E r
I
151 W.
und dem Rücken des Vordermädchens, öffnete mehrmals die Lippen,
schloß sie wieder und legte sich endlich vertraulich und schwer mit ihrem Körper auf Nora's Arm und Schulter, und flüsterte vorsichtig
und sehr heimlich:
„Ich kann sie nicht leiden, gar nicht!“ Sie machte nach dieser wichtigen geheimnißvollen Beichte eine völlig erleichterte Miene, sah einige Sekunden lang starr auf Nora und äußerte nochmals ihre Besorgnisse von vorhin.
„Sagst Du's wieder?“
Nora betheuerte nochmals, daß sie sich auf ihre Verschwiegenheit verlassen könne, und das Kind beruhigte sich, schob sich auf ihren Platz zurück und begann aufmerksam den Leseübungen zu folgen.
7
Nora war, als es neun schlug, mit den Mädchen allen, welche theils aus den Waschhausräumen, theils aus den anderen Arbeits— stuben herbeikamen, zum Schlafsaal hinaufgegangen; mit jener Un⸗ gewandtheit, welche das Fremdsein hervorruft, hatte sie sich von dem Mädchenschwarm die Treppe hinaufschieben lassen, ohne zu wissen, wohin sie gehörte. Sie stand vor dem großen weiten Raum, in dem sich unzählige Bettstellen aneinanderreihten und blickte hinein auf die sechs großen Spinden, welche den weiten Wandraum deckten und auf die gestrichenen Waschtische mit ihren Blechkannen und Becken und ihren großen abgenutzten gelben Kämmen und Bürsten. Die Mädchen drängten sich leise, wie von einer Kontrole bewacht auftretend, in den Schlafsaal; und Nora folgte ihnen schüchtern und beklommen. Ein plötzliches Erinnern an die vergangene Nacht über⸗ kam sie und machte sie dankbar empfänglich für alles Gegenwärtige. Wie einsam, wie kalt, wie verlassen war sie gewesen und wie anders, wie viel besser war das Jetzt! Es war anders, es war viel besser. Wenn auch die starre Kühle dieser Mauern, in denen sie so freind war, sie öde durchschauerte; es gab doch ein Bett anstatt der Steine, auf denen sie fröstelnd gehockt; es gab eine Decke für zitternde Glieder, und sie war müde, o, so müde!— Sie stand an den Rahmen der Thür gelehnt und beobachtete die Mädchen, welche paar⸗ weise auf ihre Betten zugingen. Die sehr spärliche Beleuchtung des Saales warf mattes Licht auf die einzelnen Gestalten der Kinder, welche sich zu entkleiden begannen.
Es waren unerquicklich magere, eckige Schultern und Arme, die sich unter den losehängenden Kitteln verbargen, Schultern, die Ent— behrung und mangelnde Pflege verriethen.
Nora stand noch zögernd an der Thür, als von der Treppe her leise Schritte ertönten, und eine Letzte erschien: das verwachsene Mädchen Luise! Nora fühlte einen Schreck im Innern, eine un⸗ bestimmte Angst vor dem Mädchen, eine ahnungsvolle Angst, fast wie ein Vorgefühl kommenden Unheils. Die Neuangekommene trug ein Schlüsselbund, mit dem sie auf einen der Wandschränke zuging. Nora gewahrend, blieb sie eine Sekunde lang stehen und bezeichnete ihr freundlich ihr Bett.
„Dort unten, linke Seite!“ Ihr Ton verrieth keine Feindseligkeit, und Nora blickte sie erfreut und dankerfüllt an. Wie thöricht von
U U l
a
ihr,
gedacht! Sie wand sich
Gänge zwischen den B stelle und wunderte sich
flachsblonden Mädchenkopf zu sich auflächeln zu sehen. Sie rief es in aufrichtiger Freude.
„Hulda!“ runde Gesicht mit dem
hervorstehenden Augen mit dem harmlosen,
heimelten sie plötzlich a
daß sie sich gefürchtet hatte! Wie kindisch, daß sie an Unheil
mit erleichtertem Herzen durch die schmalen etten hindurch bis an die bezeichnete Schlaf⸗ nicht wenig, aus dem Kissen heraus einen
Das rothe, runden Lächeln, die blauen, etwas fast einfältigen Ausdruck n, wie etwas lang Bekanntes.
breiten,
„Schlafe ich hier mit Dir?“ 5 Die kleine Blonde nickte ihr zu und warf den Körper zur Seite,
um ihrer neuen Kamer Nora entkleidete auf die Betten, welche
Von verschiedenen Seiten des Saales
Flüstern, sonst war es Das verwachsene M
adin Platz zu machen.
sich so rasch als möglich. Das matte icht fel
zum großen Theil nun besetzt waren. ertönte noch unterdrücktes im Schlafsaal still.
ädchen trat vom Spind zurück und bekleidete,
leise auftretend, die Kannen der Waschtische mit sauberen Handtüchern.
„Ist sie nicht eine
„Halb,“ war die lakonische Antwort.
Schülerin?“ fragte Nora ihre Schlafgenossin. Dann als das Kind die
Wirkung dieser räthselhaften Auskunft abgewartet, fügte sie derfelben unaufgefordert einiges hinzu.
Die Verwachsene sei seit vielen Jahren im Institut gewesen, schon bevor ihre Eltern den großen Einbruch verübt, um den sie zu langjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt worden waren. Die Luise sei einmal gerade gewesen wie andere und ihr Gebrechen sei die Folge einer brutalen Prügelei, die sie von Seiten ihres Vaters durchkostet habe— man sprach von einem Kellersturz, der der Sache gefolgt sein solle.
