸗ besonnenheiten,, selbst zahllose Herzensverirrungen! hat sie kluger Weise zu entschuldigen verstanden. Mit einem Wort, sie ist die Gattin, wie er einzig sie braucht.“
Fränzchens Augen hingen wie gebannt an dem vornehmen Ge⸗
Wie schwer und muͤde sie die Füße setzte, und der gesenkte Kopf hob sich erst, als er dicht vor ihr stand. Betroffen blickte Graf Alexander auf diese kindliche Mädchengestalt, deren schmale Schultern fast zu schwach für die Last der armdicken Zöpfe zu sein schienen. Eine Schönheit, ein koquettes Geschöpf, dessen verführerisches
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