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„Es ist die höchste Zeit, daß ich reise. Ja, ich bin, so zu sagen, schon unterwegs nach Rom; einen Koffer habe ich bereits vorausgeschickt. Du hast sie wohl gelesen, diese erschütternden Artikel von Gregorovius und Grimm über die barbarische Zertrümmerung des alten Rom! Es ist empörend, daß das Municipium von Rom kühlen Herzens den Abbruch des Klosters Araceli dulden, daß die gesammte gebildete Welt der Zerstörung der Villa Ludovisi ruhig zusehen kann!“
Ich wandte ein, daß man ja die Villa Ludovisi selbst nicht an⸗
tasten wolle, sondern nur ein Stück des Parkes abschneide; aber ich steigerte seine Aufregung nur. „Du willst doch dieses unverantwortliche Vorgehen nicht etwa entschuldigen?“ versetzte er.„Wie würde der alte Olympier von Weimar seine Blitze hinabschleudern, wenn er von dieser Schmach vernähme! Vor der Juno Ludovisi genoß er seine weihevollsten Stunden in Rom!— Und was soll sonst nicht noch alles auf den Abbruch verkauft werden! Die Villa Albani, wo Winckelmann mit Vorliebe weilte, der Arkadenhof des Palazzo Strozzi; dann soll der Giardino Colanna mit seinen dreihundertjährigen Cypressen aus⸗ gerodet werden— o, man wird es noch erleben, daß die hehre Melancholie der Campagna einem großen Rieselfelde für Zuckerrüben weichen muß!“
Bei diesen Worten wurde mir ein Holzhändler, ein früherer Klient, gemeldet, mit dem ich mich noch auseinanderzusetzen habe; ich bat Ulrich daher, mich auf einige Zeit zu entschuldigen, er möge sich unterdessen noch einmal fragen, ob diese Umgestaltung sich nicht mit zwingender Nothwendigkeit vollziehe; sie würde ihm dann doch immerhin in anderem Lichte erscheinen.
„Nein!“ rief er mit einer Heftigkeit, die ich gar nicht an ihm kannte,„für den Vandalismus giebt es keine Entschuldigung!“
ch ging in meine Studierstube hinüber und wurde dort von dem Holzhändler, der mir seine Angelegenheit mit entsetzlicher Breite vortrug, länger aufgehalten, als ich erwartet hatte. Fast zwei Stunden waren wohl vergangen, als ich wieder bei Ulrich eintrat. Er saß in einem Korbstuhle am Fenster, ein Plan von Rom, den er wohl bei sich getragen haben mochte, lag auf einem kleinen Tischchen vor ihm ausgebreitet, daneben aufgeschlagen Goethe's Italienische Reise, jenes Exemplar, daß ich ihm einst in Jugend— tagen geschenkt. Er saß etwas vorgebeugt, als studiere er den Plan, aber er wandte sich nicht um nach mir, sagte auch kein Wort, als ich mich wegen meiner langen Abwesenheit entschuldigte. Er mußte mir ernstlich zürnen. Ich trat daher zu ihm und berührte seine Schulter — da wankte er so seltsam zur Seite— ich blickte ihm in's Gesicht und fuhr entsetzt zurück— ich sah in's Antlitz eines Todten! Aber ich konnte es nicht glauben; ich rüttelte ihn; ich rief die Dienst⸗ boten; wir legten ihn auf ein Bett; ich holte in größter Eile einen Arzt; es war aber nichts mehr zu retten; es konnte nur noch der Tod konstatirt werden, herbeigeführt durch einen plötzlichen Herzschlag. Die Aufregung um die Erhaltung des alten Rom hatte ihn getödtet; der Schmerz aber, daß er die ewige Stadt niemals schauen sollte, war ihm erspart geblieben; war er doch hinüber geschlummert in dem Bewußtsein, er sei bereits, so zu sagen, unterwegs nach Rom!
Kleine Frauen Zeitung.
Die Mode.
Es gab einst eine Zeit, welche man heutzutage die„gute alte Zeit“ nennt, in welcher man in die Sommerwohnung zog oder auf das Land ging, um von dem Stadtleben auszuruhen, um die Gesundheit wieder zu erlangen oder aufzufrischen und still zu leben ohne Neben- oder Haupt⸗ beschäftigung mit der Toilette, der Koketterie, den„Effekten“. Kurz, man war einfach,— einfach in seinen Ideen und Ansichten, in seinem Wesen, in seinem materiellen Leben.