Gewisses wußte man natürlich darüber nicht. Die Luise er⸗ zählte nie von der Vergangenheit, und auch damals, als sie von der Anstalt„ausgekniffen“ sei, um, wie man sagte, ihre Eltern im Zuchthaus aufzusuchen, da habe sie auch so eigensinnig über ihren heimlichen Ausflug geschwiegen, wie vordem über ihr Leben; sie habe die über sie verhängte Strafe still ertragen und war seit jenem Tage dem Institut wie einem Heim anhänglich geblieben. Eigentlich war sie über das Zöglingsalter hinaus. Da sie jedoch nebst dem, daß sie den Unterricht theilte, auch bei dem Sauberhalten des Haus⸗ wesens und bei der Aufrechterhaltung der Hausordnung sich thätig erwies, so hatte man sie dabehalten, und benutzte sie zu einzelnen Vertrauensposten wie eine zum Hause Gehörige.
(Fortsetzung folgt.)
Lose Blätter.
Das Dharma⸗Radschah Fest. Ein furchtbares Fest wurde in Ostindien alljährlich dem Dharma-Rhadscha zu Ehren gefeiert und hieß das Feuerfest, weil man an demselben über das Feuer mit bloßen Füßen gehen mußte. Es dauerte achtzehn Tage, und während dieser Zeit mußten alle diejenigen, welche das Gelübde gethan hatten, dasselbe zu feiern,— sich des Umgangs mit Weibern enthalten, auf bloßer Erde schlafen und über einen Haufen glühender Kohlen gehen. Am achtzehnten Tage zogen sie zu dieser Feier⸗ lichkeit unter den Klängen der Musik auf, das Haupt mit Blumen bekränzt, den Leib mit Safran bestrichen. Die Schritte taktmäßig abgemessen, folgten sie den Bildern des Dharma⸗Radschah und seines Weibes Drobeda, welche beide in Prozession vorausgetragen wurden. War man beim Feuer an⸗ gelangt, so störte man es auf, damit die Flamme desto heftiger wurde, und nahm etwas Asche, womit man sich die Stirne rieb. Nachdem die Götzen⸗ bilder dreimal um das Feuer herum getragen waren, gingen alle schneller oder langsamer, je nachdem es jedem seine Andacht eingab, über das glühende Feuer eine Strecke von etwa vierzig Fuß hinweg. Einige trugen dabei ihre Kinder in den Armen, andere Lanzen, Säbel und Fahnen. Die Eifrigsten gingen einigemal nach einander über das glühende Feuer. Ist diese Feierlichkeit vorbei, so bemüht sich das Volk, etwas von der Asche zu sammeln, um sich damit die Stirne zu reiben; auch bittet es die Andächtigen um einige von den Blumen, mit denen sie bekränzt waren, welche es dann sorgfältig aufbewahrt. M.
Saphiriana. Als sich der bekannte Humorist Saphir in Leipzig auf Besuch befand, ließ sich ihm der Souffleur Koffka vorstellen.„Ah,“ sagte Saphir,„freut mich, ich habe schon sehr viel von Ihnen gehört.“—„Wo denn?“ fragte bescheiden der Souffleur, der sich sehr geschmeichelt fühlte. „Auf Ehre,“ war die Antwort,„ich habe schon sehr viel von Ihnen gehört, denn ich war bereits zweimal im hiesigen Theater.“—
Einst wurde Saphir vom Theaterdirektor M. besucht, und nach dem⸗ selben kam eine junge geistreiche Dame, welche sich wunderte, den Humoristen so verstimmt und wortkarg zu finden.„Sie werden,“ sagte Saphir,„mich heute sehr dumm finden, aber Theaterdirektor M. ist soeben bei mir ge⸗ wesen und wir haben unsere Gedanken ausgetauscht.“—
Ein Kompositeur, dessen neuestes Werk in Saphir's Journal:„Der Humorist“ getadelt worden war, begegnete dem Redakteur auf der Straße und rief ihm zornig zu:„O, die Zeit wird schon einmal kommen wo ich Sie in Wuth setzen werde.“„Setzen Sie mich, in was Sie wollen, nur nicht in Musik!“ erwiderte Saphir.—
In einem Theater wollte man ihm die Taschenuhr stehlen. Er faßte die Hand des Diebes und sagte ruhig:„Verzeihen Sie, dazu ist sie nicht aufgezogen worden.“— Auf der Bastei in Wien begegnete er einer Dame, die erst kürzlich durch ihren überschwenglichen Luxus 57 5 reichen Souteneur zu Grunde gerichtet hatte.„Stellen Sie sich vor,“ rief sie Saphir an, „was ich jetzt für eine Plage habe! Ich muß ausziehen!“„Wen?“ fragte Saphir lakonisch.—
Auf einer Lustreise fand Saphir im reizenden Aign bei Salzburg das dortige Fremdenbuch durch schale Gedichte und Bemerkungen verunziert. Er schrieb folgendes Impromptu in dasselbe:
„Ich mache, Natur, dir jetzt einen zweiten Besuch,
Und finde ein zweites beschriebenes Buch,
Und dich dennoch so schön und frisch wie du gewesen— Gewiß, Natur, gewiß, du kannst nicht lesen!“—


