Ausgabe 
7.8.1887
 
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kundigungen nach meinem gefälligen Schüler, dem die Vergangen heit seines Onkels das interessanteste Studium gewesen war, und der Brief war fertig.

Am andern Morgen fanden wir uns mit etwas langen Gesichtern im Schulzimmer ein. Ich durfte Guy kaum seine totale Unlust am Arbeiten übel nehmen; hatte ich doch selbst meinen Geist sechs Wochen lang mit Fragen beschäftigt, die mich über Gebühr in An spruch genommen hatten. Er berührte nicht mehr die Frage über seiner Mutter Heirath, blieb aber mürrisch und wortkarg. Das Un wohlsein der Marquise dauerte nicht lange; sie erschien bald, jugend licher und schöner wie vorher, wieder bei den Mahlzeiten. Da aber gerade vor der Fastenzeit die Soireen und Bälle sich häuften, sahen wir sie viel seltener und waren Abends oft allein. Der Vormund hatte, der streng kirchlichen Richtung der Legitimisten gemäß, das Theater ganz verboten, Guy es aber bei seiner Mutter erlangt, daß er es wöchentlich einige Mal besuchen durfte. Er war wieder mit einem älteren Bekannten gegangen, und ich saß Abends vor dem Diner allein am Kamin, da rauschte die Portiere und die Marquise stand vor mir. Ich war wie geblendet; der Atlas ihres pfirsichfarbenen Gewandes glänzte in dem schweren Faltenwurf bald silbern, bald tief dunkel, Diamanten blitzten in der Form von Johannisblumen in ihrem dunkellockigen Haar, an ihrem weißen Halse und an ihren entblößten Armen; ihr zartes rosiges Gesicht mit den lachenden braunen Augen war heute von besonderer jugend licher Schönheit.

Endlich kann ich Sie einmal allein sprechen, flüsterte sie und fing an, einen der hellen Glacehandschuhe über ihre Kinderhand zu ziehen. Sie sah mich nicht an, sondern hielt die Augen fest auf ihre Arbeit gerichtet.Es sind unangenehme Monate, die wir noch bis August mit Guy durchzumachen haben, mein lieber Herr. Er ließ heute den Wunsch durchschimmern, in die Bretagne zurückzu⸗ kehren, es wäre mir lieb, wenn Sie ihn in diesem Wunsch unter⸗ stützen wollten. Ich bin in schlimme Wirren gerathen; Guy hat sich hier zum Herrn gemacht. Denken Sie doch an meine Lage und an die Zukunft, die mir bevorstünde, wenn Guy mit zunehmen den Jahren mein Tyrann würde. Mein Leben ist nicht immer rosenroth gewesen. Mein Sohn gleicht seinem Vater; ich bin aber nicht gesonnen, bis an mein Ende in der Sklaverei zu leben. Sie verstehen mich, Herr Liäbär. Wenn Sie sich freundlichst bemühen wollten, meinen Sohn mit dem Schritt auszusöhnen, den ich im Begriffe bin zu thun, so werde ich Ihnen sehr dankbar dafür sein. Machen Sie Guy besonders darauf aufmerksam, daß es ein wohl⸗ meinender Rath in seinem eignen Interesse ist, sich mit dem Vicomte René d' Avricourt in gutes Einvernehmen zu setzen. Nun war der Handschuh am runden Arm festgeknöpft und sie sah mich mit einer Bewegung der Entschlossenheit an.

Darf ich der Frau Marquise meine besten Glückwünsche dar bringen, sagte ich und reichte ihr die Hand.

Danke, danke, mein lieber Herr, erwiderte sie flüchtig.Es ist noch Alles tiefes Geheimniß, Sie begreifen; die Heirath findet erst im Sommer statt, wegen der Hochzeitsreise nach dem Norden.

Soll ich Guy von der Angelegenheit sprechen, wie von einer definitiv beschlossenen Sache? fragte ich sie.

Nein, ja, wie Sie wollen; thun Sie aber so, daß ich möglichst wenig unter Guy's Trotz zu leiden habe. Warten Sie jedenfalls, bis Sie mit ihm in der Bretagne sind, und mir fröhlich zu nickend, verschwand sie hinter der Portiere.

Die Vorbereitungen zu unserer Abreise waren eiligst gemacht worden. Guy hatte mir mit feindseliger Miene erklärt:Ich kann den d' Apricourt nicht mehr ertragen, machen wir, daß wir aus Paris fortkommen. So fuhr denn der Wagen vor, der uns zur Eisen⸗ bahn bringen sollte. Beim Einsteigen reichte mir der Briefträger einen Brief, dessen Schrift mir wohlbekannt war. Mit Ungeduld hatte ich das Schreiben erwartet und steckte es befriedigt zu mir. Mein liebenswürdiger Schüler ließ mir völlige Freiheit meines Gedankenganges und störte mich durch keinen Versuch, eine Unter⸗ haltung anzuknüpfen, und da er es seiner Würde und seinem Range gegenüber für unstatthaft hielt, sich überhaupt um die Angelegen⸗ heiten seines Erziehers zu kümmern, hatte ich Muße, die Antwort der Excellenz zu lesen. War das der stille Greis mit den ruhigen, ja unbeweglichen Zügen, der so schrieb? Wo war die weiße Decke, die ihn mit Eis und Schnee umhüllte? Ja, das war es, Heine

hat den Traum des Greisenalters gemeint; das, was groß und überwältigend im Herzen gelebt hat, stirbt nicht, es umhüllen es nurEis und Schnee.