Aber die gute alte Zeit ist zu Ende, gänzlich verschwunden. Die Lokomotive bat sie hinweggeführt. Bedauern wir dies ein wenig, denn sie vatte wirklich ihr Gutes; aber nehmen wir auch die Veränderungen an, welche durch den ereigniß- und verhängnißvollen Lauf der Dinge in unser Dasein gebracht worden, und bemühen wir uns, die guten Seiten davon herauszusuchen und zu benutzen.
Also wir gehen gegenwärtig ebenfalls auf das Land, in die See- und die Gebirgsbäder, wir gehen auf Reisen mit der Verpflichtung, immer mit Geschmack, oft selbst mit Eleganz gekleidet zu erscheinen. Auch dies hat seine guten Seiten. Denn viele Familien leben von den Arbeiten, welche zu unserer Kleidung nothwendig sind, von den vielen kleinen Nichtigkeiten, welche zum Schmuck unserer Persönlichkeit beitragen.
Die Toilette für den Landaufenthalt nimmt daher eine gau besondere und wohl zu unterscheidende Rubrik in der„Kunst sich zu kleiden“ ein. Man verlangt darin Einfachheit und bringt auch eine socche hinein, aber dies schließt ein gewisses„Suchen“ in der Wahl der Formen der Kleidungs⸗ stücke, in der noch schwierigeren der glücklichen und harmonischen Farben- verbindungen nicht aus. Die Kleider haben das Ansehen, leger, weniger anschließend zu sein durch ihre Falten, ihre Kräuselungen, ihre langen, Wit drapirten Polonaisen. Jedoch ist es eben nur das Ausebhen; in Wirklichkeit sitzen sie allein gut, wenn sie ein faltenloses, fest sich an⸗ schmiegendes Taillenfutter haben, wenn ihnen ein sorgfältig gearbeitetes Korset von trefflichem Schnitt als Stütze dient.
Einer großen Gunst erfreut sich die Blousen⸗Polonaise, vornehmlich 15 den ländlichen Kleidern aus Voile, bedrucktem Crepon de laine und Wollenmuslin, Elsasser Toile, Satinette und Batist. Man kräuselt die Polonaise gewöhnlich an eine vorn und im Rücken zugespitzte Schulterpasse (empiècement), die faltenlos oder in kleine und feine Puffenreihen gezogen ist und von einem vier bis fünf Centimeter breiten Sammetband e 41 wird; ein ebensolches Sammetband geht in der vorderen Mitte nieder und verdeckt den Knopf- oder Haken- und Oesenschluß. Um die Aermel und rings um den Saum des schlicht und einfach niederfallenden Rockes wieder— holt sich dann je in einer Reihe das Sammetband, das man auch durch eine Sammetblende ersetzen kann.
Die Anzüge für den Meeresstrand werden aus festen, soliden Wollen⸗ stoffen bereitet und mit Mohairgalons garnirt, mit cremefarbenen auf dunkel ⸗ blauen Kleidern, mit rothen oder weißen auf marineblauen, mit blauen auf weißen Kleidern ꝛc., und diese Galons setzt man in mehreren sich ab- stufenden Reihen oder in einigen gleich breiten Reihen auf. Gestickte oder genähte Anker in der Farbe der Galons sind dann in den Ecken des ee oder in den Revers, auf dem Stehkragen und den Quilles angebracht.
Nicht minder beliebt für den Morgenanzug am Strande ist das Kostüm aus gestreiftem Crepon ⸗Flanell, cremefarbener, robgelber oder beigefarbener Grund mit rothen oder blauen Streifen. Der einfache Rock wird mit einer kurz geschürzten Tunika„laxeuse“ versehen, deren Umschlag mit Surah in der Farbe der Streifen bekleidet. Ein gestreiftes Jaquette mit seidener Chemise Molière vervollständigt ein derartiges Kostüm, das mit einem Leibchen nicht so fesch aussehen würde.
