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keinen Widerstand entgegen zu setzen, deshalb sei er dafür, daß man Dich nächsten Herbst in irgend einem Kolleg unterbringe.“
Guy stand regungslos da, er war ganz bleich geworden und zitterte vor Aufregung.„Ich bin der Marquis de Boisville, bin siebenzehn Jahre alt und erlaube Niemand, daß er willkürlich über mich verfüge,“ sagte er mit heiserer Stimme.
Die Marquise brach in Thränen aus und schluchzte in ihr Taschentuch. daß Guy keine Autorität mehr anerkennt. Was bleibt mir nun anders übrig, wie mich ganz passiv zu verhalten und Guy's Onkel jede Verfügung zu überlassen.“
„Regen Sie sich doch nicht unnöthiger Weise auf, Kousine,“ beruhigte der Vicomte,„Guy ist ja ein vernünftiger Junge, und er weiß recht gut, daß der Marquis gar nichts hilft, so lange man nicht großjährig ist und unter dem eisernen Willen eines Onkels und Vormundes steht, wie der seine.“ Guy sah ihn mit einem langen mißtrauischen Blicke an.
„Sei nicht böse, mein Junge,“ sagte d' Avricourt und hielt Guy seine Rechte hin,„wir sind ja immer Freunde gewesen, und als Freund werde ich Dir nie rathen, Dich mit Deinem Vormund auf den Kriegsfuß zu setzen.“
Guy schlug nicht in prompt das Zimmer.
„Ich glaube, Kousin, daß Guy's Vormund Recht hat,“ versetzte die Marquise mit kläglicher Stimme, und gegen mich gewendet sagte sie mit bekümmertem Gesicht:„Mein armer Herr Liäbär, ich wollte Ihnen das Herz nicht schwer machen von Anfang an, da stand Ihnen schon der unerträgliche Aufenthalt in Pincy bevor, was sollte ich Ihnen jede Lust zum Eintritt hier benehmen, indem ich Ihnen vertraute, daß mein Sohn mich tyrannisirt, daß ich jeder seiner Launen nachgeben muß, wenn ich nicht täglich Auftritte, die mich tödten, hervorrufen will. Ich bin nicht dazu gemacht, Guy's starren Willen zu brechen; ich fürchte, Sie vermögen es auch nicht. Weit entfernt davon, Ihnen einen Vorwurf zu machen, bin ich der Ansicht meines Schwagers, daß meinem Sohn die eingeschränkteren Verhältnisse einer guten Erziehungsanstalt noth thun, daß er hier in der Unabhängigkeit, die er sich täglich schrankenloser zu machen versteht, zu einem unglücklichen Verschwender wird.“
Ich machte eine stumme Verbeugung. Sie reichte mir mit einem bittenden Ausdruck die Hand über die Seitenlehne des Sessels, der Kousin zog finster die Brauen zusammen.„Sie werden mich für veränderlich halten,“ sagte sie,„Herr d'Avricourt aber weiß, wie unerträglich mir Guy das Leben macht, und wie ich den Ausspruch seines Vormundes wie einen Rettungsanker für mich begrüßt habe.“
„Ermüden Sie sich doch nicht so sehr, Kousine,“ sprach der Vicomte mit sichtbarer Ungeduld und reckte seine elegante Gestalt hoch vor dem Kamin empor;„wozu alle diese Erklärungen? Sie sind der erste und oberste Vormund Ihres Sohnes und sind zudem Herr in Ihrem Hause.“
Sein Ton schien sie einzuschüchtern, sie blickte auf ihre niedlichen Hände in ihrem Schooß, und als ich mich entfernen wollte, fuhr sie fort:„Wenn Sie bis zum August bei Guy bleiben wollen, werde ich Ihnen dankbar dafür sein.“
Im Hinaufsteigen in mein Zimmer kamen mir so allerlei Gedanken über die Unbeständigkeit bestehender Verhältnisse; meine Zuneigung für Mutter und Sohn war eigentlich noch nicht zum Durchbruch gekommen, und so war mein Bedauern von dieser Seite mäßig; sonderbarer Weise aber gab es mir einen Druck auf's Herz, als ich plotzlich der Gräfin Dutillier gedachte. Sie nicht wieder zu sehen, that mir ganz ernstlich leid. So machen wir Entdeckungen in uns selbst, die uns höchlichst erstaunen. Es war und blieb aber so: ich fühlte ein unbegreifliches Bedauern, die räthselhafte Frau nun auch zu den Phantomen zu zählen, die schattenhaft in dem Wanderleben eines Hauslehrers vorüberziehen. Ein Phantom wurde diese Frau nicht für mich, der Blick ihrer grauen Augen ließ sich nicht vergessen, das leicht von ihr hingeworfene Wort ging in die Seele hinein und faßte da feste Wurzel.
Guy stand in meinem Zimmer, als ich in Gedanken verloren eintrat.„Was meinen Sie, ist es der Frau Marquise Ernst mit ihrer Drohung?“ fragte er und schlug die Arme übereinander. Sein Ton war überaus gereizt.
„Drohung?“ fragte ich meinerseits,„die Frau Marquise hat nur den Machtspruch Ihres Vormundes wiederholt.“
d'Avricourts Rechte ein, sondern verließ
„Sehen Sie, Kousin, ich soll es nun verschuldet haben,
„Machtspruch? Er wird zur Einsicht gelangen!“ lachte er auf. 14
„Man müßte mich gebunden und gefesselt fortschaffen, freiwillig.
gehe ich nicht.“ 0
„Es könnten Verhältnisse eintreten, die Ihnen das Fortgehen selbst wünschenswerth erscheinen ließen—“
Guy faßte mit beiden Händen meinen Arm und sah mir bleich und verstört in's Gesicht.„Sie wollen sagen?“ stammelte er.