Mein lieber junger Freund, schrieb der General.Ihr Schreiben ist wie in ein altes stilles Haus gefallen, das seit Jahr⸗ hunderten in einer verlassenen Ecke steht, und in das plötzlich ein Antiquitätensammler einbricht und nach den verstaubten Schätzen, die ehemals der Stolz und die Zierde des Hauses waren, mit eifrigen Händen sucht. Der Gruß der Frau, die einzig und un⸗ verschmerzt lange Jahre in meiner warmen Erinnerung gelebt, kommt mir wie aus einer andern Welt. Es ist eine alte Geschichte, wie es deren so viele giebt, nur ist ihre Wirkung und Nachhaltig⸗ keit verschieden. Sie sagen, daß die Greisin eine ungewöhnliche Frau ist? Denken Sie nur, was sie im Liebreiz der Jugend gewesen sein muß, als ihre volle große Künstlerseele, eine herrliche Knospe, nach Entfaltung, nach Sonnenschein und Glück strebte. So habe ich Evote de St. Villefranc gekannt. Der Baron und die Baronin de St. Villefrane waren von jenen alten strengen Legitimisten, die, wie ihre zurückgekehrten Könige, nichts gelernt und nichts vergessen hatten. Zwischen diesen, in ihren Vorurtheilen verknöcherten Ver⸗ wandten war das lebensfrische, gottbegabte Wesen aufgeblüht, das mich schon beim ersten Anblick blendete und mir wie aus einer Märchenwelt zu kommen schien. Diese Frische der Empfindung, das Treffende, Packende und dennoch so unbeschreiblich zart Poetische in jeder ihrer Bemerkungen, riß mich schon in den ersten Tagen zu offener Bewunderung hin. Diesem herrlichen Kinde hatte die Natur Alles mit freigebigen Händen gespendet; sie malte mit wenigen Pinselstrichen nach der Natur Alles, was ihr zu Gesicht kam; sie sang, wie ich nie mehr habe singen hören und war Meisterin auf dem Piano; dabei wurden die alten Sprachen zu der reizendsten Musik in diesem frischen Kindermund, und mancher alte Professor, der das Studium des Griechischen und Lateinischen sich sein langes Leben lang hatte sauer werden lassen, hätte die Flinte in's Korn werfen müssen vor dem siebenzehnjährigen Mädchen. Das Alles kam ungekünstelt, anspruchslos nur bei Gelegenheit zum Vorschein. Evote de St. Villefranc wäre ein harmloses Kind gewesen, ohne den unbeschreiblichen Ausdruck ihrer grauen Augen. Wer kann es mir verargen, daß ich ihr eines Tages bei einem Spaziergang durch den Schloßpark, auf welchem Onkel und Tante in steifer Majestät mit einigen meiner Kameraden folgten, meine Gefühle gestand? Mademoiselle Evote war nicht wie andere junge Mädchen, sie er röthete nicht, sie sah nur sinnend vor sich hin und reichte mir die Hand. In den folgenden Tagen, die unserm Abmarsch voraus gingen, fand ich bei der strengen Zurückhaltung, die damals in den hohen legitimistischen Kreisen für ein junges Mädchen selbstverständlich war, mich mit Mademoiselle de St. Villefranc zu verständigen, keine Gelegenheit; ihr zu schreiben, daran durfte ich gar nicht denken. Wohl war ich überzeugt, daß ihre Augen eine besondere Sprache für mich hatten, und als ich schied, drückte sie mir ihr wohlgetroffenes Miniaturbild in die Hand. Ich wollte vor dem Abmarsch mit dem Baron sprechen, wurde aber durch ein Unwohlsein, das uns ihn in den letzten Tagen unsichtbar machte, daran verhindert. Der letzte Abend gab mir die Gewißheit, daß Mademoiselle de St. Villefranc meine Liebe erwiederte. Sie erschien auffallend niedergeschlagen bei Tisch, und als ihre Tante sich erhob, um sich von uns zu verab⸗ schieden, erbleichte sie sichtbar und ihr Blick irrte erschreckt zu mir. Hat sie irgend eine entscheidende Handlung von mir erwartet? Diese Frage hat mir manches Jahr alle Lebensfreude vergällt. Die ruhigere Ueberlegung aber hat mir später die Gewißheit gegeben, daß die Anschauungen, in denen sie aufgewachsen war, ihr jeder zu kühne, äußerste Schritt von meiner Seite als eine Beleidigung ihrer Person erschienen wäre. Als der Morgen der Sommernacht dämmerte, zogen wir ab; ich hatte bis zum Aufbruch geschrieben und dem Baron meine Hoffnungen hinsichtlich seiner Nichte vorgetragen. Die Antwort kam prompt und lautete ungefähr so:

Ihr geehrtes Schreiben hat mich in Erstaunen gesetzt. Sie scheinen zu ignoriren, daß die Töchter der Adelsfamilien Frankreichs so wenig die freie Wahl eines Gatten haben, wie die Prinzessinnen unseres Königshauses. Mademoiselle Evote de St. Villefranc ist in diesen Prinzipien erzogen und wird hinsichtlich dieser Frage nie einen andern Willen haben, als den unsern. Unsere Nichte ist unsere Erbin, und wir werden nur abwarten, daß unser schwer⸗ geprüfter König die Ruhe auf dem Throne gefunden hat, deren er