Ausgabe 
8.5.1887
 
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Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Oberhessischen Muchrichten.

Gießen, den 8. Mai.

1887.

Im Nebel.

Novelle von H. René. (Fortsetzung).

verlasse ich es, sagte Julian finster. Familie, mit Allem, was mir bisher werth war, zu brechen um ihretwillen.

0 gefaltete Stirn.

VI.

Hat Sie Dich beauftragt, Onkel, mir dieses mitzutheilen? Graf Alexander Steinfeld nickte und legte wie begütigend seine Hand auf die Schulter des noch im Reiseanzug vor ihm stehenden Neffen.

diese Antwort! Sie will also in keine Trennung willigen?

Nein, unter keiner Bedingung. Und im Grunde kann ich es ihr nicht verdenken, daß sie den öffentlichen Eklat scheut. Euere Ehe war von jeher ein höchst vernünftiges Arrangement. Keines genirte das Andere, und Du mußt selbst es mir zugeben, daß Ellinor Dir die größtmögliche Freiheit für Deine kleinen Passionen ließ. Niemals quälte sie Dich mit Eifersüchteleien, und als Du Dich damals in Paris für die rothhaarige Kunstreiterin enthusiasmirtest, verließ sie lachend die Stadt, um Dir nicht hinderlich zu sein.

Und wo ist sie jetzt

Auf ihrem Stammschloß in Süddeutschland.

Abgereist, als ich heimkehrte, das war sehr klug, meinte

Julian bitter.

Natürlich ging sie solchen unliebsamen Erörterungen aus dem Wege. Kannst Du ihr das verdenken? Uebrigens läßt sie Dich grüßen und Dir wie immer viel Amüsement wünschen.

Julian fuhr auf.Amüsement jetzt, wo die größte, wichtigste

Frage meines Lebens jeden Gedanken Tag und Nacht in Anspruch

nimmt. Jetzt, wo es sich für mich um Sein oder Nichtsein handelt,

jetzt, wo ich, ruhelos umherirrend, mich tausendmal in jeder Stunde frage:wie wirst Du frei?

Graf Alexander zuckte die Achseln, während die wohlgepflegte Hand mit dem leicht ergrauenden Bart spielte.Das ist eine über⸗ flässige Frage, mein Junge, die niemals eine befriedigende Lösung

finden kann. Erstens giebt es gar keine triftigen Gründe zur

Scheidung, und dann bedenke, die Felsings waren stets treue Söhne ihrer Kirche. 8

Wenn ein starres Dogma mich hindern will, glücklich zu sein, so

Ich bin bereit, mit Religion,

Graf Alexanders Augen glitten besorgt über des Neffen düster Stieß er wirklich zum ersten Mal im Leben auf

ernstliches Wollen, auf einen festen Entschluß? Und gerade hier!

Dem mußte vorgebeugt, geschickt begegnet werden.

Dir spukt noch immer der Sommernachtstraum von Grünau in den Nerven, meinte er lachend.Du hältst wohl noch ein kleines, sonnenverbranntes Landmädchen für Titania unter den Elfen.

Und auf all mein Flehen, auf die tausend guten Gründe,

In einigen Tagen ist der süße Märchenrausch verflogen, und ein tüchtiger moralischer Katzenjammer an seine Stelle getreten.

Nicht diesen Ton dieser ernsten Sache gegenüber, bat Julian. Von Dir, dem einzigen Menschen, dem ich auf Erden Einfluß über mich gönnen will, möchte ich ihn nicht gern hören. Ich bat Dich um Deine Vermittelung bei Ellinor; sie ist, wie ich sehe, nutzlos gewesen. Doch das Rad ist im Rollen, ich halte es nicht auf, mag es über mich und sie hinweggehen. Was verlange ich denn Ungebührliches? Ich verlange meine Freiheit zurück, die ich nur widerwillig hingab, hingab, damit der Reichthum der entfernt verwandten Erbtochter an uns, die mittellos gewordene Seitenlinie, fiel. Jenes Gold hat statt Segen mir nur Qual gebracht, und darum werfe ich es hin, und greife freudig zu dem Pinsel, der mich und mein theures Mädchen nun ernähren soll.

Phantastereien, die wohl dem auf der Grenze des Jünglings alters stehenden Knaben ziemen, aber nicht dem gereiften vierund⸗ dreißigjährigen Mann, der schon seit zehn Jahren den Ehering am Finger trägt, sagte Graf Alexander mit kühlem Achselzucken.Man wirft keine angetraute Frau und keine uralte Familientradition so leicht und ungestraft über Bord, mein Sohn. Du hast Dich hoffentlich nicht hinreißen lassen, dem Mädchen allerlei dumme Ideen von Heirath und dergleichen in den Kopf zu setzen.

Julian schlug die Augen nieder, und so gewahrte er nicht den

mitleidig spöttischen Ausdruck in des Onkels Gesicht.

Eine unangenehme Geschichte, die durch des ungetreuen Ver walters Flucht ganz fatal wird, fuhr Graf Steinfeld fort.Ich glaubte Grünau in den Händen der Wiese's wohl versorgt, und nun entdecke ich durch die eingesandten Bücher eine ganze Reihe von Betrügereien, die der saubere Patron in den letzten Jahren begangen. Ich hatte eigentlich für die nächsten Monate ganz anders über meine Zeit disponirt, und nun muß ich Hals über Kopf in jene weltverlorene Gegend, um höchst verwickelte Geschäfte ordnen zu helfen. Eine Lustfahrt ist das gerade nicht.

Hast Du Dich wirklich entschlossen zu reisen?

Gewiß, noch heute mit dem Nachtzug.

Julian zauderte einen Augenblick, dann trat er näher und faßte bittend des Onkels Hand.Sie war krank, sagte er leise,tagelang stand der Tod auf seine Beute lauernd neben ihrem Lager, und auch jetzt bedarf sie noch der Schonung, die sie leider in dem wilden Wirrwar dort nicht finden kann. Sei nicht hart mit ihr und der alten schwergeprüften Frau!

Sehe ich wie eine Kannibale aus? fragte der Graf mit dem bestechenden Lächeln, durch welches er sicher war, das Vertrauen der ganzen Welt zu gewinnen.Glaubst Du wirklich, daß Du mich um Schonung für zwei schutzlose Frauen anzurufen brauchst?

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