„Ich will nichts sagen,“ rief ich, erschreckt über die Wirkung meiner Worte. l
„Sie sind der Ansicht, daß meine Mutter sich mit diesem d' Avricourt verheirathen wird?“ versetzte er mit bleichen Lippen und stockendem Athem.„O, mein armer Vater!“ rief er verzweiflungs⸗ voll und drückte die Hände vor's Gesicht und weinte laut.
Meine Mahnung zur Vernunft, meine besänftigenden Worte, Alles half nichts; er fuhr fort, herzbrechend zu weinen, endlich stand er auf und sagte entschlossen:„Ich will Gewißheit haben, sogleich!“
„Sie warten, bis die Frau Marquise es Ihnen mittheilt,“ er⸗ widerte ich und stellte mich mit der ganzen Autorität, deren ich fähig war, ihm in den Weg.„Bedenken Sie, was Sie anrichten könnten, wenn Ihre Vermuthung fehl geht. Sie könnten durch Ihr trotziges Auftreten den Herrn Vicomte gerade dazu reizen, Ihr Stiefvater zu werden.“
So naiv auch dieses mein Argument war, so verfehlte es bei Guy seinen Zweck nicht. Er wurde nachdenkend und begab sich in sein Zimmer. Wir speisten allein; die Marquise ließ melden, sie fühle sich zu unwohl, um erscheinen zu können. Guy ging nicht nach dem Essen zu ihr. Auf meine Aufforderung schüttelte er nach— drücklich den Kopf.„Sie hat mich in Gegenwart dieses d Avricourt heruntergesetzt,“ antwortete er mir finster.
Als ich allein in meinem wohldurchheizten Zimmer mich befand, legte ich mit einem gar wohlthuenden Gefühl ein Blatt Papier vor mich und griff zur Feder. Im Eisenbahnkoupe hatte ich mir schon einen Brief entworfen, der mir höchst gelungen schien, mir aber gerade in seinen schönsten Phrasen abhanden gekommen war, so daß ich nun etwas unschlüssig vor meinem Unternehmen saß.
„Ew. Hochwohlgeboren“— das stand allein auf dem leeren Blatt, wie die einsame Krähe auf dem weiten Schneefelde. Endlich dachte ich:„Excellenz ist ein Mensch wie ein anderer. Betrachtet er mein Schreiben als eine Sünde gegen seine Würde, so muß ich mir es schon gefallen lassen,„werden entschuldigen,“ fing ich tapfer an zu schreiben,„wenn ich mich hiermit eines mir gewordenen Auf- trags entledige. Als ich meinen Schüler zu einem längeren Auf- enthalt zu seiner Großmama, der Frau Gräfin Dutillier begleitete, lernte ich in ihr eine Dame kennen, die Ew. Hochgeboren nicht un⸗ bekannt ist. Beim Abschied trug sie mir Grüße an Ew. Hochgeboren auf, welches Auftrages ich mich hiermit entledige. Die Erinnerung an die Tage, die einige preußische Offiziere in dem Schlosse von Meaux zugebracht, schien noch heute die alte Dame lebhaft zu bewegen. Alt! sage ich? und frage mich dabei, was mich berechtigt, 1 der Frau Gräfin dieses Prädikat beizulegen? Sie hat vom Alter nichts, wie das schneeweiße Haar, und das ist so voll und so schimmernd, wie das von Excellenz. Ihren Geist möchte ich leuchtend nennen; da sprüht hier und da ein Funke, der bis in's Innerste dringt. Im Ganzen ist sie zurückhaltend mit dem reichen Schatz ihres Verstandes und Wissens, und ich habe mir oft gewünscht, da⸗ bei zu sein, wenn diese seltene Frau einmal einem Ebenbürtigen gegenüber stände. Ihr tiefgraues Auge ist von einer seltenen Klar⸗ heit und Schärfe, ihr Gesicht trägt den Ausdruck durchgeistigter Tiefe. Nach einer Vergangenheit, die ihre Hoffnungen und Er⸗ wartungen für's Leben getäuscht, hat sie sich in ein Städtchen der Champagne zurückgezogen und lebt da seit dreißig Jahren, wie Excellenz in Berlin lebt. Ich will hiermit nur die Zurückgezogen⸗ heit ausdrücken. Frau Gräfin Dutillier hat Schiffbruch im Leben erlitten und lebt in bescheidenen Verhältnissen, deren Druck sie aber durch ihre äußerste Bedürfnißlosigkeit die Spitze abgebrochen hat. Wenn Ew. Hochgeboren mich mit einem Gegengruß beauftragen wollten, so würde es gewiß Frau Gräfin Dutillier freuen, eine warme Erinnerung aus jener Zeit zu empfangen, in der sie viel⸗ leicht nur allein das kurze Glück gefunden, das ihr das Leben gewährt hat.“— Hier hielt ich inne, der letzte Satz schien mir gewagt; ich fand überhaupt den ganzen Brief gezwungen und holperig im Vergleich zu dem leichten hochpoetischen Styl, der mir auf der Fahrt von Pincy nach Paris vorschwebte. Dann kamen noch Er⸗


