Ausgabe 
7.8.1887
 
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Leben ganz unglücklich werden, weil er sich immer, tiefe Kümmerniß drückte, nach Italien dachte. Schon als Knabe begeisterte er sich an Italiens Geschichte, Kunst und Natur. Lange Zeit befand sich über seinem Bette eine Ansicht des Forums von Rom, später hing beständig ein großer Plan von der ewigen Stadt in seinem Zimmer und diesen studierte er immer und immer wieder. In den Zeitungen und Zeitschriften entging ihm kein Artikel, selbst nicht die kleinste Notiz über Rom, so daß er jederzeit über Alles, was dort vorging, was dort restaurirt, gebaut und verändert wurde, auf's Genaueste informirt war. Oft traf ich ihn, wenn ich bei ihm eintrat, wie er mit dem Finger die Straßen entlang fuhr und entweder traurig mit dem Kopfe schüt⸗ telte, daß diese oder jene antike Mauer nun verbaut worden sei, oder wie er glänzenden Auges in den Ruinen herum suchte, weil dort, rechts vom Triumph⸗ bogen des Konstantin, oder am südlichen Ab- hange des Palatini⸗ schen Hügels der Torso einer Statue oder die Grundmauer eines ver⸗ schollenen Tempels ge funden worden sei. Selbstverständlich be⸗ saß er denn auch eine außerordentliche Kenntniß von Italien, besonders aber von Rom. In allen Vier⸗ teln wußte er Bescheid wie ein Einheimischer, jedes Gebäude von Be⸗ deutung kannte er, und von den antiken Bau⸗ werken vermochte er jede Säule zu schildern, jsede Statue zu er⸗ läutern. Daher kam es denn auch wieder⸗ holt, daß Künstler und Gelehrte, die in Rom gewesen und mit denen er in Gesellschaften zu sammentraf, schon bald ob seiner großen Ver⸗ trautheit mit allen Ver⸗ Jältnissen der Stadt verwundert die Be⸗ merkung fallen ließen, er habe wohl Rom schon wiederholt be sucht. Eine seltsame

sobald ihn eine

Junger Piemontese.

Gemälde von Marie Creglinger.

Betroffenheit bemächtigte sich dann seiner, und fast wie ein nur

zaghaft gemachtes Geständniß klang es, wenn er erwiderte, daß zine Romfahrt zwar sein sehnlichster Wunsch sei, die Verwirklichung desselben sich aber noch immer nicht habe machen lassen. Doch hoffe er, daß er nun bald einmal die Reise werde unternehmen können.

Und wie daheim in seiner Studierstube und im geselligen Ver⸗ gehr, so beschäftigten ihn aus seinen Spaziergängen in Wald und Feld zumeist die Gedanken an Italien. Er freute sich der Abend⸗ wolken, die eine italienische Färbung trugen, wie der Berge, die italienische Linien zeigten, und traf er einen italienischen Drehorgel⸗

spieler, so trat er stets zu ihm und fragte ihn mit freundlichen

Wohlwollen nach der Heimath.Di Parma! erhielt er meist zur

Antwort.Ah! Di Parma! Una bella città! erwiderte er dann wie Einer, der seine glücklichsten Jahre dort verlebt hatte. Das Projekt der Reise beschäftigte ihn fort und fort. Schon

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als Student hatte er die Absicht, eine Fußwanderung nach Rom im Stile Seume's zu unternehmen, da aber sein Vater darauf drang, daß er alsbald in Amt und Stellung komme, so unterblieb die Ausführung. Dann ward er Lehrer an unserem Gymnasium, und nun sparte er ununterbrochen für seine Reise. Ich schenkte ihm daher in jener Zeit einmal zum Geburtstage eine Sparbüchse in Form eines ernsthaft mit Blech beschlagenen Eisenkästchens, auf dessen Deckel ich geschrieben hatte:Sammle Kapitalien hierin für Italien! Natürlich machte ihm der kleine Spaß ein außerordentliches Vergnügen; er stellte das Kästchen in das geheimste Schubfach seines

Schreibtisches und ließ jeden Thaler hineinwandern, den er erübrigen konnte. Oft versagte er sich einen Genuß mit dem Bemerken, daß die Ausgabe dafür zwei Tage in Rom bedeute, und ließ dann auch in der That die entsprechenden Geld stücke in das Kästchen gleiten. Leider mußte er dann aber immer und immer wieder Anleihen bei seinem Schatze machen, zu⸗ nächst als er sich ver⸗ heirathete, weiterhin als nach und nach eine fröhliche Kinderschaar bei ihm einzog und auch mancherlei Krank heit und Mißgeschick ihn traf. Dennoch gab er die Hoffnung, seinen Herzenswunsch noch einmal erfüllt zu sehen, nicht auf; fort und fort lebte und webte er in seinem Reiseplane, und immer wieder ent⸗ deckte er eine neue, noch bequemere Route, als die bisher von ihm festgestellte.

Darüber gerieth er, ohne daß er es selbst recht merkte, allgemach in's Alter. Seine Kin⸗ der waren hinausge⸗ gangen in die Welt aber das war ja nur günstig für seine Reise. Seine Ersparnisse in dem Kästchen häuften sich an wie nie zuvor, und mit jedem Monate sah er sich seinem er⸗ sehnten Ziele näher und näher gerückt. Da erhielt ich eines Tages ich wohne jetzt, seit ich meine Advokatur aufgegeben habe, draußen vor der Stadt einen Brief von ihm, in welchem er mittheilte, daß jetzt Alles ab gemacht sei. Er lasse sich pensioniren, bereits mit dem Ersten des nächsten Monats, seine Frau gehe darauf zur Tochter, und er könne dann ohne jede Sorge auf Monate o, er könne das Glück gar nicht fassen auf viele Monate nach Rom gehen. Demnächst werde er einmal kommen und mir alles Nähere erzählen.

Ich war verwundert über die große Eile, mit der schließlich diese wichtigen Abmachungen, besonders die Pensionirung, betrieben worden waren; früher hatte er bei derartigen Angelegenheiten auch meinen Rath eingeholt. Es muß ihm an der schnellen Abwicklung der ganzen Sache sehr viel gelegen sein. Und so war es auch. Als er einige Tage nach seinem Briefe bei mir eintrat, rief er nach kurzem Gruße:

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