Ueberhaupt ist der wollne Anzug unentbehrlich, wohin man auch gehen mag. Diejenigen aus Etamine, Crepon de laine, Vigogne dc. werden eben⸗ falls mit Galons, doch noch häufiger mit rohgelben Spitzen und farbigen Stickereien, oder, als„einfache Neuheit“, mit Schrägstreifen aus klein ⸗ karrirten oder mit Erbsen bedrucktem Foulard ausgeputzt. Ein solcher Schrägstreif zieht sich um den Rock und die Draperien desselben oder, ist er sehr breit, einzig um die Draperien, sich dann in den Rückenpuff mischend. Ferner verwendet man bei derartigen Garnituren den Foulard zur Schulter passe oder zum Plastron, zum col oklicier und zu den Aermelmanschetten.
Man fertigt in gleicher Weise Kleider aus 1 Baumwollen⸗ stoffen mit karrirten, gestreiften, erbsen⸗ oder blumen edruckten Garnituren. Aber, wie ich schon letzthin angeführt: man vernachlässigt dieselben mehr und mehr und wendet sich mit Vorliebe den wollenen Toiletten zu, welche weder des Waschens noch des Plättens bedürfen.
Früher— vor dreißig Jahren— als es noch Anklänge an„die gute alte Jeit“ gab, bügelte man sich oft selbst sein Kleid auf; damals bestand es aus einem einfachen Rock und einem Gürtelleibchen. Aber wer wird heute bei den komplizirten Kostümen den Muth haben und die Hälfte seines Lebens dafür opfern, dieselben auseinanderzutrennen, waschen zu lassen, auf; zubügeln und wieder in den Stand zu setzen? Zumal man sie doch nur einige Tage, ja vielleicht nur einige Stunden in ihrem Glanz, ihrer Frische tragen könnte. Diese Schwierigkeit ist es, welche den leichten wollenen Ge⸗ weben, den Foulards und den Surahs die großen Wege gebahnt, die all · gemeine Gunst zugewandt hat.
Besonders den Foulards! Man trägt dieselben kleinkarrirt oder mit winzigen Musterchen bedruckt und dazu einfarbige Foulard Garnituren und umgekehrt: einfarbige Foulardkleider mit gemusterten Garnituren. Auch der rohgelbe Tussor findet vielen Beifall. 4
Wenn ich überhaupt der Farben gedenken will, welche die Mode pro- tegirt, so sehe ich, daß die rosa Anzüge in verblaßten Tönen, wie eglantinen. 5 5 altrosa ꝛc., die porzellanblauen(ein ganz mattes Blau mit grauem um den Preis der Grazie mit den weißen Roben kämpfen; diese wie jene werden besonders viel von den jungen Mädchen zur eleganten Toilette gewählt und dazu große, mit Blumen reich geschmückte Hüte und Capelines, welche durch ihre Bänder die zarten Nüancen des Kleides zurückrufen. 4
In den malven- und glycinienlila Tönen sind ebenfalls reizende Phan ⸗ tasien zu bemerken. Das Gelb und das Gold, welche Furore machen(denn es giebt keinen andern Ausdruck, um die Intensität des gegenwärtigen schmackes für das Gelb zu bezeichnen), verbinden sich auf wunderbare Weise mit jenen Farben, und eine Toilette, in diesem Genre glücklich zusammen: gestellt, hat wirklich„Stil“. Sie wird dann kokett vervollständigt durch eine kleine Capote in Goldfiligran über malvenlila Unterlage mit einem Tuff malvenfarbener Blumen und Goldähren oder durch eine solche aus glycinienfarbenem Tüll mit goldfestonnirter Passe und überragt von einem kühnen Aigrettenstrauß gelber Blumen.
Der prononcirte Geschmack für die sanften Farben schließt keineswegs das flammende Rotb aus. Hüte und Kleider leuchten darin mit eltener Kühnheit, und welcher Widerspruch!— nachdem man über das Au allende des Roth zu Felde gezogen, ruft man jetzt aus:„Ach, es ist wirklich ent · ückend, und wie gut es kleidet!“ Und ich stimme ebenfalls ein,. 1 en junge Mädchen und Kinder in dem rothen Foulard mit astillen von etwas hellerem Roth, in der rothen Mousseline de laine mit weißen
Hauch)


